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OTTO WEININGER
TASCHENBUCH und
BRIEFE AN EINEN FREUND
1920
E. P. TAL & Co. VERLAG • WIEN / LEIPZIG
1923
HUGO HELLER & CIE • WIEN / LEIPZIG
GESAMMELT APHORISMEN
from ÜBER DEN LETZEN DINGE
1904
WILHELM BRAÜMULLER • WIEN / LEIPZIG
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OTTO WEININGER
NOTEBOOK and
LETTERS TO A FRIEND
COLLECTED APHORISMS
from ÜBER DEN LETZEN DINGE
2012
Translation: Kelly Jones
 This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Unported License.
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Herausgegeben von ARTUR GERBER HERMANN SWOBODA MORIZ RAPPAPORT
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Edited by ARTUR GERBER HERMANN SWOBODA MORIZ RAPPAPORT
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(INHALTSVERZEICHNIS)
- ECCE HOMO!
- TASCHENBUCH
- Briefe OTTO WEININGERS
(to Artur Gerber)
- Briefe OTTO WEININGERS
(to Hermann Swoboda)
- Briefe AUGUST STRINDBERGS
(to Artur Gerber)
- APHORISTICH-GEBLIEBENES
- LETZTE APHORISMEN
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CONTENTS
- Translator's note
- ECCE HOMO!
(Introduction by Artur Gerber)
- TASCHENBUCH
- OTTO WEININGER'S LETTERS
(to Artur Gerber)
- OTTO WEININGER'S LETTERS
(to Hermann Swoboda)
- AUGUST STRINDBERG'S LETTERS
(to Artur Gerber)
- APHORISTIC REMAINS
- ULTIMATE APHORISMS
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Translator's note
Otto Weininger's main contribution to humanity is his work, Geschlect und Charakter (Sex and Character), which in explaining the relationship of an individual's gender to their capacity for a deeply rational life, sets man against woman, masculine against feminine. Despite his forewarnings, and tireless attempts to explain as clearly and logically as possible, he has been overwhelmingly interpreted as a misogynist against his express intentions. For this reason, and to try to draw attention back to the original texts, to let them be judged without the aid of politically-correct scholarly commentaries, I am presenting a translation of lesser-known works by Weininger. These works were written at the same time and often deal in the same ideas, but, being more private and/or less formal, have the great advantage of showing how he worked up to his finished ideas.
You will find Weininger's German texts in the left-hand column, and my English translation in the right-hand column. Most of the German texts found in this free online work are derived from the "Weininger Resources" CDROM, available from Kevin Solway's website here. Many thanks to Kevin for generously sharing these works with me, as well as advice and ideas on the translation.
Although no original printed editions were used to make the translation, the e-copies were either scans of originals, or Solway created them from his collection of Weininger books. Therefore, the German texts provided can be judged reliable, generally.
This translation does not deal with Weininger's main works where his most important ideas were formally and completely presented, namely, Geschlect und Charakter (Sex and Character), Über die letzten Dinge, (On Ultimate Things), and his essays; the latter two are available in English translation by Steve Burns1. Rather, it deals with writings more or less polished, including private notes, the collection of aphorisms, and letters.
Much of this material originally came into the public realm some 16 years after Otto Weininger's death in 1903, when Weininger's close friend, Artur Gerber, finally obeyed Weininger's request for him to publish it. Gerber published the Taschenbuch (Notebook), Weininger's letters to him, and August Strindberg's letters to him, in one collection, in 1919. One of the causes for Gerber's hesitation, was Weininger's use of stenography in writing letters and aphorisms; Gerber was unable to decipher certain aphorisms, and it was only with the help of Oskar Ewald, another of Weininger's friends, that a satisfactory copy was finally made.
Gerber's introduction, titled "Ecce Homo!", opens this translation, as it sheds light on Gerber's clear and unfaltering interest in Weininger. A small selection of Weininger's correspondence is included, including a few letters to Hermann Swoboda as found in the latter's book on Weininger's death. Much of Weininger's correspondence is stored physically in libraries in Austria, and was collected into an online archive by Allan Janik, published by the Intelex Corporation but not available to private individuals. I was unable to access that material.
Any errors in translation are entirely my own.
Kelly Jones
1 Steven Burns, A Translation of Weininger's Über die letzten Dinge, (1904/1907) — On Last Things, Edwin Mellen Press, Ltd., 2001
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ECCE HOMO!
Das Jahr 1903 ist das Geburtsjahr der modernen Charakterologie: Im Mai dieses Jahres hat Otto Weinigner sein Werk "Geschlect und Charakter" veröffentlicht. "Das Licht scheinet in der Finsternis und die Finsternis hat's nicht begriffen." Die Zunft schwieg.
Weininger fuhr nach Italien. Er wartete. Kein Wort der Anerkennung, keine ernste, gerechte Stimme über das Buch kam aus der Heimat. Rührend, erschütternd sind die Stellen seiner Briefe, in denen dies unerfüllt gebliebene Sehnen Ausdruck fand.
Vier Monate nach dem Erscheinen des Buches tötete er sich durch einen Revolverschuß ins Herz. Da ward es plötzlich offenbar: Eine Gemeinde war ihm erstanden, gewillt, Zeugenschaft für ihn abzulegen. Friedrich Jodl grüßte das Werke durch den Ausspruch, daß in der Diskussion über die Psychologie der Geschlecter dieses Buch nie mehr werde übergangen werden. Weininger hat diese Genugtuung nicht mehr erlebt.
"Geschlect und Charakter" erzielte binnen kurzer Zeit eine so hohe Auflagenziffer, wie schon lange kein wissenschaftliches Werk, eine beträchtliche Anzahl von Broschüren erschien, eine ganze Weininger-Literatur bildete sich. All diese Schriften, die Weiningers Werk and frühen Tod dem Verständnis weiterer Kreise erschließen wollten, brachten wohl eine Menge theoretischer Weisheit; auf die Frage nach dem Menschen Weininger blieben sie die Antwort schuldig.
*
"Der seltsame, rätselhafte Mensch, der Weininger!" schrieb mir August Strindberg im Jahre 1903.
Mochte Weininger, den Blick zu Boden gerichtet, in Gedanken versunken dahinschreiten, dann mit einem Ruck stehenbleiben, den Kopf in den Nacken zurückwerfen; oder mochte er nachts dunkelste, stillste Gassen suchen, dem Freunde mit leiser, doch eindrucksvoller Stimme Seelisches enthüllen, unvermittelt schweigen, sein großes, fragendes Forscherauge aufschlagen, um den Widerschein seiner Gedanken in den Mienen des Begleiters zu sehen, bevor sich noch das Wort der Erwiderung geformt hatte; mochte er dann, wenn die ersten Tageslaute hörbar wurden, die Hand des Freundes nehmen, sie lange innig drücken und ohne ein Wort des Abschieds ihn verlassen; stets war schon äußerlich der Eindruck da: seltsam, rätselhaft. Ein Letztes blieb unausgesprochen, in ein Dunkel gesenkt, in das kein schüchternes Wort einer Frage zu dringen wagte.
Sein Äußeres war befremdend. Die hagere Gestalt mutete steif an, entbehrte aller Biegsamkeit und Grazie. Die Bewegungen, oft nur linkisch, unbeholfen, waren meist jäh und unvermittelt. Glätte und Ausgeglichenheit fehlte ihnen. Wie seltsam mußte es den mit seiner Wesensart weniger Vertrauten erscheinen, wenn seine Hand einen Gegenstand zu fassen zögerte und dann rasch, ja heftig zugriff. Diese Hand, die, zart, fastschwächlich, doch meist zur Faust geballt war! Seine Kleidung, schlicht und unmodisch, glich der anderer, unbemittelter Studenten. Er schritt oft zaghaft seines Weges, das Kinn auf die Brust gestützt, oft wieder stürmte er eilig dahin.
Keiner aber, der es jemals gesehen, vergaß sein Gesicht. Markant schon durch die Wucht der Stirn, einzigartig durch die großen Augen, deren Blicke die Dinge sanft zu umfassen schienen, bei aller jugendlichen Farbenfrische von gesammelter Kraft war dies Antlitz dennoch nicht schön, fast häßlich. Lachen sah ich es nie, lächeln selten. Würde und tiefer seelischer Ernst beherrschten es in jedem Augenblick. Nur an Frühlingstagen im Freien, schien es entspannt, erhellt und heiter, bei mancher Musikaufführung leuchtete es voll Freude, und — in den schönsten Augenblicken der gemeinsam verbrachten Jahre – wenn Weininger einen seiner neuen Einfälle, an dem er besonders innig hing, besprach, stand in seinen Augen der Schimmer vollkommensten Glückes. Sonst aber blieben seine Mienen undurchdringlich. Niemals — bis auf die allerletzten Monate — ließ das Äußere die Wege ahnen, auf denen seine Seele schritt. Manchmal vibrierten wohl die angespannten Muskeln, manchmal ging ein Zucken über diese Züge wie von uneingestandner Qual. Um den Grund befragt, faßte er sich rasch, gab ausweichende Antwort oder sprach von anderen Dingen, so daß jedes weitere Forschen unterblieb.
Weiningers Gehaben hat bei anderen oft Erstaunen, gewiß manchmal auch ein Lächeln erregt. Denn althergebrachter Gewohnheiten und Anschauungen achtete er wenig.
Stark aber, daß sich ihm nicht leicht jemand entziehen konnte, war des Eindruck seiner Persönlichkeit erst, wenn es Abend ward. Sein Körper schien größer, die Linien seiner weit ausladenden Bewegungen bekamen etwas Gespenstisches, sein ganzes Wesen, dem das Dunkel der Gassen eine wirksame Folie abgab, bekam den Nimbus von Dämonie. Und wenn er, wie es vorkam, im Gespräch leidenschaftlicher wurde, plötzlich mit Stock oder Schirm, den er gerade trug, einen Schlag in die Luft führte, als kämpfe er mit einem unsichtbaren Geist, gemahnte er stets an eine Figur aus dem Phantasiekreise E. Th. A. Hoffmanns.
Oft gedenke ich seines Abends: Lange waren wir um die Votivkirche gewandert; dann war er mit mir bis zu meinem Hause gegangen, ich hatte ihn ein Stück zurückbegleitet, bis wir endlich nach stundenlanger Wanderung spät nachts wieder vor meinem Hause standen. Wir reichten einander die Hände. Kein Laut war hörbar außer seiner Stimme, kein Mensch auf der Gasse außer uns beiden. Er sah mich an und flüsterte: "Hast du schon an deinen Doppelgänger gedacht? Wenn er jetzt käme! Der Doppelgänger ist derjenige Mensch, der von einem alles weiß, auch das, was man niemand sagt!" Dann wandte er sich und verschwand.
*
Otto Weininger ist ein Mensch von außergewöhnlicher seelischer und geistiger Intensität gewesen. Die größte Rolle in seinem Denken hat der intuitive Einfall gespielt. Dem folgte jedoch stets eine scharfe, rastlose Denkarbeit. Aus allen Richtungen ging er das Problem, das ihn gerade beschäftigte, an, mit rücksichtsloser Selbstkritik prüfte er immer wieder seine Resultate, verglich sie miteinander und mit dem ursprünglichen Einfall, er durchdrang sein Problem und gab sich nicht früher zufrieden, als bis er sein gedankliches Gebäude in der Erfahrung festbegründet und gesichert sah, lückenlos, blendend und überzeugend.
Wie er mit ganzer Kraft und ganzer Seele forschte und dachte, so lebte er auch sein Leben mit ganzer Kraft und Seele. Ob ein Mensch ihm begegnete, eine landschaftliche Schönheit, eine Melodie, ein Gedicht ihn fesselte oder irgendein Kunstwerk ihn entzückte, er war niemals bloßer Betrachter, bloßer Zuhörer. Er genoß nie in erfaßte ihn aktiv. Und das mit solchem Eifer, mit solcher Ganzheit und Erlebensfreude, daß das, was für jeden anderen höchstens zu einer Bereicherung der Kenntnisse geführt hätte, bei ihm gleichbedeutend war mit einer vollständigen Erschließung ganzer, großer, geistiger Welten. Er erlebte Menschen und Kunstwerke ebenso wie Ereignisse, er fand in ihnen das Verborgenste und Letzte, er durchlebte ihren Gesamtkomplex. Das nannte der aus tiefstem Grunde still bescheidene Mensch: Verstehen.
Gerade dieses Verstehen aber erzeugte in ihm wieder seinen eigenen reichen Erfahrungsschatz und damit jene große Sicherheit, die ihm Mut und Möglichkeit gab, auf seinem Wege weiterzuschreiten.
Selbst geringfügigste Erlebnisse hatten für ihn Bedeutung. Tatsachen, die bei anderen Menschen kaum Beachtung finden, waren ihm wichtig; ihm waren sie Symptome und Symbole, ihm galten sie als Glieder einer Kette, von denen jedes einzelne nach Welt-Urgesetzen aus dem andern folgte und mit allen zusammenhing. Ihm waren sie ein Stück Schicksal, ein Stück seines Lebens. Wie bedeutungsvoll ihm dieses Leben war, das er später von sich warf! Er liebte es, er genoß den Gedanken, daß es sein war, er klammerte sich daran, er belauschte es in allen seinen Tiefen, um nicht einen einzigen Ton dieser Polyphonie zu überhören.
In den letzten Lebensjahren Weiningers gab es in Wien kein Ereignis von irgendwelcher Wichtigkeit, das er nicht miterlebte, es gab kein belangreiches Buch, zu dem er nicht Stellung nahm, keine Ausstellung, keine besondere Musik- oder Theateraufführung, der er fernblieb, kein Erscheinen irgendeiner Persönlichkeit von Ruf und Bedeutung, die er nicht gesehen, gehört, betrachtet und zu ergründen versucht hätte. Daß dies neben seinen umfangreichen wissenschaftlichen Studien und Forschungen möglich war, ist unbegreiflich gewesen.
Als er von jemand einmal die Redensart hörte: "Ich möchte dieses Erlebnis um keinen Preis hergeben", war er nahezu erzörnt. Schon den Gedanken, sich eines Teiles seiner Erlebnisse, also seines Ichs, bewußt entäußern zu wollen, bezeichnete er als sündhaft. Die Summe der Erlebnisse eines Menschen nannte er die "Projektion dieses Wesenkomplexes auf die Welt" und als solche zu ihm gehörend und von ihm nicht lösbar, wie von einem Stück Grund und Boden die über ihm befindliche atmosphärische Luft nicht lösbar ist. Er sagt einmal: "Ein Mensch, der sich an jedes einzelne Ereignis seines ganzen Lebens erinnern kann, muß ein guter Mensch sein."
Mit welchem Ernst betonte er jedes einzelne seiner Erlebnisse: "Ich bin Protestant geworden am Tage meiner Promotion!" "Ich bin in Bayreuth gewesen und habe den Parsifal gehört!" "Ich habe jetzt die leibhaftige Sixtinische Madonna gesehen!" "Das Meer . . . !" "Jetzt wird auf zweitägiger Seefahrt endlich ausgeprobt, ob ich seefest bin oder nicht." "Also geh' ich doch nach Christiania!" (Gerade nach dieser Stadt hatte er sich besonders gesehnt, weil sie ihm als die geistige Heimat der großen skandinavischen Schriftsteller besonders viel bedeutete.) "Heute früh 5 Uhr 48 Minuten hier angekommen!" "Ich komme eben aus dem Institut für experimentelle Psychologie!" "Ich bin seefest!" — Er registrierte geradezu alle wichtigen Eindrücke, die das Leben und die Welt ihm zu geben hatten.
Aber er belauerte auch sein Leben und sich. Er prüfte es mit einer Strenge des Denkers und Psychologen, wie kaum ein Mensch vor ihm. Wenn er sein Gesicht im Spiegel betrachtete, so war dies für ihn Studium der Seele. Wenn ihm ein guter Einfall kam, blickte er oft in den Spiegel, um zu suchen, ob sein Gedanke in Gesichtsausdruck eine Spur zurückgelassen hätte. Sicherlich hat das von ihm ausgesprochene Gesetz: "Je bedeutender ein Mensch ist, desto 'mehr Gesichter' hat er, desto öfter verändert er sein Aussehen", ihn oft sein eigenes Spiegelbild betrachten lassen. Wie tief war seine Liebe zur Wahrheit, wie groß seine Furcht, einem andern weh zu tun! "Ich hätte gestern dem Dr. S. eine Lüge oder eine Beleidigung versetzen müssen, wenn ich mit Dir geblieben wäre!" lautet eine Stelle in einer seiner eiligst geschriebenen Mitteilungen.
Daß er selber ein Genie sein müsse, war ihm bewußt. Er hatte schon früh Überzeugung, daß es ihm gelingen werde, neue Wahrheiten zu finden. Damals hatte er auch den festen Glauben, er werde ein hohes Alter erleben und riechen Erfolg und Ruhm ernten. Als selbstverständlich betrachtete er es, daß alles, was ihn betraf, künftig einen größeren Kreis interessieren werde. Er studierte die Biographien jener bedeutenden Männer, die er besonders liebte, und forschte in ihren Werken, ob nicht Wesenselemente erkennbar wären, die auch er besaß. Alles, was er über Genie und Genialität sagte und schrieb, war von Selbstbeobachtung stark beeinflußt. Und doch kam oft eine Zeit des Zweifels, des Verzweifelns. "Diese Reise", schrieb er von der Ostsee im Jahre 1902, "hat mir die Erkenntnis gebracht, daß ich auch kein Philosoph bin. Wirklich nicht! Aber bin ich sonst noch etwas? Ich zweifle sehr daran!" Das war tiefster Schmerz. Denn in jener Periode seines Lebens war ihm der Geist noch alles.
Seine Geistesschärfe war maßlos. Oft sprach er auf Grund kurzer Beobachtung Urteile aus, die verblüffend waren. So gelang es ihm, Menschen, denen er zum ersten Male begegnete, Beruf, Lebensgewohnheiten, sogar psychische Anomalien anzusehen. Manche geradezu unfaßlich anmutende Proben sind mir noch in lebhafter Erinnerung.
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Weininger als Frauenhasser erklären heißt: ihn als Menschen vollständig mißverstehen. Denn sein Antifeminismus ist das gerade Gegenteil von Haß gewesen, auch wenn die Sätze, die er schrieb, so klangen. Otto Weininger konntenichthassen! Er hatte nur ein einziges, ihn voll beherrschendes, übermenschengroßes Gefühl in seiner Seele, und das war Liebe, Liebe für Menschen, für Pflanzen, für Tiere, Liebe für alle Erscheinungen der Welt! Seine Liebe umfaßte alles, nichts konnte sich ihr entziehen. Wer das Gegenteil behauptet, wird Otto Weininger nicht im entferntesten gerecht. Auf all meinen Wegen habe ich keinen zweiten Menschen gefunden, der so nur zur Leibe fähig war, wie er, keinen, dessen Herz so ganz voll Liebe war wie das seine. Wer dies Herz nicht zurückstieß, wurde von seiner Liebe umschlossen.
Was an Otto Weininger wie Haß anmutet, war Schmerz!
Ein Mensch, der hassen kann und haßt, kann unter Hassenswertem und Häßlichem nicht leiden. Wenn Weininger Gutem begegnete, litt er nie. Gelitten hat er immer nur dann, wenn er "Wert" suchte und "Unwert" fand, wenn er Positives wollte und auf Negatives stieß. Und daß er, wenn er Häßliches sah, aufschrie unter dem Schmerz, den er dabei empfand, war das seine Schuld, war das Schuld seiner Liebe?
In den vielen Stunden, die ich Weininger sprechen hörte, hat er Haß nicht ein einziges Mal gezeigt. Man suche in den hier veröffentlichen Briefen, in denen er sich nicht als wissenschaftlicher Streiter, sondern als Freund dem Freunde, als Mensch dem Menschen gegenüber fühlte, auch nur eine einzige Stelle, die sich als Haß gegen irgendetwas deuten ließe! Ein Mensch, der so schreiben kann, der solchen Zartgefühls fähig ist, der sich mit solcher Innigkeit, Reinheit und solchem Gefühlsreichtum einem andern zu erschließen vermag wie er, kann nicht hassen!
Aus ethischen Gründen bejahte er "das Leben" in jeder Form, auch wenn es sich nur um das Leben eines Grashalms handelte, dem er auf seinem Wege auswich, um ihn nicht zu zertreten. Als er mir in einem seiner Briefe aus Sizilien einige Blüten sandte, betonte er mit der ihm eigenen feierlichen Art, um seine Unschuld an ihrem frühen Ende darzutun: "Was du dem Umstande zuzuschreiben hast, daß die Schiffer . . . gegen meinen ausdrücklichen Willen und ohne mein Wissen eine Pflanze abschnitten!"
Wie seine Stellung gegenüber dem Judentum nicht Haß war, sondern nur Leid darüber, daß er es in sich noch nicht überwunden hatte, so kann auch seine Stellung gegenüber der Frau nicht als wirklicher, echter Haß gedeutet werden, wenn auch die Lockung zu dieser bequemen Auffassung unleugbar vorhanden ist.
Ein bestimmtes Ereignis, das ihn in seine "Richtung" drängte, hat es nicht gegeben. Sein vornehmes Zartgefühl, das sich auf alle Dinge erstreckte, hielt ihn ebenso von Fragen ab, die das Privatleben anderer betrafen, als es ihn hinderte, eigene Angelegenheiten aus eigenem Antriebe zu besprechen, soweit nicht durch sie Kardinalfragen der Menschheit berührt wurden. Zu jenem Komplex von Themen, die wohl das Programm anderer junger Leute beherrschen, in seinen Gesprächen jedoch nur ganz selten auftauchten, gehärte besonders die Frage seines seelischen und sexuellen Verhältnisses zur Frau.
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In seinem Verhalten gegen andere war Weininger von beispielloser Güte und Sanftmut. Verzeihen konnte er wie keiner. Unnachgiebig war er nur dann, wenn es sich um die Verletzung einer moralischen Forderung oder um Beeinträchtigung seiner Würde handelte. Was er für Recht hielt, vertrat er mit einer über seine Jugend weit hinausgehenden Energie.
Obwohl schwächlich und nicht waffenkundig, forderte er (Ende 1900 oder anfangs 1901) einen körperlich ihm zweifellos Überlegenen zum Duell, weil dieser sich hatte ein Recht anmaßen wollen, das Weininger zustand. (Er durchschlug dem Gegner die Temporalis, blieb aber selbst unverletzt.)
Im Jahre 1902 war Weininger aufgefordert worden, einem literarischen Unternehmen als Mitarbeiter beizutreten: für den armen Studenten hätte dies Befreiung von allen Sorgen bedeutet. Als zwischen dem finanziellen Leiter des Unternehmens und einem Freunde Weiningers Streit ausbrach, wurde Weininger vor die Alternative gestellt, entweder mit dem Freunde zu brechen oder auf seine Stellung zu verzichten. Er billigte das Verhalten des Freundes und verzichtete ohne Bedenken auf seine Stellung.
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Einige seiner stets weiderholten Forderungen waren: "Niemand hat das Recht, Vorsehung zu spielen!" "Man darf einen anderen Menschen seines Willens nie berauben!" "Es ist unmoralisch, andere als Marionetten zu betrachten, auch wenn dies gut gemeint ist und zu ihrem Besten ausschlägt."
Auf flache Geselligkeit war Weiningers Sinn nie gerichtet. Zwar gehörte er durch kurze Zeit auch einer Studentenverbindung an, weil ihn die Möglichkeit zu sportlichen Übungen lockte und er die akademische Jugend bei ihren Freuden aus nächster Nähe betrachten wollte; doch Befriedigung fand er hier nicht.
Gespräche mit Freunden bedeuteten ihm mehr. Viele Abende und Nächte hat er disputierend verbracht. Alle gewaltigen Erscheinungen der Menschheitsgeschichte, die tiefsten Probleme der Seele berührte er in diesen Gesprächen. Beethoven (von dem er sagte, daß kein Mensch je so beglückt gewesen sein könne wie er, wenn er seine großen Themen fand), Wagner, Ibsen, Strindberg (den er für den bedeutendsten Geist seiner Zeit hielt) und Zola kehrten ständig wieder. Sie alle erschienen von einer so hohen Warte aus gesehen und erkannt, wie eben nur ein großer Genius den andern schauen und durchschauen kann.
Daneben besprach er stets sein späteres Hauptproblem: Mann und Weib! Auch im Jahre 1901 bereits die Frage, die ihn bis zum Tode begleitete: "Gibt es eine Möglichkeit, auf die Geschlechtsbildung beim Kinde Einfluß zu nehmen?" ferner: Wille! Grausamkeit! Liebe! Mord! Lange vor der Niederschrift seines Buches sagte er, daß Liebe und Mord miteinander verwandt, im tiefsten Grunde dasselbe sein müßten. Denn ein Mann, der ein Weib in Besitz nehme, vernichte den Willen des Weibes ebenso, wie der Mörder sein Opfer vernichte. Alles, was mit Mord irgendwie zusammenhing, fand sein höchstes Interesse.
Über eine Novelle, die ich ihm im April 1902 gezeigt hatte, schrieb er mir: . . . "Der Inhalt der Geschichte ist das Los alles Künstlers. Innig verschmolzen drängen die Sehnsucht nach der Schönheit und das Leiden unter der Schönheit zu dem tragischen Ende, zum Lustmord. Aber es ist nicht der Lustmord der Bête humaine, die Grausamkeit keine rein tierische wie bei Zola. Es ist die notwendig grausame Antwort auf die grausamste Heimsuchung durch die Liebe, sie ist der letzte Akt der Verzweiflung des aufs höchste vergeistigten Sinnenmenschen. Wenn ihm diese Schönheit wirklich zu erscheinen droht, nach der ihn Sehnsucht sein Leben lang einzig beherrscht hat, so muß er sie töten. Sie muß vergehen! Aber in Schönheit. Es ist Sadismus, geistiger Sadismus, der doch so weit an die körperliche Sphäre noch gebunden bleibt, soweit ein äußerer Abschluß über haupt noch möglich ist. Ibsens Hedda Gabler — das Weib, das Khnopff immer malt — hat ein ähnliches Schicksal. Aber ihre Gelüste sind die eines Weibes, physiologisch, triebhaft; bei G. werden sie zum 'Künsltermotiv' . . . "
Anscheinend durch eine Gedankenassoziation auf dem Umwege über La bête humaine ergab sich das Thema "Mod" stets von selbst, so oft Weininger einen durch die Dunkelheit dahinsausenden Eisenbahnzug erblickte. Oft erwarteten wir (es war auf dem Land) über seinen Wunsch abends den Orient-Expreß. Der vorüberrasende Zug, der glühende Funkenregen, der aus der Lokomotive stob, die Erschütterung der Erde versetzen Weininger stets in eine gewisse Erregung. Lange konnte er stehen bleiben und den sprühenden Funken nachblicken bis der Zug nicht mehr sichtbar war.
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Als er im September 1902 aus Norwegen heimkehrte, schien er verändert. Seine Urteile waren strenger, die Stimmung, die er zur Schau trug, war düster und gedrückt. Dies konnte aber nicht allzusehr auffallen; waren doch schon in den Sommerbriefen dunkle Andeutungen genug gewesen: "Mir geht es gar nicht gut, inwendig." "Verlang' nicht zuviel von mir über mich zu erfahren etc." "Das Wetter bleibt schlecht, drinnen und draußen!" "Seit meiner Abreise kein einziger schöner Tag!" "Von mir hast du eine viel zu gute Meinung, das sehe ich immer wieder. Freilich ist auch dieses Bekenntnis, das ich dir mache, von meiner verfluchten Eitelkeit wieder begleitet." Alles Gewölk hatte sich bald wieder verzogen.
Am 20. November 1902 erschien in den ersten Nachmittagsstunden sein Vater bei mir und brachte die Botschaft, daß Otto tagsvorher im Elternhaus gewesen sei und sich von Familienmitgliedern in einer so herzlichen und doch so ernsten Art verabschiedet habe, die zu Befürchtungen Anlaß gab. Ich wußte keinen Bescheid.
Mein Freund war um diese Tageszeit in Heiligenstadt, wo er Unterricht erteilte. Ich eilte dorthin und wartete auf der Straße. Es dauerte lange, bis er endlich kam. Langsamen, feierlichen Schrittes trat er aus dem Hause. Die konzentrierte Kraft seines Ausdrucks war einer Mattigkeit und trostlosen Schlaffheit gewichen, wie sie vorher bei ihm nie sichtbar gewesen, seine Züge schienen entstellt, sein Gesicht abgezehrt, düster und streng. Aus dem Klang seiner Stimme war Ernst und dumpfe Qual zu hören. So arg hatte ich mir seinen Zustand nicht denken können. Hatten wir doch den Nachmittag und Abend des 18. November miteinander verbracht, ohne daß zu dieser tiefgehenden Veränderung ein Anlaß wahrzunehmen gewesen wäre. Auf die Frage nach dem Grunde seines sichtlichen Unwohlseins antwortete abweisend: "Von meinem Mißbehagen könnte ich mich am wenigsten dadurch befreien, daß ich es jemandem anvertraue."
Mit der Stadtbahn fuhren wir in seine in Gersthof gelegene Wohnung. Es war ein trüber, stürmischer Tag. Obwohl Otto seinen Wintermantel trug, fröstelte ihn fortwährend. Der Besorgnis des Freundes begegnete er mit den Worten: "Ich habe die Kälte des Grabes in mir." Dies sprach er ganz leise und mit eigentümlicher Betonung, daß mir jedes Wort ins Herz schnitt. Daß er in diesem Zustande nicht allein bleiben durfte, war klar. In seinem Zimmer angelangt, fragte er: "Nicht wahr, hier ist schon Leichengeruch?" Das Zimmer machte den Eindruck, daß es an diesem Tage nicht gelüftet worden sei. Ich bat ihn, mich zu begleiten und den Abend bei mir zu verbringen. Wie von ungefähr erzählte ich ihm die Nachricht, die in einem Morgenblatte gestanden war, sich aber später als irrig erwies, daß Knut Hamsun, dem er sich innerlich verwandt fühlte, dessen Bücher er besaß, dessen Roman 'Pan' er oft als den großartigsten der Welt bezeichnet hatte, sich erschossen habe. Weininger zuckte zusammen, blickte mich verstört an und sagte: "Also auch er?" Er war noch stiller geworden, weigerte sich, die Wohnung zu verlassen und mich zu begleiten und sprach nur Andeutungen, von denen er vielleicht glaubte, daß sie nicht verständlich seien, die aber keinen Zweifel mehr über seine Verfassung ließen.
Es war nahezu dunkel geworden. Auf die Bitte, die Lampe anzuzünden
stöhnte er, als quäle ihn unsagbarer Schmerz: "Nein, kein Licht!" und wiederholte dann, jede einzelne Silbe betonend, daß es unschwer war, seine Gedanken zu erraten: "Kein Licht!"
In dieser qualvollen Stunde, in der es sich um Rettung oder Verlust des
teuersten Freundes handelte, konnte kein Zweifel bestehen, daß nur eines helfen könne: Unbeugsame Energie. Unvermittelt fragte ich ihn: "Hast du Waffen hier?" Er schwieg. Ich wiederholte die Frage Keine Antwort. Dann verlangte ich dringendst die Ausfolgung der Waffe.
Wir hatten einander nie ein böses Wort gesagt. Doch jetzt, während ich in banger Sorge um ihn zitterte, jetzt zum allerersten Male im Leben, schrie er mich an, als wäre er mein Feind: "Du hast kein Recht, mir die Herrschaft über meinen Willen zu nehmen!" Er war aufgesprungen und stand mir gegenüber. So schmerzlich der Augenblick für uns beide war, es war ein Gebot der Notwendigkeit, jetzt unbedingt hart zu bleiben, um nicht alles zu verlieren. Ich drohte, mir die Waffe selbst zu suchen, wenn er sie mir nicht freiwillig gäbe. Da entgegnete er viel milder: "Ich habe keine Waffe!" Bald darauf erklärte er sich bereit, mich zu begleiten und die Nacht bei mir zu verbringen.
Als wir anlangten, war es fast acht Uhr. Er klagte über Külte und setzte sich zum Ofen. Das Abendbrot wurde aufgetragen, doch er weigerte sich, einen Bissen zu essen. Vergeblich war jede Bitte, ein wenig Speise und Trank zu sich zu nehmen. Obwohl die Fenster geschlossen waren, das Feuer im Ofen brannte, die Hitze im Zimmer schon unerträglich war, behielt er den Winterrock an, legte immer wieder Kohle nach und kauerte neben dem Ofen. Endlich, nach Stunden, gelang es, ihn zu bewegen, doch ein wenig zu essen. Nun saßen wir einander gegenüber, seine Mienen hatten sich aufgehellt. Eine kurze Weile schien es, als sei alles wie einst, als sei wieder die Zukunft voller Hoffnungen vor uns. Doch bald kam der schmerzliche Ernst in sein Antlitz zurück. Die Krise war noch nicht überwunden.
Um der erkannten Gefahr zu begegnen, mußte ich zu erfahren trachten, was ihn in diese Stimmung versetzt hatte.
Er gestand zu, daß er sich töten wolle. Über den Grund schwieg er beharrlich.
Die folgenden Stunden waren ein Kampf zwischen uns, ein Kampf der
Willen und Energien. Immer wieder auf der einen Seite: "Ich will es wissen! Du mußt es mir sagen! Ich kann dich nicht so verlieren!" und von der andern Seite die stets gleichbleibende, dumpfe Antwort: "Ich kann es dir nicht sagen! — Auch dir nicht!" Was wir beide in jener Nacht, deren ich nur mit Grauen gedenken kann, durchlitten haben, vermag ich nicht zu schildern.
Endlich, lange nach Mitternacht, gab er nach. Er stand feierlich auf und
sagte mit einer Stimme, so düster, so grabeskalt, so verzweifelt und trostlos, wie ich noch nie eines Menschen Stimme gehört hatte: "Ich weiß, daß ich der geborene Verbrecher bin. Ich bin der geborene Mörder!"
Im ersten Augenblick schien der Gedanke nahe, daß sein edler, reicher, reiner Geist gestört sei. Er, der jeden Wurm, jedem Käfer vom Wege auflas und ihn auf ein Gesträuch oder sonst in Sicherheit trug, dieser Gütige, dieser Heilige, er sollte das Dunkel, von dem er sprach, wirklich in seiner eigenen Seele tragen? Er mußte irren, er mußte in einem Wahn befangen sein, anderes war nicht möglich!
Nachdem der Anfang gemacht war, vermochte er nun zu sprechen: "Ich
bin in München einmal nachts im Hotelzimmer gelegen. Ich konnte nicht
schlafen. Da hörte ich einen Hund bellen. So furchtbar habe ich noch nie einen Hund bellen gehört. Es war sicherlich ein schwarzer Hund. Das ist der böse Geist gewesen. Ich habe mit ihm gekämpft. Ich habe um meine Seele mit ihm gekämpft. Ich habe in dieser Nacht aus Angst den Bettpolster zerbissen. Seit dieser Nacht weiß ich, daß ich ein Mörder bin. Deshalb muß ich mich töten!"
Otto Weininger, der gute, edle Weininger — und solche Worte!
Was ich ihm erwiderte, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß ich lange zu ihm sprach, daß ich in jener Nacht diesen "Mörder" verteidigte, mit Überzeugung verteidigte, denn ich glaubte nicht an sein "Schuld". Ich weiß noch, daß ich um sein Leben bat und flehte, daß ich immer wieder bat,
stundenlang ohne Unterlaß, und immer wieder hörte: "Du kannst mich nicht überzeugen! Du kannst mich nicht zwingen! Laß mich! Es muß sein! Ich kann nicht weiter leben!"
Auf meine Frage, ob sich sein Sinnen gegen eine bestimmte Person
richte, gab er keine klare Antwort.
Schon war es fast Tag geworden. Die Lampe war herabgebrannt, ich
fühlte mich erschöpft und mutlos, weil alles mißglückt war. Alle meine Energie war aufgezehrt, er war der Stärkere gewesen.
In der großen Angst, den Freund zu verlieren, und halb schon im
Gefühle, von ihm für immer verlassen zu sein, sagte ich noch einige Worte von letzter Entscheidungskraft. Ich weinte und meine Erschütterung bewirkte, was meine Worte nicht zu erreichen vermocht hatten. Er hatte seine Hand auf meine Stirn gelegt, in seinen Augen standen Tränen. Mit tiefer Feierlichkeit sagte er dann: "Ich danke dir!" Er wolle am Leben bleiben. Doch ich möge schweigen denn er brauchte Ruhe und Alleinsein.
Es war Tag, als er von mir ging.
Über diese Nacht haben wir miteinander nie mehr gesprochen.
Er aber begann 'Geschlecht und Charakter' zu formen.
In wenigen Wochen war die letzte Fassung des Buches vollendet. Ein
Wiener wissenschaftlicher Verlag lehnte es ab. Ende März 1903 schrieb
Weininger, daß Braumüller es angenommen habe. Am 29. Mai brachte er mir das erste Exemplar, das die Druckpresse verlassen hatte.
*
Im Frühsommer 1903 verbrachten wir manche Stunde miteinander. Oft
sprach er noch über verbrecherische Veranlagung, aber doch schon in einer milderen Form, die hoffen ließ, daß die Krise im Abklingen begriffen sei.
Um die Mitte Juli verließ er Wien und blieb bis in das letzte Drittel des September in der Ferne. Dann kann er, anscheinend ohne sich erholt zu haben. Daß er sich wieder mit Selbstmordplänen trug, ahnte ich nicht. Er sagte zwar bei unserer letzten Zusammenkunft: "Den einen Vorwurf wird man mir nicht machen können, daß mein Buch geistesarm sei!" Aber, daß er damit auf die Zeit nach seinem baldigen Tode anspielen könne, verstand ich damals nicht. Auch eine zweite Bemerkung: "Du hast mir bei den Korrekturen der ersten Auflage gar nicht geholfen. Jetzt hast du keine Prüfung vor dir. Versprich mir, daß du die Arbeit für die zweite Auflage ganz auf dich nimmst!" konnte damals nicht als letztwillige Verfügung aufgefaßt werden.
Bei dieser Zusammenkunft sagte er auch: "Wir werden einander jetzt
nicht sobald sehen!" und begründete dies mit einer Menge von Arbeiten, die der Vollendung harrten. Der Abschied war ohne Feierlichkeit, nur herzlich in gewohnter Art. Den Entschluß, seinen Plan so rasch auszuführen, hatte Weininger also damals noch nicht gefaßt. Am nächsten Abend kam er zu mir. Ich war nicht daheim. Anderen Tages erfuhr ich, daß er erregt in meinem Zimmer auf und abgegangen sei und mehrere Stunden vergeblich gewartet habe. Spät nachts sei es fortgegangen. Ich möge ihn am folgenden Tage nicht erwarten, ließ er mir sagen. Ich erwartete ihn nicht. Aber er kam wieder, blieb stundenlang, bis spät in den Abend, dann ging er. Und wieder ließ er die Nachricht zurück, er könne morgen bestimmt nicht kommen und kam trotzdem und traf mich nicht. Das wiederholte sich durch eine Reihe von Tagen. So habe ich ihn lebend nicht mehr gesehen. Vielleicht war der Widerspruch zwischen seinen Botschaften und seinem Tun nichts anderes, als der Kampf um sein Leben. Vielleicht fürchtete er die Begegnung, weil ich ihn einmal schon vom Tode zurückgehalten hatte, und kam-doch immer wieder und hoffte und wartete; und glaubte darin, daß er den Freund verfehlte, einen Fingerzeig zu erkennen.
Am 4. Oktober 1903, um halb elf Uhr vormittags, starb er im Wiener Allgemeinen Krankenhaus, wohin er nachts in hoffnungslosem Zustande überführt worden war. Kurz nachher begleiteten mich zwei Freunde zu seiner Leiche.
In dem Gesichte des Toten war kein Zug von Güte, kein Schimmer von Heiligkeit und Liebe zu sehen. Auch Schmerz nicht; nur ein Ausdruck, der dem Gesichte des Lebenden vollkommen gefehlt hatte: Etwas Furchtabares, etwas Entsetzenerregendes, das, was ihm die Todeswaffe in die Hand gedrückt hatte: Der Gedanke an das Böse.
Nach wenigen Stunden änderte sich jedoch sein Bild: Die Härten milderten sich, die Züge schienen sanfter und glatter. Und als ich den toten Freund zum letzten Male sah, war in seinem Antlitz nichts anderes als die ersehnte tiefe Ruhe der Ewigkeit, auf seiner Stirn nur der Abglanz seines großen Geistes.
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Aus Italien hat Weininger alles, was er an Handschriftlichem besaß, seinem Freunde Dr. Moriz Rappaport geschickt und seinem Ermessen die Herausgabe anheimgestellt. Da die Entzifferung des größtenteils stenographierten Taschenbuches unmöglich schien, wurde es in das Buch "Über die letzten Dinge" nicht aufgenommen. Vor nahezu 16 Jahren hat Herr Dr. Rappaport dies letzte Taschenbuch Weiningers in meine Hände gelegt. Die oft begonnenen Versuche, die undeutlichen und halb verwischten Schriftzeichen zu enträtseln, blieben stets erfolglos.
Nach schwerer Krankheit gehorchte ich der Mahnung von Freunden, nichts, was von Weiningers Geist geblieben, der Welt länger zu verbergen, übertrug das Taschenbuch und veröffentliche im Einverständnis mit Herren Dr. Rappaport diese letzten Aufzeichnungen, sowie einige der im Laufe der Jahre von ihm erhaltenen Briefe, soweit sie das Bild seiner Persönlichkeit zu vervollständigen geeignet sind. Mögen einige Gedanken des Taschenbuches aus den "Letzten Dingen" bekannt sein, so ist es doch immerhin wissenswert, die Urform zu sehen, in der sie ins Bewußtsein der Denkers Weininger traten. Eine merkwürdige Stelle besteht aus vier Zeilen; Zeilen von ungeheurer Tragik, die Licht werfen auf das ganze Lebensschicksal dieses einzigartigen Menschen. Ihre Schriftzeichen lassen erkennen, daß Weininger sie, wie gejagt, in rasender Hast, vielleicht in Qual und Verzweiflung, aufs Papier geworfen, daß sich, nachdem sein Stolz sich gebeugt, auch die Hand noch gesträubt hat, das zu schreiben, was der Geist diktierte:
"Wie kann ich es schließlich den Frauen vorwerfen, daß sie auf den Mann warten? Der Mann will auch nichts anderes als sie. Es gibt keinen Mann, de sich nicht freuen würde, wenn er auf eine Frau sexuelle Wirkung ausübt. Der Haß gegen die Frau ist nichts anderes als Haß gegen die eigene, noch nicht überwundene Sexualität."
Vergleicht man mit dieser Aufzeichnung jene zwei grundlegenden Sätze in "Geschlecht und Charakter", die soviel Aufsehen und noch mehr Widerspruch erregt hatten: "Die Frau ist nur sexuell, der Mann ist auch sexuell" und "Der tiefststehende Mann steht noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe", so erkennt man den Grad der Veränderung, die sich in Weiningers Stellung gegenüber dem Geschlechtsproblem vollzogen hat.
Aber mag sich in diesen letzten Worten vielleicht schon der Beginn neuer Wege, vielleicht erst der restlose Widerruf seines früheren Glaubens äußern: Im Grunde wird durch sie die große Bedeutung seiner tiefsten Erkenntnisse nicht berührt, da der Wert der ewigen Gedanken Otto Weiningers von seiner Haltung im Problem der Geschlechter sicherlich unabhängig ist.
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Bei Entzifferung der Stenogramme, bei Durchsicht des Stoffes und der Korrekturen leistete mir Dozent Dr. Oskar Ewald, Otto Weiningers Jugendfreund, wertvolle Hilfe, für die ihm an dieser Stelle gedankt sei.
A.G.
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ECCE HOMO! (by Artur Gerber)
The year 1903 is the birthday of modern characterology: in May of this year, Otto Weininger published his word "Sex and Character". "The light shineth into the darkness and the darkness has not recognised it." Society was silent.
Weininger went to Italy. He waited. No word of acknowledgment, no earnest and just voice about the book came from home. Affected, staggering are the passages of his letters, in which these unfulfilled remaining desires found impression.
Four months after the publishing of the book, he killed himself by a revolver shot to the heart. Then it became suddenly apparent: A community arose, willing bear witness for him. Friedrich Jodl greeted his work by a dictum, that in the discussion on the psychology of the sexes, this book would never be overtaken. Weininger never experienced this reparation.
"Sex and Character" achieved within a short time such a high circulation, that unlike any scientific work for a long time, a great quantity of brochures were published, a whole Weininger-Literature was mapped. All these papers, Weininger's work and early death, opened up the understanding of further circles, and indeed brought a mass of theoretical knowledge; on the issues of mankind, the answer is due to Weininger.
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"The unusual, enigmatical man, Weininger!" August Strindberg wrote to me in the year 1903.
Weininger, his gaze fixed on the ground, liked to sink deeply into thought, then with a motionless back, the head thrown back on the neck; or he liked to seek the darkest nights, the quietest alleys, to reveal those thoughts to his friend with a low, yet powerful and soulful voice, and then to fall abruptly silent, his great questioning explorer's eyes probing to see the reflection of his thought in the mien of the companion, before he had yet formed a word of response; he liked then, when the first noise of day became audible, to take the hand of the friend, press it fervently and without a word of departure to leave him; unfailingly the outward impression was that: unusual, enigmatical. One last thing remained unspoken, sunken into darkness, in that no shy word of a question dared to be let out.
His outward appearance was strange. The lean body was disposed to be stiff, missing all pliancy and grace. The movements, often only awkward, gauche, were mostly abrupt and unexpected. Smoothness and poise he lacked. How rarely, with his disposition, would he show a little familiarity, when his hand hesitated to grip an object and then quickly to grip it violently. That hand, they were delicate, almost feeble, yet often clenched in a fist! His clothing, plain and unmodish, like the other impecunious students. He walked often apologetically on his way, the chin propped on his breast, and often still he rushed along hurriedly.
But none who ever saw him forgot his face. Truly distinctive by the force of his brow, unique by the large eyes whose glance gently encompassed things, compared to all the` youthful virginal colours of gathered strength, this countenance was yet not beautiful, but almost ugly. I never saw it laugh, smile seldom. Dignity and a deeper, more thoughtful seriousness ruled it in every moment. Only on Spring days, in tranquillity, it seemed relaxed, brightened and cheerful, when some musical command lit it with much joy, and — in the most beautiful moments of the year spent together — when Weininger spoke of one of his new ideas, on which he dwelt with peculiar fervency, the shimmer of complete joy stood in his eyes. But, otherwise, his mien remained unreadable. At no time — until the very last months — did the external allow the paths to be suspected, on which his soul walked. Sometimes indeed the tensed muscles did vibrate, sometimes a tremor went over those lineaments like an unacknowledged wave. On asked the reason, he quickly recollected himself, gave an evasive answer or spoke of other things, so that any further investigation was quashed.
Weininger's demeanor was with others often astonishment, assuredly sometimes even a smile upset him. But typically, customs and opinions he noticed little.
Strong however, and which no one could easily strip from him, was the force of his personality, once it became eventide. His body seemed larger, the lines of his wide strange movements became somewhat spectral, his whole being, which the dark alleys gave a strong transparency, became an halo of demonic possession. And if he spoke ardently, as it often happened, then suddenly with a stick or umbrella that he was carrying, he would strike a blow at the air as if he fought with an unseen ghost, giving the invariable image of a figure from the fantasy-cycles of E. Th. A. Hoffman.
Often I recall one evening: we were wandering around the votive-church for a long time; then he went with me to my house, and I accompanied him back for a piece until we finally, after hours-long wandering late at night, again stood before my house. We reached our hands to each other. No sound was audible beyond his voice, no man in the alley apart from us both. He looked at me and whispered: "Have you truly thought about your Doppelgänger? If he now came! The Doppelgänger is that man, who knows everything about one, also that, what one has never spoken!" Then he turned away and disappeared.
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Otto Weininger was a man of uncustomarily greater psychological and intellectual intensity. The greatest role in his thought was played by the intuitive idea. What followed, however, was unfailingly a sharp, indefatigable work of intellect. From all directions, he went to the problem that he had immediately crafted, which, with no deferential self-criticism, he always proved his results, compared them with each other and with the original idea, drew his problem through and gave it no premature release, until his thought-derived structure was deeply grounded in empirical knowledge and seemed ascertained, missing no gaps, brilliant and conclusive.
How he explored and thought with his whole strength and whole soul, he thus also experienced his life with his whole strength and soul. Whether a man met him, a rural beauty, a melody, a poem captivated him or some artwork enraptured him, he was never a mere observer, a mere listener. He never enjoyed in inactive pleasure. He never took an impression passively, he apprehended it actively. And that with such alacrity, with such whole-spirited and joie de vivre, that that which for any other would have lead, at most, to an enrichment of knowledge, with him was tantamount to a total opening-up of the whole, vast, conceptual world. He experienced mankind and artworks equally as events, he found in them the most cryptic and ultimate, he experienced through them the complex totality. He called it, out of the deepest ground of that quiet modest man: to understand.
But this understanding directly afforded in him further of his own rich treasury of experience and with it the great confidence that thought and possibility gave him, to travel further on his way.
Only the most insignificant experiences had meaning for him. Data, that other men barely gave consideration, were important to him; to him they were symptoms and symbols, to him they were valid as links of a chain, for of each of these alone followed from the others, from the laws of the origin of the Universe and with all hung together. To him they were a part of destiny, a part of his life. How meaningful this life was to him, that he later threw away from himself! He loved it, he enjoyed the thoughts that were his, he hung onto them, he listened in to it in all his profundities so as not to ignore a single tone of this polyphony.
In the last years of Weininger's life, there was in Vienna no incidence of whatever importance, that he did not witness, there was no controversial book on which he took no stance, no exhibition, no unusual music- or theatre-experience that he remained away from, no arrival of some personality of note and import that he didn't see, hear, notice and seek to fathom. That these were possible alongside his substantial scientific studies and research, was inconceivable.
When he once heard the figure of speech from someone: "I would part with these experiences for no price", he was enraged by it. Indeed, that he wanted deliberately to divest himself of his thoughts, they being a part of his experience, thus of his I, he designated as sinful. The sum of the experiences of a man he called the "projection of the essence-complex on the world" and as such belonged to him and was not detachable from him, just as from a piece of ground and earth the atmospheric air afloat about it is not detachable. He said once: "A man who can remember every single experience of his whole life, must be a good man."
With what earnestness he stressed every single one of his experiences: "I have become a Protestant on the day of my doctorate graduation!" "I was in Beyreuth and have heard Parsifal!" "I have now seen the incarnated Sistine Madonna!" "The sea ...!" "Now a two-day sea-journey will finally prove whether I am seaworthy or not." "Thus I will go to Christiania!" (He had specially yearned directly for this city, because as the spiritual home of the great Scandinavian writter, it meant particularly much to him.) "Today come early at 48 minutes past 5." "I have just come from the Institute for Experimental Psychology!" "I am seaworthy!" — He thus registered every important impression, that life and the world had given him.
But he also stalked his life and himself. He tested it with a thinker's and a psychologist's stringency, like hardly a man before him. If he beheld his face in the mirror, thus it was a study of the soul for him. If a good idea came to him, he looked often into the mirror, to find whether his thought had left behind a trace on his facial expression. Certainly the sentence pronounced by him: "The more substantial a man is, the more 'faces' he has, the more often he changes his physiognomy", often his own mirror-image had allowed him to consider. How deep was his love of truthfulness, how great his fear of doing harm to another! "Yesterday I would have had to deal a lie or a personal slight to Dr. S., if I had remained with you!" ran a passage of one of his most hurriedly written messages.
That he himself must be a genius, was known to him. He had very early the strong conviction that he would succeed in finding new truths. At that time he also had the strong belief he would live to experience a great age and reap a rich accomplishment and renown. He naturally he observed the fact, that everything that pertained to him, in the future would interest a greater circle. He studied the biographies of those significant men that he particularly loved, and explored in their works whether no elements of character were cognisable, that he also possessed. Everything he said and wrote on genius and ingenuity was strongly influenced by his own self-observation. And still would often come a time of doubt, of despair. "This journey", he wrote from the east sea in the year 1902, "has brought me the awareness that I also am no philosopher. Indeed not! But am I then, still something else? I doubt very much!" That was the deepest pain. Because in that period of his life, for him spirit was still everything.
His acuity of mind was boundless. Often he pronounced judgments based on brief observation, that were astounding. So he succeeded at the first time he encountered men, career, life habits, even in observing psychological anomalies. Some downright incomprehensible mad-seeming proofs still remain to me in breezy recollection.
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To explain Weininger as a woman-hater means: to completely misunderstood him as a man. For, his anti-feminism is the direct reverse of hate, even if the sentences he wrote, so sounded. Otto Weininger could not hate! He had only an unusual, in him fully over-ruling, supermanly-great feeling in his soul, and that was love, love for mankind, for plants, for animals, love for all phenomena of the Universe! His love enfolded everything, nothing could he deprive himself of. Whoever asserted the opposite, would not do justice to Otto Weininger in the least degree. On all my journeys I have found no other man who was so capable of love as he, none, whose heart was so wholly full of love as his. Whomever thrusts not this heart back, would be enclosed by his love.
What seems in Otto Weininger to be hatred, was pain !
A man who can hate and hates, can not suffer among hatefulness and nastiness. If Weininger encountered goodness, he never suffered. He had only ever suffered if he sought worthiness and found unworthiness, if he wished for positives and came across negatives. And that, when he saw nastiness, exclaimed out of pain from what he thereby felt, was that his fault, was it the fault of his love?
In the many hours I heard Weininger speak, he had shown hate not one single time. One sees in the letters here published where he is not a scientific disputant, only a friend writing to a friend, as a man feels to another man, also in only one sole passage where hate against something is explained as love! A man who can thus write, that is capable of such gentle feeling, and who with such inwardness, pureness, and such rich feeling would, as much as he could, open up another person as he did, cannot hate!
From ethical reasons, he affirmed "life" in every form, even if it only dealt with the life of a blade of glass, that he dodged on his way, so as not to trample on it. On sending me in one of his letters from Sicily a blossom, he emphasised in his own, solemn manner, his guilt at bringing about its early demise: "What conditions have you brought on yourself, that the sailor .... against my express will and without my knowledge cut off a plant!"
How his position towards the Jews was not hatred, but on the contrary was only sorrow over them, that he had never grown out of, similarly also can his position towards woman not be construed as actual, primal hatred, even if the enticement for bringing oneself to such a view is undeniably available.
A definite event that drove him to his "school of thought", was never given to him. His lofty sensibility, that stretched out to all things, kept him away from questioning in the private lives of others, since his own concerns over his own impulses hindered him from speaking, insofar as it did not touch the cardinal questions of mankind. Regarding the complex of themes which indeed dominated the routine of other young people, in his conversation they nevertheless only seldom emerged, which pertained particularly the questions of his psychological and sexual situation on woman.
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In his comportment towards others, Weininger showed incomparable goodness and fineness of feeling. He could forgive like none else. He was only unyielding when it had to do with a breach of a moral imperative or with some negative impact on his values. What he held as right, he championed with an energy exceeding beyond his youth.
Despite being a bit wimpy and not informed in weapons, he challenged (at the end of 1900 or beginning of 1901) an indubitably physically superior man to a duel, because this other had wished to presume a right, that Weininger took a stand on. (He struck the opponent on the temporal, but he remained unhurt.)
In the year 1902 Weininger was called upon to join a literary undertaking as an employee: for the poor student, this meant peace from every worry. When strife broke out between the financial leader of the undertaking and a friend of Weininger, Weininger was confronted with the alternatives, either to break with the friend or to relinquish his position. He supported the behaviour of his friend and relinquished without second thoughts his position.
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A few of his contantly repeated insistences were: "No one has the right to play with destiny!" "One ought never rob another man of his will!" "It is immoral to treat another as a puppet, even if this is well-intentioned and it redounds for his best."
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Concerning shallow sociability, Weininger's sense was never rich. Indeed, he belonged for a short time to a student organisation, because the possibility of sportive exercises allured him and he wished to observe the academic youths his friends as a close neighbour; still, he found no satisfaction here.
Conversations with friends meant more to him. Many evenings and nights he spent in disputing. All the powerful figures in the history of humanity, the deepest problems of the soul, he touched on in these conversations. Beethoven (of whom he said, that no man would have delighted him so much to be, as him, because he found his great theme), Wagner, Ibsen, Strindberg (whom he held as the most significant mind of his time) and Zola always took the conversation on. They all appeared on a position too high to see, and he realised how only a greater genius can show and read them for others.
In addition, he spoke always of his latest crucial problem: Man and Woman! Even in the year 1901 the question was already existing for him that accompanied him up to his death: "Is there the possibility to have an influence on the sexual development of a child?" further: Will! Horror! Love! Murder! Long before the writing of his book, he said that love and murder were related to each other in the deepest ground that possibly was. Because a man, who took possession of a wife, evenso negated the will of the woman, just as the murderer negates his victim. Everything, that hung together in some way with murder, was his highest interest.
Concerning a novel, that I showed him in April 1902, he wrote to me: ... "The purport of history is about the fate of all artists. Intimately entwined jostle the yearning for beauty and the affliction over beauty, to the tragic end, to lust-murder. But it is not the lust-murder of the human animal, the gruesomeness no pure savagery as with Zola. It is the necessary gruesome answer on the most gruesome home-seeking through love, it is the last act of despair of the highest sublimation of human meaning. If this beauty truly threatened to appear, for him whose life had long been ruled by this sole desire, thus must he kill her. She must forgive! But on beauty. It is sadism, intellectual sadism, that, insofar as it remains bound to the physical sphere, makes absolutely probable an external conclusion. Ibsen's Hedda Gabbler — the woman that Khnopff always paints — has a similar fate. But her cravings are those of a woman, psychological, compulsive; with G. she becomes the "Artist-motive" ..."
Apparently through a thought-association on the discourses over the human animal, the theme "Murder" always resulted of itself, so often Weininger beheld one in the darkness of a racing train. Often we waited (it was in the country), on his wish, for the Orient-Express. The frenzied racing train, the glowing shower of sparks thrown off the locomotive, the shuddering of the earth, always transported Weininger into a certain agitation. Long could he remain and watch the spraying sparks, until the train was no longer visible.
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When he returned home in September 1902 from Norway, he seemed changed. His judgments were more stringent, the mood he wore outwardly, was grim and depressed. But this could not attract much attention; for actually, there had been sufficient dark insinuations in his summer letters: "It is actually not going well for me, inwardly." "Don't demand too much of me with regard to conversing with me etc." "The weather remains terrible, inside and out!" "Since my departure not a single beautiful day!" "Of me you have a far too good estimation, that I see always. Indeed, this knowledge also always attends me, that I give you, of my accursed vanity." Every cloud had soon disappeared.
On 20th November 1902, his father came to me in the first afternoon hours and brought the communication that Otto on the foregoing day had been at the family house and had taken farewell of his family members in such a heartfelt and earnest fashion, that there was a reason to fear. I knew no farewell.
My friend was around this time in Heiligenstadt, where he gave classes. I hurried there and waited on the street. It was a long time until he finally came. Slow, solemn, his steps drew him home. The concentrated strength of his expression was given way to one of lassitude and dismal apathy, as if he saw nothing before him, his features seemed deformed, his face emaciated, dark and severe. On the tone of his voice, grave and bleak anguish could be heard. I had not thought his condition was this bad. We had spent the afternoon and evening of the 18th November together, without perceiving a cause for this profound change. On the question for the reason of his visible malaise, he answered pointing: "Of my feelings of unease I could at the very least free myself, if I could entrust them to someone."
Along the city road, we went to Gersthof where his apartment was located. It was a dim, stormy day. Despite wearing his winter coat, Otto was continually chilled. The anxiety of his friend he countered with the words: "I have the cold of the grave in me." This he spoke low and with an idiosyncratic tone, every word of which nicked me in the heart. That he should not remain alone in this condition, was clear. Arrived in his room, he asked: "Is it not true, here is the smell of a corpse?" The room had the impression it had not been aired. I bade him to accompany me and spend the evening with me. Not by accident, I told him about the news was printed in one of the morning newspapers, but which later turned out to be wrong, that Knut Hamsun, whom he considered had inwardly changed, and whose books he possessed, whose novel "Pan" he had often termed the most magnificent in the word, had shot himself. Weininger cringed, looked at me distraught and said: "So him, too?" He became more quiet, refused to leave his apartment and to accompany me, and spoke only in insinuations, of which he perhaps believed were not understandable, but there was no more doubt how his situation lay.
It became almost dark. On the entreaty to light the lamp, he moaned, as if it tormented him with unspeakable pain: "No, not light!" and repeated then, every single syllable accented, so that it was not easy to mistake his thought: "No light!"
In this dreadful hour, which dealt with the salvation and damnation of my dearest friend, no doubt could exist, that there could be only one thing to help: inflexible energy. Abruptly I asked him: "Do you have a weapon here?" He was silent. I repeated my question. No answer. Then I demanded urgently the handing over of the weapon.
We had never said a bad word to each other. Yet now, while I trembled in greater worry over him, now for the first time in his life, he yelled at me, as if he were my enemy: "You have no right to take command over my will!" He had sprung up and stood facing me. Painful the moment was for us both, an imperative was required of necessity to remain now absolutely hard, so as not to lose everything. I threatened to look for the weapon myself, if he would not give it to me voluntarily. Then he replied more mildly: "I have not a weapon!" Soon thereafter he declared himself ready to accompany me, and to spend the night with me.
When we arrived, it was almost eight o'clock. He complained of the cold and sat himself by the oven. The evening bread was brought, yet he declined to eat a bite. In vain was every request for him to take a little food and drink. Despite the window being closed, the fire burning in the oven, the heat in the room really unbearable, he kept his winter clothing on, always drew more coals up and huddled near the oven. Finally, after hours, I succeeded in inducing him to eat a little. Now we sat together facing each other, his mien had brightened. In a short while he seemed as if everything were as it once was, as if again the future were full of hope before us. Yet soon the painful seriousness back back into his expression. The crisis was not yet past.
To handle the recognised danger, I must strive to find out what had shifted him into this mood.
He admitted that he wished to kill himself. On the reason why, he was doggedly silent.
The following hours were a struggle between us, a struggle of wills and energies. Always on the one side: "I will know! You must tell me! I cannot lose you this way!" and on the other side the same bleak, unchanging answer: "I can say nothing of it to you! — Even not to you!" — What we both suffered through in that night, which I can think of only with dread, I am not able to describe.
Finally, long after midnight, he gave in. He stood up formally and said with a voice so dark, so cold as the grave, so hopeless and desolate, like I have never heard a man's voice: "I know that I am a born criminal. I am the intrinsic murderer!"
In the first moment the thought was that his noble, rich, pure spirit had been violated. He whom every worm, every cockroach of the way had abandoned, whether he was lost in the woods or else bore himself confidently, this benevolent man, this holy man, that he should really bear the dark, of which he spoke, in his own soul? He must be wrong, he must be prejudiced in a delusion, for any other conclusion was not possible!
Once the beginning was made, he was now in a position to speak: "I was in Munich one night in a hotel room. I could not sleep. Then I heard a dog howl. So terrified have I never ever heard a dog howl. It was surely a black dog. It had become the evil spirit. I fought with it. Over my soul, I fought with it. On that night, from fear, I bit into the bed polster. Since that night I knew that I am a murderer. That's why I must kill myself!"
Otto Weininger, the good, noble Weininger — and such words!
What I replied to him, I don't know any more. I only know that I spoke to him for a long time, that I defended this "murderer" on that night, defended him with conviction, because I did not believe in his "guilt". I know that I begged and prayed for his life, that again, I kept pleading for hours and hours incessantly, and again always heard: "You cannot persuade me! You cannot force me! Let me be! It must be! I cannot live anymore!"
To my question, if his brooding was directed against a specific person, he gave no clear answer.
Soon it was almost day. The lamps had burnt down, I felt exhausted and spiritless, because everything had failed. All my energy was used up, he was stronger.
In the great fear of losing my friend, and indeed also of losing him forever, I said still a few words with my remaining decisive power. I wept and my agitation effected what my words had not been able to achieve. He placed his hand on my forehead, and in his eyes were tears. With deep solemnity he then said: "I thank you!" He would remain alive. I would be silent, then, because he would need quiet and solitude.
It was day, as he left me.
Concerning that night, we never again spoke to each other.
But he began to form "Sex and Character".
In a few weeks, the last version of the book was completed. A Viennese scientific publisher rejected it. At the end of March 1903 Weininger wrote that Braumüller had accepted it. On 29th May, he brought me the first example the printing press had gotten off.
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In early summer 1903, we spent some hours together. Still, he often spoke about the criminal nature, but yet now in a genuinely milder form, that left hope that the crisis was declining into abatement.
Around the middle of July he left Vienna and remained abroad until the last third of September. Then he came, apparently without having recuperated. That he again sustained plans to commit suicide, I did not suspect. Indeed, he said at our last get-together: "The accusation could not be made against me, that my book was intellectually impoverished!" But that he was, at that time, thereby alluding to his early death, I had no idea. Also a second remark: "You have not helped me with the corrections of the first edition. Now you have no examination before you. Promise me that you will fully take on yourself the work for the second edition!" could not, at the time, be construed as his last will and testament.
At these meetings he also said: "Now we will not see each other so soon!" and explained this with a pile of work that pressed for completion. The farewell was without ceremony, only heartfelt in the usual manner. The resolution to perform his plan so quickly, had Weininger still, at that time, not conceived. The next evening he cam to me. I was not home. On other days I learnt that he came upset to my room and had waited for many hours unavailingly. Later at night he went away. He let me know I should not expect him on the following day. I didn't expect him. But he came again, remaining for hours, until late in the evening, then he went. And again he left the message, that he could really not come the next day and came nevertheless and didn't meet me. This repeated itself over a series of days. Thus I never saw him again alive. Perhaps the conflict between his messages and his actions was none other than the struggle for his life. Perhaps he feared meeting, because I had once held him back from death, and he still came again and hoped and waited; and believed from his lack of a friend that this pointed to a sign.
On the 4th October 1903, at ten-thirty in the morning, he died in the Wiener Allgemeinen Krankenhaus, where he was diagnosed that night to be in a hopeless condition. Shortly afterwards two friends accompanied me to his corpse.
On the face of the dead, there was no feature of goodness, no shimmer of holiness, to be seen. Also no pain; only an expression that the face of the living had completely lacked: something fearful, something ruled by horror, that which had pressed the death-weapon into his hand: the thought of evil.
After a few hours, however, his image changed: the severities softened, the features seemed gentler and smoother. And when I looked at my dead friend for the last time, on his visage was nothing other than the sought-after deep quiet of eternity, on his forehead only the reflection of his great spirit.
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From Italy, Weininger had sent all the handwritten notes he possessed to his friend Dr. Moriz Rappaport, leaving the publishing up to his discretion. There the deciphering of the greater part of the shorthand notebook seemed impossible, were they not associated with the book "Über die letzten Dinge". For almost 16 years, Dr. Rappaport has left this last notebook of Weiniger in my hands. The often-started attempts to disentangle the obscure and half-smeared characters remained always without result.
After a difficult illness, I obeyed the demand of my friend to not keep what remained of Weininger's mind hidden to the world any longer. I broadcast the notebook and published these last messages in mutual agreement with Dr. Rappaport, together with a few of the letters preserved by him over the course of the years, insofar as they are suitable for rounding out the picture of his personality. A few of the thoughts of the notebook might be known from "Letzten Dinge", so it is still always worth knowing the original form that they took in the consciousness of the thinker, Weininger. A remarkable passage is composed of four lines, lines of tremendous tragedy, that throws light on the whole life-destiny of this unique man. His characters let it be known that Weininger, as if hunted, in a racing hurry, perhaps in torment and doubt, threw onto paper that though his pride floored him, his hand had still bristled up to write what his mind dictated:
How can I criticse woman, after all, that she serves man? Man also wants nothing else than she does. There is no man, who would not be delighted if he exerted sexual power over a woman. Hatred against woman is nothing other than hatred against one's own sexuality, that one has not yet grown out of.
One compares with this passage those two fundamental sentences in "Sex and Character", that had aroused such sensation and still more conflict: "Woman is only sexual, man is also sexual" and "The most lowest man remains still endlessly higher than the highest woman", so one recognises the degree of rank they had in Weininger's opinion towards the problem of sex.
But may I in these last words utter perhaps the real beginning of a new way, utter perhaps the first complete revocation of his earlier beliefs: In principle, the great significance of his deepest insights would not be affected, for the worth of the eternal thoughts of Otto Weininger on his attitude on the problem of the sexes surely is independent.
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For the deciphering of the shorthand, for the oversight of the material and the corrections rendered to me by the docent Dr. Oskar Ewald, Otto Weininger's friend from youth, such valuable help, for these passages exist thanks to him.
A. G.
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TASCHENBUCH
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NOTEBOOK
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Von der traurigsten, verirrtesten Zeit aus dem Leben Jesu wissen wir darum so wenig, weil er selbst darüber voll Schmerz stets geschwiegen hat — bis auf die Antwort, die er dem Engel gab, der ihn "Guter Meister!" anredete: "Warum nennst du mich gut? Nirgends ist Güte!" —
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Der Selbstmord aus Unfähigkeit, von der Krankheit Genesung zu erlangen, ist genau so fahnenflüchtig und ungläubig wie der Selbstmord feig ist, der begangen wird, um dem Verbrechen zu entgehen.
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Es kann charakteristisch dafür sein, ob ein Mensch wirklich flach oder ursprünglich tief ist, daß er den Selbstmord für je erlaubt oder stets unerlaubt hält.
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Ich weiß es, daß ich trotz der geringen Zahl der positiven Erkenntnisse der Begründer der allein heilenden wissenschaftlichen Heilkunde, der allein wahren Pathologie, bin. Ich weiß es und habe wider mein Erwarten auch das Glück gehabt, einen überaus hochstehenden Menschen zu treffen, den ich überzeugt habe und der auch das selbe glaubt. Dann müssen die kommenden Jahrhunderte es mir bezeugen.
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Es gibt nur Psycho-therapie, freilich nicht jene nur mangelhafte Psychotherapie von außen, wie wir sie heute haben, wo der fremde Wille eines Suggestors vollbringen muß, wozu der eigene allzu schwach ist, nicht eine heteronomische, sondern eine autonomische Hygiene und Therapie, wo jeder sein eigener Diagnostiker und damit eben auch schon Therapeutiker ist. Ein jeder muß sich selbst kurieren und sein eigener Arzt sein. Wenn er das will, wird ihm Gott helfen. Sonst hilft ihm niemand.
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An...
Er darf meinen Selbstmord nicht als persönliche Sache auffassen, wie Du das bei F. getan hast, die Dich betrifft und zu Deiner Strafe oder als gerade Dein spezielles Unglück da ist. Du wirst auch hiezu die Neigung empfinden. Aber glaube nicht, daß das richtig ist!
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Ich glaube, daß sicher meine Geisteskräfte derartige sind, daß ich in gewissem Sinne Löser für alle Probleme geworden wäre. Ich glaube nicht, daß ich irgendwo lange im Irrtum hätte bleiben können. Ich glaube, daß ich den Namen des Lösers mir verdient hätte, denn ich war eine Lösernatur.
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"Sich elend fühlen" als Krankheit:
Selbstmord aus Unfähigkeit, dem Verbrechen zu entgehen. Selbstmord aus Unfähigkeit, der Krankheit zu entgehen.
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Meine Freude am "Pahöll" in der Gymnasialklasse ist meine Freude am Chaos.
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Die Schuld des Menschen, dem die "Verbundenheit" Problem wird, ist eben die Einsamkeit. Der Verbrecher nimmt, wie keine Schuld, so auch keine Einsamkeit auf sich.
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An G. über Neapel. Daß er dorthin müsse. Schreiber und Leute, die nicht schreiben können. Ferner über den Herkules Farnese. Über ihn selbst. Kraft hat er. Meine Theorie von der Krankheit.
Warum ich ihm das schreibe? Aus Pflicht, aus keinem andern Grund.
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Meine forcierte Aufrichtigkeit ist Erpressen der Freiheit, Ersetzung Gottes.
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G. (der Athlet): Kraft als Selbstzweck, ohne ethisches Ziel (sucht den Sport und Leibesübungen); darum sündigt er, weil er gar nicht schwach ist (er darf es sich also scheinbar erlauben) und kann hiedurch doch stürzen. Denn Kraft ist Folge der Güte (ihr Mittel, um sich zu behaupten, sich zu finden), nie Selbstzweck.
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Für G.: Das Sichhüten vor fremdem Einfluß bedeutet, daß ihm nicht mehr an der Person liegt als an der Phantasie. Ich habe die Phantasie für mich, nicht mich für die Phantasie. Ich habe das selbe mit der Wahrheit. Originalitätsbedürfnis ist also Schwäche.
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Natur der Wissenschaften
- Die räumlich-zeitlichen Elemente werden als Konstante eingeführt:
Geographie* -- Geschichte
- Raum und Zeit werden geschieden:
Variabelwerden
a) der Raumelemente: Geometrie, Kosmographie;
b) der Zeitelemente: Physik.**
* Geographie ist sadistisch. Erzählen ist sadistisch. Der Sadist fühlt die Organe als real. [Arthur Gerber]
** Experimental-Physik und Zahlen-Physik. [Arthur Gerber]
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Das Nichts ist der Spiegel des Etwas (des Lichtes).
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Wie der Wille, so ist auch seine Projektion, die Bewegung, das Kind, etwas zwischen Sein und Nichtsein.
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Es gibt ein ganzes Reich der Projektionen. Die Erfahrungswelt, die wir wahrnehmen, entsteht durch solche Projektionen des Etwas auf das Nichts, Projektionen des höheren Lebens.
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Anmerkung zu Ewalds Ideen:
Hier liegt, was man freilich nirgends ausgesprochen findet, vielleicht das schwierigste Problem der Philosophie.
Kant hat das psychische Leben ganz so unter die Erscheinung verwiesen wie das Leben der Außenwelt. Er hat der Zeit jede Bedeutung geraubt. Dadurch wird aber die Möglichkeit der Ethik vernichtet. Wenn alle guten Regungen in mir auch nur zum Schein und nicht zum Sein gehören, so ist es aus mit dem Sinn meines Lebens. Denn der Sinn meines Lebens steht und fällt damit, ob ich in eine positive Beziehung zum Guten treten kann oder nicht.
Wenn alles psychische Leben nur scheint, so kann ich mich eines ewigen Lebens in keiner Weise würdig machen. Die Idee mit dem "Progressus" (zur Heiligkeit), die Kant teilte, wird so vereitelt.
Das Transzendentale ist das Minimum an Ewigem.
Das Genie braucht die transzendentale Methode nicht, da es für die normale Intuition Sicherheit genug besitzt.
Die Berechtigung der psychischen Methode liegt im Schauen der Dinge in Gott! Je näher die Anschauung dem Begriffe kommt, desto entbehrlicher wird die transzendentale Methode.
Hier sind die bedeutendsten Fehler Kants:
- Die Vernachlässigung des Sinnes der Zeit;
- daß er zwischen der Realität des inneren und des äußeren Lebens keinen Unterschied macht;
- theoretisch nichts davon wissen wollte, daß jenes eine höhere Realität besitzt.
*
Weil Schuld und Strafe nicht wirklich verschieden sind, darum mag man darüber beruhigt sein: Kein Verbrecher geht wirklich straflos aus.
*
Kritik der Kantischen Ethik und ihres "Atheismus."
Was ich behaupte, ist: Daß der Wille immer gut ist und daß es gar keinen Willen zum Bösen oder bösen Willen geben kann.
Das Böse ist der Verzicht auf den Willen und das Werden des Triebes aus dem Wollen. Dies ist eben auch damit beweisen, weil der Wille stets bewußt, der Trieb unbewußt ist.
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Die Ideen der Freiheit und Universalität müssen identisch sein. Denn jede Begrenztheit ist Bestimmung von aussen, hat also Unfreiheit. Wenn aber der Mensch frei ist, so muß er werden können, was er will. Dazu ist aber Freiheit der Möglichkeiten Bedingung. Die Ideen der Freiheit und Totalität sind also identisch!
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Einheit und Allheit innerhalb des Horizontes.
*
Raum als das Ich.
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Der Zufall hängt mit der Inkarnation zusammen.
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Es ist gar nicht wahr, daß alles menschliche Handeln nach der Lust geht. Alles Handeln des guten Menschen geht nach dem, was man den Wert oder die Existenz oder das Leben nennen kann.
Nur die Bekennung des Lebens ist Lust!
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Schwanken zwischen Schopenhauer und Fechner. Beide verkennen, daß das Ethische und der Weltgrund in der Reihe liegt, von welcher die "Lust — Schmerz"-Reihe abhängig ist, in der Reihe "Gut — Böse." Mit ihr läuft die Reihe "Lust — Schmerz" parallel, aber sie ist im Verhältnis zu jener doch sekundärer Natur.
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Wie verhält sich die Lust zum Leben? Forderung des Lebens ist Lust! Die Lust verhält sich zum Leben wie die Strafe zur Schuld (wie der Schmerz zum Tod).
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Strafe verhält sich zur Schuld wie Lust zu Wert, wie Unlust zu Unwert.
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Das menschliche Wollen geht nicht nach der Lust; es geht nach dem, was andere Wert, ich auch, Leben oder Existenz oder Realität genannt haben. Die Lust ist an den Wert gebunden und nie direkt, nur durch ihn erreichbar.
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Bis zur Lust reicht das Weib, aber nicht bis zum Wert. Bis zum Mitleid reicht es, nicht bis zur Achtung. Hochachtung vor dem Manne: "moralische" Behauptung männlicher Frauen?
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So wie Lust und Wert, so verhält sich die Sonne zu den Sternen.
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Lust und Wert sind im tiefsten Grunde identisch. Sie berühren sich im Begriffe des Guten. Und das Gute ist Gott!
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In der Beziehung zum Ethischen wird der Zufall überwunden. Durch Einordnung erkennen ist noch unsittlich.
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Die Langeweile und die Ungeduld sind die unsittlichsten Gefühle, die es geben kann. Denn in ihnen setzt der Mensch die Zeit als real: Er will, daß sie verstreiche, ohne daß er sie ausfülle, ohne daß sie bloße Erscheinungsform seiner inneren Befreiung und Erweiterung ist, bloße Form, in der er sich zu verwirklichen zu trachten habe, sondern unabhängig von ihm, und er abhängig von ihr. Zugleich ist Langeweile Bedürfnis, die Zeit von außen aufzuheben, und Verlangen nach dem Teufelswunder.
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So wie ein widriger Lärm oder ein übler Geruch, dessen Ursache ich selbst geworden bin, mich nicht so schmerzen wie das Gleiche, wenn es ein anderer hervorgebracht hat, so kann man auch denken, daß Gott selbst unter dem Bösen und dem Übel in der Welt gar nicht leiden müsse, noch könne, weil es nur dort ist, wovon er sich aktiv abgekehrt hat, damit aber auch schon ganz da ist.
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Durch die Gnade tritt das Zeitliche notwendig in Beziehung zum Zeitlosen, Ewigen, Freien.
Der Ausdruck dieses Beziehungsverhältnisses ist im allgemeinsten der Glaube. Durch diese Beziehung wird aber die Zeit nicht für Unsinn erklärt, sondern sie erhält einen Sinn: Und sie kann ja durch nichts anderes einen Sinn erhalten als durch Beziehung auf ein Zeitloses. Der psychische Ausdruck dieses allgemeinen Sinnes der Zeit heißt: Mut! Er ist die direkte Wirkung der Gnade mit Bezug auf die Zeit (Nicht-Setzung alles anderen Zwanges), wie der Glaube die direkte Wirkung der Gnade ohne Bezug auf dieselbe ist.
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Wie in der Gegenwart, so sind auch in der Ewigkeit Raum und Zeit geschieden. Die Ewigkeit ist der Sinn der Gegenwart. Die Gegenwart verhält sich zur Ewigkeit, wie der Anfang der Dinge (vor dem Sündenfall) zum Ende, als zum Ziel (Erlösung vom Sündenfall).
Darum hat das Kind nur Gegenwart.
Zusammenhang von Alter und Ewigkeit.
Der Greis hat nur Ewigkeit.
Das Wesen des Spielers.
Der Gries, der kindlich wird: Er hat den Sinn des Lebens nicht begriffen.
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Schreiten kann nur der Mensch.
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Alles Mitleiden heißt Wollen der Lust überall und ist darum unsittlich, weil die Lust im Mitleid direkt angestrebt wird anstatt des Wertes.
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Das Mitleid ist darum unsittlich (geschweige denn Fundament der Moral), weil es eben innerhalb der "Lust-Leid"-Reihe steht, nicht innerhalb der "Wert-Nichts"-Reihe, an die jene funktionell geknüpft ist. (Lust ist abhängig von Bedingungen, Wert ist nie abhängig von Bedingungen.) Hier wird der Schmerz direkt zwar gesehen, aber verneint; und Lust direkt gewollt, statt daß Wert bejaht wird, wie in der Achtung.
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Grausamkeit, das heißt: Schmerz real (zur alleinigen Wirklichkeit) machen wollen, statt daß mit "Freiheit-Wert" Lust gesetzt ist.
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Schopenhauer (dessen Nirwâna, als das doch allein Reale, Leidlose, Überwindung der eigenen Grausamkeit ist) und Fechner sind Gegensätze innerhalb derselben Reihe. Beide finden als Wesen der Welt immer nur Lust- und Schmerz-Elemente. Fechner ist nur der umgekehrte Schopenhauer; diesem war der Schmerz, jenem die Lust das Reale. Alle grausame Menschen haben ein eigentümlich schmerzliches Gesicht; weil ihr Sein eben Position des Schmerzes bedeutet. Ebenso der Asket (Pascal).
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Frech: Für Nichtserachten des Etwas.
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Mut ist das Korrelat der Wahrheit. Er ist das Für-Nichts-Achten des Nichts.
Feigheit ist das Für-Etwas-Erachten des Nichts.
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Jüdisches, Gemeinheit und Dummheit. Der Jude ist moralisch das, was die Dummheit intellektuell ist. Er ist die Fliege, die den Esel blutig schindet.
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Zeit dem Raum noch übergeordnet.
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Reisen ist unsittlich, weil es Aufhebung des Raumes im Raume sein soll.
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Der Jude als Parodie des Greises.
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Gesinnung bei allem Handeln; Zweifel beim Mord. Es gibt auch Tötung, die Recht ist (Mime).
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Dualismus als Verdoppelung durch Externalisation des Psychischen.
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Bübisch ist Herbeiführen des Zufalls, dessen, was bewußt Objekt des Humors wird.
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Jeder Assoziation entspricht ein Vorgang im Weltganzen.
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Telepathie ist Apperzeption.
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Der Moral ist das Herz, dem Intellekt der Kopf zugeordnet.
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Krankheit ist ein spezieller Fall der Neurasthenie.
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Neurasthenie und Krankheit: Passiv werden der Empfindung gegenüber
im Raum außerhalb des Körpers: Neurasthenie;
im Raum innerhalb des Körpers: Krankheit.
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Wüste — Fata Morgana — Traum.
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Irrlicht: Verlust der Identität des Flusses.
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Ruhmsucht und Unsterblichkeit.
Ruhmsucht ist Verbundenheit in der Zeit und im Raum.
Zwischen Unsterblichkeit und Sittlichkeit kann es nichts geben. Darum werden alle Kulturen wieder hinweggeschwemmt.
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Nur das Gute ist.
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Krankheit und Einsamkeit sind verwandt.
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Der Betrüger ist dem pathologischen Lügner verwandt. Er betrügt durch seinen Körper physisch: Hochstapler.
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Alles Übel ist Eines, in Zeit und Raum.
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Der Herr des Hundes ist derjenige, der gar nichts Hündisches in sich hat. Er hält sich darum einen Hund. Er hat das Hündische von außen.
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Leichenverbrennung ist dionysisch,
Leichenbegraben ist apollinisch.
Die Auferstehung des Fleisches wird durch das Verbrennen nicht berührt.
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Der eitle Mensch ist in gleich hohem Maße empfindlich. Denn würde er nicht wollen, daß man ihm zusieht, so würde man ihm auch nicht auf die Finger schauen.
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Das Genie kann keinen genialen Bruder, keine geniale Schwester haben. . . .
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Nicht nur das Gute ist Eines in den Menschen, auch das Teuflische. Jeder Sieg des Guten in einem Menschen hilft allen anderen — und umgekehrt.
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Gott ist die Idee des Heils, die Gesundheit. Wenn wir wollen, so ist die Idee, so ist Gott bei uns.
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Der Doppelgänger ist das Ensemble aller bösen Eigenschaften des Ich. Alle besondere Furcht ist nur ein Teil von dieser Furcht, der Furcht vor dem Doppelgänger.
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Lüge ist stets Trägheit. Hat nicht der Geschichtsforscher zur Lüge ein Umkehrungsverhältnis?
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Der Spiegel ist das Surrogat für das Sichselbstschaffen. Er hat zur Eitelkeit ein Verhältnis ebenso wie zur Individualität.
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Der Verbrecher ist hyperämisch (Tier), der Neurastheniker anämisch und grüngelb (Pflanze).
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Das Problem der Individualität ist das Problem der Eitelkeit. Daß es viele Seelen gibt, ist Folge der Eitelkeit. Der Verbrecher ist eitel, denn er hat den Wunsch zur Einzigartigkeit. Man braucht den Zuschauer, das Theater, die Pose. Darum entsteht der zweite Mensch. Darum ist der Verbrecher homosexuell.
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Das Genie ist entweder das umgekehrte Verbrechen oder die umgekehrte Krankheit (insbesondere der umgekehrte Irrsinn).
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Der Künstler darf eher etwas Minderwertiges schaffen als der Philosoph. Denn er ist vom Moment abhängiger als dieser.
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Wenn der Flachkopf Schiller anstatt des Wustes seiner schön klingenden, bequem-ethisierenden Phrase: "Geteilte Freude ist doppelte Freude — geteilter Schmerz ist halber Schmerz!" gesprochen hätte: "Glück kann der Mensch teilen, Schmerz niemals!" dann hätte er etwas Wahres gesagt.
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Daß Goethe von Schiller viel gehalten hat, das beweist natürlich gar nichts. Denn er hat auch von Wieland, Byron und etlichen Malern seiner Zeit sehr viel gehalten, und an denen war auch nicht viel.
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Herkules ist dorisch. Dorisch und Jonisch müssen scharf geschieden werden im Griechentum. Sie verhalten sich wie Armut zu Reichtum, wie Einfachheit zu Wohlstand.
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Das frömmste Werk der Kunst, das ich kenne, ist der "Farnesische Herkules" (im Museum zu Neapel). Er ist frömmer als die Heraklessage selbst, von unendlich ergreifender Wirkung. Der "Farnesische Stier" erscheint daneben wie ein Ausdruck von Talent.
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Daß man den rafaelischen Dreck neben Michelangelo hat nennen können, begreife ich; man wird dies wohl immer tun, denn Rafael ist ganz ohne, Michelangelo nur durch Genie zu verstehen. Jener nimmt alle, dieser gar keine Rücksicht auf den Betrachter. Völlig impotent wird Rafael, wenn er Gott, Christus, die Philosophie darstellen soll. Er hilft sich, indem er aufs Wesen von vornherein verzichtet; das nennt man dann Originalität und preist es als Behauptung Michelangelo gegenüber. Nie hätte Rafael gewagt, eine Gestalt ganz den Rücken zeigen zu lassen, am wenigsten je Gott selbst (wie's Michelangelo getan hat im zweiten Deckenbild der Sixtina).
Um zu wissen, wer Michelangelo und was Rafael ist, vergleiche man ein weniger bedeutendes Bild, die "Sintflut" der ersteren, mit einem der hervorragendsten des letzteren, dem "Brand des Borgo". Diese eignen sich sehr gut wegen der inhaltlichen Homologie und weil von Michelangelo sonst keine Massendarstellungen vorhanden sind.
Rafael malt hier eine Gruppe, dort eine andere, Stück für Stück, jede mit etwas anderem beschäftigt; die Einheit fehlt ganz. Michelangelo erfaßt sofort das Wesen der Sache: er malt die Sintflut, das Ereignis selbst in seiner elementarsten Wucht, daraus ergibt sich ihm selbst alles andere, alle Rückwirkung auf die Menschen, die gerade hier jede Individuation ausschließen muß.
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Freiheit und Universaliät — Macht und Universalität. Darum ist dem Neurastheniker der Anthropozentralismus zuwider.
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Der Neurastheniker will die Begrenzung und darum keine Macht.
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Das obere Moment ist Gott.
Einheit und Allheit sind so problematisch. Der Neurastheniker verzichtet auf Allheit, der Verbrecher auf Einheit. Der Neurastheniker ist zur Allheit, der Verbrecher zur Einheit zu schwach.
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Der Mangel an Einheit im Meer! Allheit ist hier; aber Einheit wird hier vermißt. Darum zersplittert sich der Verbrecher und verzichtet auf die Einheit des Bewußtseins.
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Genesen heißt: Mit dem All sich wieder verbinden. Krankheit heißt Einsamkeit.
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Der Fluß hat keine Allheit.
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Der Sumpf ist die falsche Allheit des Flusses und der Scheinsieg über sich selbst.
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Was den Norddeutschen ausmacht, das ist vielmehr die eigentümliche norddeutsche Ebene. Der Isländer, der Norweger, der Schotte und zum Teil auch der Engländer sind dem Süddeutschen ähnlicher als dem Norddeutschen.
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Gegensatz auch in der Natur: Die fruchtbarsten Gegenden Europas und die Vulkane daneben, die häßliche Lava — der Dreck der Erde.
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Je älter der Mensch wird, desto mehr blickt er in die Zukunft, nicht nur in die Vergangenheit. Das Kind hat gar kein Verhältnis zu seiner Zukunft.
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Ist das Meer durch die Flüsse oder sind die Flüsse durch das Meer? Wer wollte das entscheiden? So verhält es sich zwischen Gott und Menschen. Das Meer will Flüsse, der Fluß will das Meer.
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Ich habe landschaftlich am meisten Sinn für Durchblicke und für das All, zu dem sich die Erde erweitert, für die Öffnung, hinter der man ins Weite sieht, für die Musik, die sich auftut (Trovatore und Lohengrin, Jubelarien): Mündung.
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Sonnensystem und Fixsternhimmel haben ein verschiedenes Verhältnis zum Raume. Die Sterne winken von der Grenze des Raumes her. Es ist wohl sicher, daß die Sterne moralischer sind als die Sonne; hier ist noch mehr (z. B. Glut, Polychromie) zum Nichts geworfen, die Position noch ausschließender, noch enger geworden; und eben darum zugleich weiter, größer, umfassender.
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Die Sterne lachen nicht mehr; sie haben zur Lust keine Beziehung mehr, nur mehr zur Seligkeit und Freude. Es fehlt die Physis.
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Erbrechen verhält sich zur Diarrhöe wie Ekel zu Furcht.
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Unter dem Merkwürdigen am Feuer ist auch, daß es Sauerstoff braucht, um zu brennen, ganz wie sein Feind, das Leben. Darum sind Leben und Flamme so oft verglichen worden.
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Die reinigende Wirkung des Feuers deutet darauf hin, daß auch dieses Element im Dienste des Guten steht.
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Schlange und Hund haben Verwandtes.
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Die Hundswut ist die Beschuldigung, die der Hund gegen den Herrn erhebt.
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Die Sünde des Vogels ist Leichtigkeit, Überwindung der Gravitation ohne Setzung.
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Der Hund ist derjenige Verbrecher, der fortwährend die andern zu widerlegen sucht, um sich zu rechtfertigen (Bellen!). Er kann das aber nur, indem er Sklave eines Herrn wird.
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Krankheit ist Abhängigkeit des Körpers — Verbrechen Abhängigkeit der Seele.
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Auch die Kurzsichtigkeit müßte sich heilen lassen, wenn man ihren Grund erkennen würde.
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Der größte Verbrecher stirbt stets durch Herzschlag (Furcht).
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Problem des Kranken ist Problem des Raumes. Problem des Verbrechers ist Problem der Zeit.
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Problem der Tierpsychologie ist Problem des Zufalls, ist Problem der Externalisation; denn im Augenblicke, da das Fliegenartige in mir unbewußt wird, das heißt: ich ihm gegenüber unfrei werde, wird es die Erscheinung der Fliege, der gegenüber als Empfindung ich unfrei bin; im selben Augenblicke aber ist der Raum da.
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Der Körper ist nicht unsittlich, aber die Haut. Sie ist die Gefahr des Körpers, die Stelle, wo er den Raum anerkennt, verwundbar, beschmutzbar, infizierbar wird. Der Raum entsteht durch Nichtrealmachung eines Realen, ebenso die Krankheit (durch Abgabe eines Teiles des Ich nach Außen, Unfähigkeit zur Allheit).
Die Zeit (Verbrechen) ist Realsetzen des Nichtrealen: Scheidung einer Vergangenheit, der Macht gegeben wird, und einer Zukunft, über die keine Macht gewollt wird, von der Gegenwart, die so nicht mehr Ewigkeit ist . . . Ebenso das Verbrechen: Realsetzen, Verwirklichen irgendeines Unbewußten (eines Tieres).
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Alle Tiere sind verbrecherisch, auch das Pferd, auch der Schwan (zwecklose Schönheit, fliegt nirgends mehr hin): es gibt eine Furcht vor dem Schwan.
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Der See: (Versuch des Flusses, zur Allheit zu gelangen? Dafür spricht der Kaspisee). Jedenfalls sind es Stationen des Flusses und Ruhepunkte.
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Das Meer unter Wolken: Das ist der Ozean, das Schwarze Meer, die Nordsee. — Nietzsches Gesicht: Hier sind die schwersten, schwärzesten, geradezu dunkelsten unheilschwangeren Wolken: Unfähigkeit zur Heiterkeit.
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Der Neurastheniker sucht nach künstlicher Allheit, indem er ans Meer geht; der Verbrecher sucht nach künstlicher Einheit. (Allheit von außen, Einheit von außen.)
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Der Neurastheniker hat auch eine Gegenwart (zeitlich; der Verbrecher hat keine Gegenwart).
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Nichts kann so schön sein wie der Mensch; nichts so häßlich!
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Die Gefahr des Flusses ist die Versumpfung. Die Gefahr des Meeres? Wasser mit Wirbel.
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Eine Möglichkeit im Meer entspricht dem Irrsinn.
Sumpf und Irrlicht.
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Die Wolken verdecken das Licht. Das Ewige umschlingt sie.
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Violett: Unentschieden sein zwischen Gut und Böse, zwischen Lust und Schmerz.
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Die Schlange ist eigentlich nicht im engeren Sinne häßlich. Sie ist glatt; und doch packt uns ein Ekel vor ihr: Lüge!
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Jedes Tier hat ein Gesicht, in dem man irgendeinen menschlichen Affekt, einen Trieb, eine Leidenschaft entdeckt, eine menschliche Schwachheit oder Gemeinheit entdeckt.
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Die Schildkröte macht stets einen müden Eindruck. Sie ist schief und hingestreckt am Boden, zum Kriechen verurteilt; und dabei ungeschickt.
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Eudyptes chrysocoma* ist für mich Problem. (Ein Tier, das nicht eitel ist und sogar Schmerz kennt.)
* Eine Pinguinart, die auf den Feuerlandinseln und in Patagonien vorkommt. D.H.
*
Der Vogel ist das apollinische Tier?
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Wie sich alle möglichen Kombinationen im Menschenreich finden, so auch im Tierreich: Fische, die fliegen; Vögel, die schwimmen; Säugetiere, die fliegen; Säugetiere, die schwimmen können.
Warum kann der Mensch nicht fliegen? Warum fliegt er im Traum?
*
Fernere Übergänge zwischen Tier und Pflanze: Schwamm, Koralle.
*
Die Schlange leidet stark unter der Kälte. Tod von außen. Realisierung des Zufalls. Absolute Nacht, ohne Hoffnung.
*
Die Fische sind gekennzeichnet durch den völligen Verlust alles Ausdrucks vermögens. "Blödsinn" und Fisch.
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Das Reh: Schwäche und Feigheit. Es ist an und für sich nicht schön.
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Schlange und absolute Sicherheit des Losfahrens. Sie trifft sicher und geradlinig, tötet, wen sie beißt. Gerechtigkeitsproblem ist hier Zufallsproblem! — Die Schlange ist aggressive Lüge, sie liegt auf der Lauer, schlängelt sich zwischen den Menschen durch. Sie lügt nach außen. — Feige Lüge? Lüge nach innen.
*
Die Pflanze ist Krankheit. Hier ist Einheit (keine Zellwände), aber keine Allheit mehr durch Verlust von Sinnesorgane und Bewegungsfähigkeit (Intellekt, Wille); die Pflanze wird räumlich gänzlich bestimmt, das heißt: haftet am Ort, wird räumlich unfrei.
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Die Tiere und Pflanzen sind nicht gestorbene Menschen, sondern unbewußt Gewordenes im Menschen, denen er nun als Unfreier in den Empfindungen begegnet.
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Der Affe ist der Mensch, der sich zum Wurstel macht: Die Traurigkeit hierüber sieht man ihm an.
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Neurasthenisch ist es, sich schuldig fühlen vor der Natur.
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Wenn Medikamente wirken, so ist es bloß der pyschische Wille, der Glaube, die Hoffnung, die wirken.
*
Verstopfung ist kennzeichnend für Geladensein mit geistig und körperlich Unreinem, ohne daß dieses direkt sich äußerst in einem fortwährend Schmerz. Durchfall ist das Losgehen des ganzen Unrats; er verhält sich zur Verstopfung wie Unglück zu Unbehagen; er ist symbolisch für Deroute, Chaotisierung des ganzen Menschen. Darum eben kann ein künstlich herbeigeführter Durchfall (besonders durch das reinigendste Mittel Kalomel), wie bekannt, vor Epilepsie schützen: Die Diarrhöe leitet auf anderem Wege ab, was sonst gestockt bliebe und das Individuum zu Fall brächte.
*
Fieber und Furcht: Kampf gegen Böses; da wird's überwunden.
*
Der Mensch ist Tier und nicht Pflanze, weil das Moralische (Gut und Böse, Schöpfung und Mord) das letzte ist; darum Blut (rot) und Himmel (blau) beim Tier die Gegensätze; nicht grün — braun (Erde?), nicht Gesundheit — Krankheit.
*
Die Astrologie hat eine Zukunft, die auf der Inkarnation beruht; aus der Konstellation der Sterne kann der Charakter erschlossen werden.
*
Enge des Bewußtseins = Zeit = Unbewußtes: weil die Kraft zur Einheit fehlt.
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1 : 2 : 3 = Form (Idee, Mann): Stoff (Weib): Ding (Kind, Empirie).
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Stoff ist teilbar: das liegt in der Zahl 2. Alle Resultate, alle Synthesen sind Dreizahlen: das liegt in der Zahl 3.
*
Der Raum ist dem Chaos verwandt; sein Wesen besteht im Setzen der Entfernung (Krankheit und Einsamkeit sind verwandt), die drei Dimensionen fliehen auseinander, der Raum hat keine Einheit, er ist die Gesamtheit aller Externalisiertheit der Empfindung, des ganzen Ich als Unbewußten.
*
Das Heimweh ist Wunsch, Kind zu sein (das heißt: die eigene Schuld als von anderen zugefügtes Unglück betrachten, was der Verbrecher nie tut, der sich stets schuldig fühlt).
*
Wo die Einheit des Bewußtseins fehlt, wie beim Verbrecher, da fehlt Einsamkeit ("Das Ich fühlt sich selbst," Rappaport), fehlt Sinn der Zeit (weil die verschiedenen Bruchstücke des Ich, Irreales, Nichts, real gesetzt, verwirklicht wird).
*
Der Heilige (das ist der umgekehrte Verbrecher, Christus, Augustinus, Kant) leidet am schwersten am Zeitproblem. Die Griechen kennen keine Heiligen, darum kennen sie kein Zeitproblem.
*
Die Natur ist unmoralisch, wenn der Mensch sich in die Natur auflöst, Tier, Pflanze, Stoff, Nichts wird, sowie sie also unbewußt wird; die Natur wird moralisch, ethisch, ästhetisch sobald sie gewußt, das heißt: zusammengehalten wird. Dann ist Naturempfindung möglich.
*
Der Verbrecher stirbt von innen (Zeit), der Kranke von außen (Raum).
*
Die Epilepsie muß ebenfalls mit der Zeit zusammenhängen.
*
Wer lügt, ist nicht.
*
Die Schlange und die Weisheit (Verehrung).
*
Wenn der eine in einem Nebel, den der andere sehr gut als solchen erkennt, eine fürchterliche Gestalt erblickt (Erlkönig), so ist dem einen das Betreffende psychisch bewußt. Und es ist schön. Er ist frei! Dem andern - unbewußt - ist es häßlich, freiheitbedrohend, furchterregend.
*
Das Knacken des Zimmers ist unbewußt gewordenes inneres Zerbrechen.
*
Die alte Jungfer ist das Nichts, das aus dem Weibe wird, dem der Mann, der es schafft, aus ethischen Gründen nicht wieder begegnet. So entsteht kein Kind. Sie geht ganz zugrunde.
*
Der Diebstahl ist Realmachung des Nichtrealen oder Einreihung von Dingen ins Ich, die dem Ich nicht gehören.
Die Lüge sagt schon ihrer Definition nach am besten, was unmoralisch ist: Realsetzung des Irrealen, oder ebenso: Einreihung ins Ich, wo Einreihung nicht erfolgen darf.
*
Der Mond (Luna) ist der externalisierte Traum. Der Nachtwandler ist die platonische Idee des Träumers.
*
Die Furcht vor Mücken ist die Kehrseite der Liebe zum Vogel.
*
Das Merkwürdige ist: Dem Verbrecher geschieht nichts.
*
Der Verbrecher überwindet durch den Haß, nicht durch die Liebe, die Furcht. Denn auch der Haß überwindet Furcht.
*
Wer den Hund liebt, nicht die Katze, der hat nichts Hündisches, das heißt: Das Hündische ist in ihm bewußt, er umfaßt es wie andere Gegenstände, liebt sie, schafft sie neu, lebt in ihnen, begleitet sie.
*
Der verbrecherische Lügner stirbt durch den inneren, der gelegentliche durch den äußeren (räumlichen) Schlangenbiß. Der Verbrecher hat aber dabei die Halluzination des Schlangenbisses und stirbt von falschem Schreck.
*
Das Moralische ist dem Intellektuellen stets über; denn der Zauberer kann alles erkennen, nur das Gute (Gott, die Idee) nicht.
*
Der psycho-physische Parallelismus wird allmählich vollständiger:
Mein Mangel an Kraft.
Schwache, Schwächlinge in moralischer Beziehung verkörpern schwache Kraft und Mut: Jude und Kraft, Weib und Kraft.
*
Hängt es mit der Kraft eines Mannes zusammen, ob er Söhne oder Töchter bekommt?
*
Man erwäge nun, welches Licht auf Hoffnungen fällt, ein einfaches Naturgesetz ausfindig zu machen, nach welchem sich das Geschlecht regelt. Sicherlich steht auch dieses unter einem ethischen Gesetz. Aber ein biologisches Naturgesetz eines Vorganges, in dem es sich entweder um die Inkarnation einer Seele oder um Entstehung eines flüchtigen Wahn- und Lügengebildes handelt, wie es das Weib ist, kann es nicht geben. Und am wenigsten kann es von anderen Wesen experimentell beeinflußt werden. Dies gilt wieder für den Menschen. Hier ist eine Eingriffnahme ganz unmöglich. Ebensowenig ist eine mechanische Ursache denkbar für das Überwiegen der männlichen Geburten.
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Das Geschlecht: Im übrigen ist es oft nur vom Manne abhängig.
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Mann und Weib — Etwas und Nichts. Hier ist die Schlüssel für das Problem der geschlechtsbestimmenden Ursache.
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Die innere Vieldeutigkeit des Juden ist nicht mit dem Chaos des Verbrechers zu verwechseln.
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Und wer es dennoch auch jetzt nicht wüßte, was unjüdisch und was jüdisch ist, der versenke sich in den eben zum Leben erwachenden Adam des Michelangelo (in das von der Altarwand an gerechnet vierte Bild der mittleren Reihe in der Sixtinischen Kapelle), in jenen Menschen, in dem alles noch als Möglichkeit liegt, aber auch alle Möglichkeiten wirklich liegen - mit Ausnahme der einen: des Judentums!
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Der Jude ist von Anfang an; und doch kann er auch kein Ende bedeuten. Er ist zwischen Anfang und Ende. Anfang und Ende aber heißen "Tat". Der Jude kennt darum den Handel, nicht die Tat.
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Der Jude ist zu dringlich gegen Christus. Christus ist nicht umsonst auf einem Esel geritten. Eselskult beiden Juden. Der Jude ist die Züchtigung des Esels: er ist gar nicht dumm. Daß die Juden sich in Deutschland gleich inkarnieren, hängt mit dem "Michel" zusammen. Der Jude hat alle bösen Eigenschaften noch in einer gewissen Form: Er lächelt wie die Dummheit, deren ethisches Korrelat er ist. Die Dummheit lächelt über die Weisheit; der Jude lächelt über Güte. Er stellt sich hiemit neben Güte. Er zeigt, wie auch noch Lächeln unsittlich sein kann.
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Es ist unsittlich, zu fragen, zu bitten.
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Heulender Sturm in Macbeth: Das Schicksal siegt und frißt den Menschen.
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Der Mensch, dem der Selbstmord mißlingt? Er ist der vollkommene Verbrecher, denn er will das Leben, um sich zu rächen. Alles Böse ist Rache!
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Eitelkeit heißt: Zum Wert des Ich rechnen wollen, was nicht zum Wert des Ich gehört. Also auch die Individualität. Diese betrachtet als ihr Verdienst, was Verdienst Gottes ist.
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Je größer das Kunstwerk, desto weniger Zufall darf darin sein.
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Der Verbrecher kann keine Zeugen brauchen. Denn durch verbrecherische Art hoffte er zu siegen und ist unterlegen. Darum muß er alle Zeugen morden. Sie sind alle seine Doppelgänger.
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Freude des Verbrechers über jedes Verbrechen.
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Der Heilige lächelt, ohne zu wissen, warum. Er lächelt unfrei. Der Heilige ist der unglücklichste Mensch, obwohl er nur das Glück sucht.
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Der Leichnam gehört Gott und nicht dem Teufel.
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Der Teufel ist der Mensch, der alles hat ohne Güte, den ganzen Himmel kennt ohne Wahrheit, während alles nur durch Güte ist.
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Jedermann schafft sein Weib, vielleicht zwei Weiber für sich: eine Dirne, eine Mutter. Ob er sie zur Mutter macht oder nicht? Es hängt nur von seiner Beziehung zum Ethischen ab.
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Das Weib sei die Sphinx?
Kein kläglicherer Unsinn und Eindruck:
Man will unbedingt hinter dem Weib etwas suchen, weil man auf alles andere eher wartet, als daß eben nichts da ist. Und so kommt man auf den Gedanken, es mit der Sphinx zu identifizieren, mit der es doch gar keine Ähnlichkeit hat.
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Christus hat Magdalena erlöst — sie war Dirne, solange er in der Wüste war.
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Wie will ich es schließlich den Frauen vorwerfen, daß sie auf den Mann warten? Der Mann will auch nichts anderes als sie. Es gibt keinen Mann, welcher sich nicht freuen würde, wenn er auf eine Frau sexuelle Wirkung ausübt.
Der Haß gegen die Frau ist immer nur noch nicht überwundener Haß gegen die eigene Sexualität.
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Die Unschuld ist Unwissenheit. Wissend schuldlos bleiben wäre das Höchste.
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Aus den Dingen erkennt der Mensch sein eigenes Wesen. Jede Erkenntnis ist Erlösung, System und Begründung ist Sühne.
Jeder Erkenntnis ist Wiedergeburt.
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Of the saddest, most wayward period in the life of Jesus, we know very little because he himself remained always silent when full of pain — up until the answer which he gave the angel who called him "Good Master!": "Why do you name me good? Goodness is nowhere!" —
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Suicide from disability, from the too-long recovery from illness, is actually as conflict-shy and as unbelievable as the cowardly suicide committed to escape a crime.
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It can be characteristic for a truly shallow man to see suicide as permissible and an uniquely profound man to see it as constantly impermissible.
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I know that despite the small number of positive recognitions, I am the founder of the only scientific healing arts that heals, of the only observation-based pathology. I know it and also, against my expectations, have had the happiness to meet a greatly outstanding man whom I have persuaded, and whom also believes the same. The coming centuries must testify this to be true of me.
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There is only psycho-therapy, plainly not only that defective psychotherapy from the outside that we have today where the foreign will of a suggestor must be performed wherein one's own will is too weak, not only that heteronomous type, but to the contrary an autonomous hygiene and therapy, where everyone is his own diagnostician and truly, also even therapist. Each one must cure himself and be his own doctor. If he wishes this, then God will help him. Otherwise no one helps him.
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To...
He ought not take my suicide as a personal thing, as you have done with F., which pertains to you and to your strife or directly as your special unhappiness. You would also discover herein that inclination. But don't believe that it is correct!
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I believe that my mental abilities are certainly of such a nature that I would become, in a certain sense, the solver of all problems. I do not believe that I could have remained long in error anywhere. I believe that I would have earned the name of the Redeemer, because my nature were that of a Redeemer.
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"To feel oneself wretched" as illness:
Suicide from the inability to avoid crime. Suicide from the inability to escape illness.
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My joy in "hell-raising" in school classes is my joy in chaos.
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The guilt of the man for whom "community" becomes a problem, is simply solitude. The criminal accepts no guilt, thus also no solitude onto himself.
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To G. about Naples. That he must be there. Writer and people who cannot write. More on the Farnese Hercules. About himself. He has strength. My theory on illness.
Why do I write that to him? From duty, on no other grounds.
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My forced uprightness is the compulsion of freedom, God's substitute.
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G. (the athlete): strength as itself-as-goal, without an ethical aim (seeks sport and exercising the body); that's why he sins, because he is not weak (he is allowed to show himself so) and still thereby collapse. Because strength is the consequence of goodness (its means, to assert itself, to find itself), never of itself-as-goal.
*
For G.: Surveillance of oneself for a foreign influence means that he is no more a person than a fantasy. I make fantasy unto me, not me unto fantasy. I do the same with truth. The need for originality is thus a weakness.
*
The Nature of the Sciences
The spatial-temporal elements introduced as constants:
Geography* — History
Space and Time become separated:
become variables
- the space element: geometry, cosmography;
- the time element: physics.**
* Geography is sadistic. To narrate is sadistic. The sadist feels the organic is real. [Artur Gerber]
** Applied physics and theoretical physics. [Artur Gerber]
*
Nothingness is the mirror of Something (of the light).
*
How the will is, so also is its projection, the movement, the child, something between existence and non-existence.
*
There is a whole realm of projections. The empirical realm, that we take as truth, originates through such projections of Something onto Nothing, projections of the higher life.
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Remarks on Ewald's ideas:
Here lies, truly what one finds pronounced nowhere, perhaps the most difficult problem of philosophy.
Kant has expelled the psychological life wholly, into the phenomenal, such as the life of the outer world. He robbed time of any meaning. But thereby would the possibility of ethics be negated. If all good feelings in me belonged only to Phenomena and not to Being, thus the case is also with the meaning of my life. Because the meaning of my life stands and falls on whether I can proceed in a positive relation to good or not.
If all psychological life only seems, so I can in no wise make myself worthy of an eternal life. The idea with "progress" (to holiness) that Kant shares, would be thwarted.
The transcendental is the minimum of the eternal.
The genius does not need the transcendental method, for the normal intuition possesses enough certainty.
The justification of the psychological method lies in seeing things in a vision of God! The nearer the intuition comes to a concept, the sooner the transcendental method becomes superfluous.
Here are the most significant of Kant's errors:
- Neglect of the meaning of time;
- that he makes no distinction between the reality of the inner and the outer life;
- theoretically wished to know nothing about that which possessed a higher reality.
*
Because guilt and strife are not truly different, for this reason one may be calmed: no criminal really goes unpunished.
*
Criticism of Kantian ethics and its "atheism".
What I argue is: that the will is always good and that there actually can be no will to evil or an evil will.
Evil is the resignation of the will and the coming-into-being of the animal instincts out of want. This is demonstrated so: because the will is always conscious, the instinct is unconscious.
*
The ideas of freedom and universality must be identical. Because every limitation is a determination from outside, it thus has no freedom. But if man is free, then he must be able to become what he wills. For that, however, possibility is the requirement of freedom. The ideas of freedom and totality are thus identical!
*
Oneness and Allness within the horizon.
*
Space as the I.
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Chance and the Incarnation depend on each other.
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It is really not true that all human actions are driven by desire. All actions of the good man are driven by what one can call the worth or existence or life.
Only the embracing of life is desire!
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Indecision between Schopenhauer and Fechner. Both fail to recognise that the ethical and the world-principle lie together, on which the "Desire — Pain" link is dependent in the "Good — Evil" link. With it, the link "Desire — Pain" runs parallel, but its relationship is of a secondary nature.
*
How does desire relate to life? The insistence of life is desire! Desire relates itself to life like punishment to guilt (like pain to death).
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Punishment relates itself to guilt as desire to worth, as Unlust to Unworth.
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Human wanting is driven not by desire; it seeks that which another, also myself, has named worth, life or existence or reality. Desire is bound to worth, and reached only by way of it, and never directly.
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Woman arrives as far as desire, but not to worth. She reaches as far as compassion, but not to consciousness. High regard for man: "moral" argument for masculine women?
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Thus as desire and worth do, similarly relates the sun to the stars.
*
Desire and worth are in the deepest basis identical. They contact in the concept of the Good. And the Good is God!
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In the relation to the ethical, chance is conquered.
To identify through classification is still immoral.
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Boredom and impatience are the most immoral feelings that can be. For, in them Man composes time as the real: He wills that time elapses without him filling it in, without it being the very form taken by his inner deliverance and expansion, the very form in which he has striven to actualise himself; but rather, as independent from him, and he dependent on it. Likewise, bordeom is [made a] necessity, to abolish time from outside, and cravings after devilish wonder.
*
Just as an adverse noise or a fetid stench which I myself am the cause does not so pain me the same as when another had caused it so one can also think that God Himself must truly not suffer amidst evil and grossness in the world, nor could, because it is only there where he himself had actively turned away, where it is also wholly there.
*
Through grace, the temporal necessarily steps in relation to timelessness, eternity, freedom.
The expression of this relation-condition is most commonly, in belief. Through this relation time becomes manifest not as nonsense, but rather obtains a meaning: And it can receive meaning through nothing else than through relationship to a timelessness.
The psychological expression of this common meaning of time is called: courage! It is the direct effect of grace with reference to time (non-positing all other principles), like how belief is the direct effect of grace without reference to the same.
*
As in the present, so also in eternity are space and time separated. Eternity is the meaning of the present.
The present remains itself in eternity, as the beginning of things (before the Downfall) and remains to the end, as the goal (redemption from Downfall).
This is why the child has only the present.
Age and eternity hang together.
The old man has only eternity.
The character of gamblers.
The old man that becomes childish: He has not grasped the meaning of life.
*
To stride, only the man can.
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All compassion is universally: willingness to desire and is therefore immoral, because desire directly striven for becomes compassion instead of worth.
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Compassion is immoral (not to mention the foundation of morality) because it stays within the link "Desire-Suffering", not within the "Worth-Nothingness" link, to which that functionality is tied. (Desire is dependent on conditions, worth is not dependent on conditions.) Here indeed pain becomes directly seen, but negated; and desire directly willed, instead of affirming worth, as in respect.
*
Cruelty means: to wish to make pain real (as a sole reality), instead of placing desire with "Freedom-Worth".
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Schopenhauer (whose Nirvana is as the only real, suffering-free, victory over one's own cruelty) and Fechner are poles within the same progression. Both only ever find the desire- and pain-element as the nature of the world. Fechner is only the reversed Schopenhauer; for the former pain, for the other desire the real.
All cruel men have an idiosyncratically painful face; because their existence simply means position of pain. Even the ascetic (Pascal).
*
Shameless: to disrespect Something.
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Courage is the correlate of truthfulness. It is the respect-nothing of Nothingness.
Cowardice is the respect-something of Nothingness.
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Jewishness, meanness, and stupidity. The Jew is to moral, what stupidity is to intellectual. It is the fly that flays the donkey bloody.
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Time is yet superior to space.
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To travel is immoral, because it wants the removal of space in space.
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The Jew as parody of the old man.
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Spiritedness in all actions; doubt in death. There is also killing that is just (Mime).
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Dualism as doubling through externalisation of the psychological.
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Puerile is the bringing about of an accident which was the calculated object of humour.
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Every assocation corresponds to an event in the Universe.
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Telepathy is apperception.
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Morality is assigned to the heart, the intellect assigned to the head.
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Illness is a special case of neurasthenia.
*
Neurasthenia and illness: to become passive towards the perception
in space outside the body: neurasthenia;
in space within the body: illness.
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Wasteland — Fata Morgana — dream.
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Ignus fatuus: loss of the identity of the river.
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Thirst for glory and deathlessness.
Thirst for glory is affinity in time and space.
There can be nothing between deathlessness and an ethical life. That is why all cultures are washed away again.
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Only the Good exists.
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Illness and solitude are related.
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The cheat is related to the pathological liar. He cheats through his physical body: trickster.
*
Everything cursed is one in time and space.
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The master of a dog is he who has really nothing doggish in him. That is why he has a dog. He has the doggish from outside.
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Cremation is dionysian,
burial is apollonian.
The resurrection of the body will not be affected through cremation.
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The vain man is sensitive in equal high measures. Because were he not willing for one to watch him, so would one not look over his shoulder.
*
The genius can have no ingenious brother, can have no ingenious sister . . . .
*
Not only the good is one in man, but also the devilish. In any victory over goodness in a man, all others are helped — and the reverse.
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God is the idea of salvation, of health. If we will, thus is the idea, thus God is with us.
*
The Doppelgänger is the ensemble of all evil characteristics of the I. Every particular fear is only a part of this fear, the fear of the Doppelgänger.
*
Lying is always languidness. Has not the historian an inverted relationship to the lie?
*
The mirror is the surrogate for creating-oneself. It has a relationship to vanity and equally to individuality.
*
The criminal is hyperaemic (animal), the neurasthenic anaemic and green-yellow (plant).
*
The problem of individuality is the problem of vanity. That there are many souls, is the result of vanity. The criminal is vain, because he has the wish for uniqueness. One needs the spectator, the theatre, the pose. That's why the second man comes into being. That's why the criminal is homosexual.
*
The genius is either the reversed crime or the reversed illness (especially the reversed insanity).
*
The artist must create something inferior to the philosopher. Because he is more dependent on the moment than the other.
*
If the vapid-headed Schiller instead of the mess of his beautiful-sounding, easily-ethicised phrase: "Shared joy is doubled joy — shared pain is halved pain!" had spoken: "Man can share happiness, pain never!" then he would have said something true.
*
That Goethe had considered Schiller great, naturally proves nothing at all. Because he had also considered Wieland, Byron, and a number of painters of his time to be very great, and these were also not great.
*
Hercules is doric. Doric and Ionic must become sharply separated in Hellenism. They are related like poverty to wealth, like simplicity to affluence.
*
The most godly work of art that I know is the "Farnese Hercules" (in the museum at Naples). It is more holy than the saga of Hercules himself, and has an eternally gripping impact. The "Farnese Bull" appears next to it as an expression of talent.
*
That one could mention the Raphaelesque filth next to Michaelangelo, I comprehend; one would always do just this, because one understands Raphael wholly without, Michaelangelo only through, genius. The latter makes all, the former truly no, consideration for the observer. Raphael was wholly impotent when he depicted God, Christ, philosophy. He helped himself by renouncing character from the outset; then one calls this originality and praises it as a contestation against Michaelangelo. Raphael never dared let a body show its whole back, least of all God himself (as Michelangelo had done in the second ceiling painting of the Cistine.
To know who Michaelangelo and what Raphael is, one compares a less significant image, the "Flood" of the former, with one of the most outstanding of the latter, the "Burning of the Borgo". This is very suitable on account of the inner homology and because there are no other representations of masses available by Michaelangelo.
Raphael paints here a group, there another, piece for piece, each preoccupied with something different; it wholly lacks unity. Michaelangelo apprehended immediately the character of the thing: he paints the flood, the event itself in its most elemental force, thence, it gives him everything else, every repercussion on mankind, that here, must straightaway preclude every individuation.
*
Freedom and Universality — Might and Universality.
Because of that, the neurasthenic is against anthropocentricity.
*
The neurasthenic wants limitation and therefore no power.
*
The superior moment is God.
Oneness and Allness are so problematic. The neurasthenic renounces Totality, the criminal Oneness. The neurasthenic is too weak for Allness, the criminal for Oneness.
*
The deficiency of Oneness in the sea! Allness is here; but Oneness is here missing.
That is why the criminal splinters himself and renounces the Oneness of consciousness.
*
To recover means: to bind oneself again with the All. Illness means aloneness.
*
The river has no Allness.
*
The swamp is the false Totality of the river and the sham-victory over itself.
*
The north German is constituted too much by the idiosyncratic north German levelling. The Islander, the Norwegian, the Scot, and to a point the English also, are more similar to the south German than to the north German.
*
Opposites also in Nature: the most fruitful European regions and the nearby volcanoes, the detestable lava — the shit of the earth.
*
The older the man is, the more he glances to the future, not only to the past. The child has no relationship at all to its future.
*
Is the sea existing through the rivers or the rivers through the sea? Who wishes to separate them? So God and mankind relate themselves. The sea wills the rivers, the river wills the sea.
*
I have the greatest appreciation for terrestrial vistas and for the Totality to which the Earth expands, for the aperture at the end of which one sees vastness, for music that opens itself up (Trovatore and Lohengrin, Jubilarian): mouth.
*
Solar system and fixed-star sky have a separate relationship to space. The stars twinkle from the boundary of space. It is arguably certain that the stars are more moral than the sun; here is still more thrown into nothing (for instance, glow, polychromy), the position become still more exclusive, still tighter; and that's why similarly wider, greater, more inclusive.
*
The stars no longer laugh; they have no further relationship to desire, only to happiness and joy. They lack physicality.
*
To vomit is related to diarrhoea like disgust to fear.
*
Among the strangeness of fire is also that it needs oxygen to burn, exactly like its enemy, life. That's why life and flame are so often compared.
*
The purifying effect of fire means that everything points to this element existing in the service of goodness.
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Snake and dog are cognates.
*
Rabies is the incrimination the dog raises against the master.
*
The sin of the bird is facileness, overcoming gravity without place.
*
The dog is that criminal which continually seeks to prove others wrong to make itself right (barking!). It can only be as the slave to a master.
*
Illness is subjugation to the body — crime subjugation to the soul.
*
Even short-sightedness must let itself be healed if one would understand its causes.
*
The greatest criminal always dies from heart-attack (terror).
*
The problem of the sick man is the problem of space.
The problem of the criminal is the problem of time.
*
The problem of animal psychology is the problem of chance, the problem of externalisation; because in the instant the fly-like becomes unconscious in me (meaning: I become unfree towards it), the fly appears, against which perception I am unfree; in the same instant space is there.
*
The body is not immoral, but the skin is. It is the threat of the body, the place where it acknowledges space, is vulnerable, besmirchable, becomes infected.
Space comes into existence through making a real into not-reality, as with illness (through emission of part of the I to the outside, incapability for Totality).
Time (crime) is the not-real being posited as real: separation of a past assigned power, and a future over which no power is desired. It is the present devoid of eternity . . . Thus is crime: to posit reality, as the unconscious manifestations (of an animal).
*
All animals are criminal, even the horse, even the swan (aimless beauty, never flies a little further): there is a fear of the swan.
*
The lake: (attempt of the river to arrive at Totality? The Caspian Sea speaks of this.) In any case there are stations of the river and points of stillness.
*
The sea under clouds: That is the ocean, the Black Sea, the North Sea. — Nietzsche's vision: Here are the heaviest, blackest, really darkest, unholy-pregnant clouds: incapacity for serenity.
*
The neurasthenic seeks artificial Totality, when he goes to the sea; the criminal seeks artificial Oneness. (Totality from the outer, Oneness from the outer).
*
The neurasthenic has also an present (temporal; the criminal has no present).
*
Nothing can be so beautiful as man; nothing so hateful!
*
The danger of the river is swamp-formation. The danger of the sea?
Water with whirlpools.
*
A possibility in the sea correlates to insanity.
Swamp and ignus fatuus.
*
The clouds conceal the light. Eternity entwines in them.
*
Violet: to be irresolute between good and evil, between desire and pain.
*
The snake is actually not in a narrower sense hateful. It is smooth; and yet seizes us with aversion for it: lie!
*
Every animal has a look on its face in which one discovers a somewhat human affect, an instinct, an emotion, discovers a human weakness or a baseness.
*
The tortoise always makes a tired impression. It is lop-sided and prone to the ground, doomed to creeping; and thereby awkward.
*
Eudyptes chrysocoma* is for me a problem. (An animal that is not vain and yet knows pain.)
* A species of penguin in the Tierra del Fuego Islands and in Patagonia. [Artur Gerber]
*
The bird is the apollonian animal?
*
Just as one finds all possible combinations in the human world, thus also in the animal realm: fish that fly; birds that swim; suckling beasts that fly; suckling beasts that can swim.
Why can man not fly? Why does he fly in dreams?
*
Farther transitions between animals and plants: sponge, coral.
*
The snake suffers severely in the cold. Death from outside. Realisation of chance. Absolute night, without hope.
*
Fish are characterised by the total absence of all expression.
"Idiocy" and fish.
*
Deer: weakness and cowardice. It is to and for itself not beautiful.
*
Snake and absolute certainty of hitting the mark. It hits sure and straight-lined, kills when it bites. The problem of justice is here the problem of chance! — The snake is the aggressive lie, that lies in wait, slithers between men. It lies from the outside. — Cowardly lie? Lie from inside.
*
The plant is illness. Here is Oneness (no cell walls), but no Allness owing to absence of organs of sense and facility for movement (intellect, will); the plant actually becomes utterly space-dependent, meaning: it keeps to a spot, is unfree spatially.
*
The animals and plants are not dead in men, but unconscious discardings in men, which he encounters only in unfree perceptions.
*
The ape is the man that muddles its way through: the depression at observing it.
*
It is neurasthenic to feel oneself guilty before Nature.
*
If medication has an effect, it is merely the psychological will, the belief, the hope, that have an effect.
*
Constipation is indicative of being charged with mental and bodily impurity, without being directly expressed in a lasting pain. Diarrhoea is the leaving of all the muck; it relates itself to constipation like unhappiness to discomfort; it is symbolic for detouring, chaotisication of the whole human. — It is why an artificial diarrhoea (especially through the purifying means of calomel) can, as known, shield from epilepsy: Diarrhoea discharges into other ways, what otherwise remains stuck and which would bring the individual to a fall.
*
Fever and fear: struggle against evil; here it will be conquered.
*
Man is animal and not plant, because the moral is the ultimate (good and evil, creation and murder); that is why blood (red) and heaven (blue) are contrasts with the animal; not green — brown (Earth?), not health — sickness.
*
Astrology has a future that relies on the Incarnation; out of the constellation of stars can character be developed.
*
Limitedness of consciousness = Time = Unconsciousness: because the strength for Oneness is missing.
*
1 : 2 : 3 = Form (idea, man): Matter (woman): Thing (child, empiricism).
*
Matter is divisible: it lies in the number 2. All results, all syntheses are trinities: they lie in the number 3.
*
Space is related to chaos; its nature persists in the position of distance (illness and aloneness are related), the three dimensions flee from each other, space has no Oneness, it is the collection of all externalisation of perception, the whole I as unconsciousness.
*
Homesickness is the wish to be a child (i.e.,: seeing one's own guilt as an mishap caused by others, something the criminal never does, who always feels himself guilty).
*
Where the Oneness of consciousness is missing, as in the criminal, there aloneness is missing ("The I senses itself", Rappaport), the awareness of time is missing (because the separated debris of the I, unreal, nothingness, are positioned as real, becomes realised).
*
The holy (that is the reversed criminal, Christ, Augustine, Kant) suffers worst in the time problem. The Greeks know no holy men, so they know no time problem.
*
Nature is immoral, because man dissolves himself in Nature, becomes animal, plant, matter, and nothingness, and so becomes unconscious; Nature becomes moral, ethical, aesthetic as soon as one is conscious of it, i.e.,: it becomes held together. Then is Nature-perception possible.
*
The criminal dies from the inside (time), the sick from outside (space).
*
Epilepsy must likewise hang together with time.
*
Who lies, is nothing.
*
The snake and wisdom (veneration).
*
If one is in a fog that another knows very well, and beheld a fearful form (Erlkönig), to the person concerned that is known to be psychological. And it is beautiful. He is free! To the other — unconscious — it is hateful, a threat to freedom, ruled by fear.
*
The creaking of a room is unconscious discardings of inner fragmentation.
*
The old maid is the nothingness developed out of the woman, created by the man who, from ethical reasons, never again meets with her. Thus no child develops. She perishes utterly.
*
Theft is creation of the real out of the not-real or serialisation of things in the I that do not belong to the I.
The lie says its definition is the best, which is immoral: To posit the Unreal as real, or: serialisation in the I, where it ought not follow.
*
The moon (Luna) is the externalised dream. The sleep-walker is the platonic idea of the dreamer.
*
Fear of midges is the flipside of the love of birds.
*
It is noteworthy: nothing happens to the criminal.
*
The criminal conquers fear through hate, not through love. Also, hate conquers fear.
*
Who loves dogs, not cats, who has nothing doglike, i.e.: he knows the doggish in himself, he enfolds it like other things, loves it, creates it anew, lives in it, attends to it.
*
The criminal liar dies from the inner, the occasional liar from the outer (spatial) snake-bite. But the criminal has the hallucination of the snake-bite and dies from false shock.
*
The moral is always supreme to the intellectual; the enchanter can discern everything, but not the good (God, the idea).
*
The psycho-physical parallelism becomes gradually more complete:
My deficiency in strength.
The weak and weaklings in regard to morality physicalise the weak degree of strength and courage: Jew and strength, woman and strength.
*
Does it depend on the strength of a man, whether he engenders a son or daughter?
*
One considers now, giving light to hopes of finding a simple rule of Nature by which sex is regulated. Surely this also stands under an ethical principle. But there cannot be a biological principle of Nature for a process, that deals with either the incarnation of a soul or the development of an evasive, delusion- and lying-form, as woman is. It can, at least, be influenced by other natures experimentally. This takes effect again for men. Here is a wholly impossible infringement. Just as unthinkable is a mechanical principle for the evaluation of the manly birth.
*
Sex: in other respects it is often dependent on the man only.
*
Man and woman — Something and Nothing.
Here is the key for the problem of sex-determining research.
*
Inner ambiguity of the Jew is not to be confused with the chaos of the criminal.
*
And whoever now still doesn't know what is unjewish and what is jewish, sinks himself into life like the awakening Adam of Michelangelo (in approximately the fourth painting in the the middle row of the altar wall in the Cistine chapel), in whom everything is still as a possibility, but also all possibilities effectively exist — with exception of one: Judaism!
*
The Jew is from the beginning; and yet he cannot also comprehend the end. He is between beginning and end. But beginning and end mean "feat". The Jew understands business, not feat.
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The Jew is too urgently against Christ. Christ is not for nothing bestride a donkey. Donkey cult with Jews. The Jew is the punishment of the donkey: he is absolutely not asinine. That the Jews instantiate themselves in Germany hangs together with "Michel". The Jew has all evil traits yet in a known form: He smiles like the idiot, whose ethical correlate he is. The idiot smiles over intelligence; the Jew smiles over the good. He places himself thereby near goodness. He also shows how smiling can still be immoral.
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It is immoral to ask, to plead.
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Howling storm in Macbeth: Destiny victorious and mawling mankind.
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The man who miscarries his suicide? He is the complete criminal, because he wants life so as to rage against it. Everything evil is rage!
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Vanity means: to want to calculate the merit of the I by what doesn't belong to the merit of the I. Thus also individuality. Such a one considers to his own merit, the merit that is God's.
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The greater the artwork, the less chance is permitted to exist therein.
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The criminal can need no witnesses. For, he hopes to conquer by criminal means and is in an inferior position. That's why he must kill all witnesses. They are all his Doppelgänger.
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Joy of the criminal over every crime.
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The holy man smiles, without knowing why. He laughs unfree. The holy man is the unhappiest, notwithstanding he only seeks happiness.
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The corpse belongs to God and not to the devil.
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The devil is the man, who has it all without goodness, who knows the whole heaven without truthfulness, while all things exist only through goodness.
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Every man creates his woman, perhaps two women for himself: one prostitute, one mother. Whether he makes her into a mother or not? This depends on his relationship to the ethical alone.
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Could woman be the sphinx?
There's no greater plaintive nonsense and impression:
One unfailingly seeks something behind woman because one expects this rather than finding there's simply nothing there. And so one comes to the idea of identifying her with the sphinx, with which she actually has no similarity whatsoever.
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Christ redeemed Magdalene — she was a prostitute, as long as he was in the wasteland.
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How can I accuse woman after all, for serving man? Man wants nothing other than she does. There is no man who would not be delighted if he exacted a sexual influence over a woman.
Hatred against woman is only the not-yet grown-out-of hatred against one's own sexuality.
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Guiltlessness is unconsciousness. To stay guiltlessly conscious would be the highest.
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From things Man understands his own character. Each understanding is redemption, System and explanation is propitiation.
Every understanding is another birth.
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Briefe OTTO WEININGERS
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OTTO WEININGER'S LETTERS (to Artur Gerber)
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Wien, 8. Februar 1902.
Deine Karte erhielt ich.
Perchè? Studio o romanzo? Lavori tu o scrivi?
Bist Du noch immer nicht in die Verfassung gekommen, zu lesen? Ich möchte nämlich gerne meine Aufzeichnungen und Gedanken über den Peer Gynt abschließen. Nun fällt mir das Schreiben momentan sehr schwer, und ich hätte gerne eine Unterredung darüber mit Dir dazu benützt, um meinen Gedanken die Selbstformung zu erleichtern. Wenn das nun in nächster Zeit unmöglich ist, so bitte ich Dich halt bloß um das Buch. Io ho denari, vorrei restituirtene.
O. W.
*
2. Juli 1902.
Lieber Artur Gerber!
Nächste Woche:
Donnerstag Haupt-, Samstag Nebenrigorosum.
Wenn Du noch hier bist, können wir uns schon am Samstagnachmittag sehen.
Weininger.
*
10. Juli 1902.
Cher coquin cadet!
Habe heute die Hauptprüfung richtig bestanden und sie haben mir in großem Wohlwollen sogar die nichtverdiente Auszeichnung gegeben ...
Un vieux coquin.
*
Ischl, 25. Juli 1902.
Lieber Gerber!
Mir geht es gar nicht gut, inwendig. Hoffe, daß es Dir wenigstens nicht allzu schlecht geht. Bitte, schreib' mir nach München, hauptpostlagernd (werde von dort erst am 4. August fortgehen), wie es in P.* steht.
* Pückersdorf, the suburb where Weininger lived in Vienna. [trans]
*
München (Löwenbräu), 29. Juli 1902. 5 Uhr nachmittags.
Lieber Freund!
Mir geht's ein bißchen besser, wenigstens tue ich so, als ob. Auch macht sich bereits der sanfte, aber unwiderstehliche Einfluß des Münchner Bieres bemerkbar. München hat noch keinen großen Mann hervorgebracht: Alle angezogen, keinen gehalten. —
Komme eben aus der Schack-Galerie. Dort hängt eine Kopie des großartigsten Bildes der Welt, des Jeremias von Michelangelo. Ich habe bisher nicht gewußt, daß es so etwas geben kann, daß von einem Bilde soviel ausstrahlen kann.
Unser Abschied hat auch auf meinen Weg seinen Schatten geworfen.
Und Du? Für Dich gilt: Bezähme Deine Leidenschaften, sans phrase. Man hat auch so noch genug Schicksal, wenn man wer ist. Heil Dir!
Dein Otto W.
*
Nürnberg:, Dienstag; abends. (5. August 1902, laut Poststempel)
Lieber, herzlich geliebter Freund!
Sei mir nicht böse, daß ich Dir damals im Löwenbräu, wo das Bier viel schlechter ist als im Pschorr-, Hof- und Spatenbräu, eine offene Karte geschrieben habe. Ich dachte gerade an Dich und hatte eine Karte bei mir und nichts anderes. Der Gedanke ist mir freilich peinlich, daß Deine werte Frau Mutter oder Dein Fräulein Schwester den Schluß jener Karte gelesen und gesagt haben könnte: "Siest Du, der Weininger ist doch ein vernünftiger Mensch! Der hat sein Doktorat gemacht usw."
Bitte, beruhige mich darüber, daß dies nicht der Fall gewesen ist.
Ich denke oft an Dich, aber Deine jetzige Lage macht mir dieses Denken ziemlich schmerzhaft. Und ich kann jetzt gar nichts für Dich tun! Während Du, aus Deinem glücklichen Winkel heraus, nicht nur für meine Kleidung, sondern auch für meine Speisung Sorge trägst.
Die Salami werde ich in Bayreuth wohl essen, aber leider allein ...
Ich bleibe vielleicht nur bis Freitag abends in Bayreuth, dann Dresden.
Eins möchte ich Dich bitten: Verlang’ nicht zuviel von mir über mich zu erfahren. Für mich ist's eine sehr schlechte Zeit jetzt, schlecht wie kaum je. Nicht nur große Unfruchtbarkeit, nicht nur lauter humpelnde, von mir Krücken verlangende Einfälle, und dieser wenig genug; auch ganz anderes. Vielleicht werd' ich Dir einmal davon erzählen. Ich führe neben dem Leben, das Du kennst, noch immer zwei, drei andere, die Du nicht kennst. Darauf mach’ ich Dich aufmerksam; mehr kann ich Dir nicht sagen, bitte Dich aber, nicht nachzuforschen, in keiner Weise.
Über München und Nürnberg werd' ich Dir wohl einiges erzählen können, wenn Du willst. Jetzt Schluß! Leb' wohl!
Dein Otto W.
*
Bayreuth, 8. August 1902, 11 Uhr abends.
Lieber Freund!
Ich hoffe, daß Dir die schöne Karte Vergnügen bereitet hat. Zwar habe ich noch zwei anderen Menschen dieselbe Ansicht geschickt, aber es war für mich nicht der gleiche Akt.
Die Worte, die Wagner vor sein Haus geschrieben hat, werden deine Gedanken zu Dir selber zurückgeführt haben.
Glaub' nicht, daß ich Dein Leiden nicht voll verstehe. Nur weil ich es verstehe, kann ich dir nichts darüber und dagegen schreiben. Ich weiß, daß für Dich im Augenblick auch jenseits der Staatsprüfung nichts liegt als endloser, freudloser Nebel. Sonst würdest Du ja doch lernen können ...
Dir fehlt etwas zur vollen Größe, das ist richtig; und hättest Du dies, so würde dies allein Dich auch hindern, soviel an Deine Zukunft zu denken. Denn das ist das Unglück mit Dir. Es gibt Menschen, denen es nach den inneren und äußeren Bedingungen ebenso schlecht gehen müßte wie Dir und die doch nicht so unglücklich sind. Was Dir fehlt, ist eben das Religiöse oder Philosophische oder Metaphysische. Du hast in Dir eine furchtbare, glühende Sehnsucht, eine Sehnsucht, deren Gegenstand Du nicht kennst und nach dem Du doch verlangst, verlangst. Nach Deiner Heimat sehnst Du Dich und ahnst nicht, daß Du sie nur in Dir trägst.
Ich habe noch etwas an Dir zu verrichten. Ganz fehlt Dir das andere nicht, das weiß ich von jener Nacht her, über die wir nicht wieder gesprochen haben. Ich wäre glücklich, wenn ich nach meiner Rückkehr dazu beitragen könnte, diesem andern, dem einzigen Quell einer möglichen Gemütsbefriedigung für den Menschen, zum Fließen zu verhelfen.
Über Bayreuth und den Parsifal schreib' ich Dir nichts. Denn das wirst Du erst dann verstehen. Morgen fahr' ich nach Dresden.
Dein O. W.
Viel zu sehen, wenig Zeit, auch wenig Lust zum Erzählen, daher keine dicken Briefe.
*
Dresden, 12. August 1902.
Lieber Freund!
Also das Schicksal der Wurst, der ich in Bayreuth wiederholt mit lebhaftem Interesse nachgefragt habe, hat sich erfüllt. Sie ist reuig zu ihrem Ursprung zurückgekehrt. War sie noch eßbar? Hoffentlich hast Du's einmal um zehn Uhr vormittags probiert!
Um von der Wurst allmählich hinanzusteigen: Der Mann ist ein gewisser Dr. Mario C., den ich, damals noch als Philosophie-Studierenden, auf dem psychologischen Kongreß in Paris flüchtig kennen gelernt habe. Er ist natürlich klein, ganz schwarz, mit verhältnismäßig scharfem Gesicht, klugen Augen, die zu beobachten scheinen. Er machte mir den Eindruck eines sehr ernsten und nicht sehr glücklichen Menschen. Unterhalten habe ich mich weniger mit ihm als in seiner Gegenwart mit seinem Freunde, einem philosophierenden Mathematikprofessor aus Unteritalien, der mich in der internationalen Gemälde-Ausstellung gerade ansprach, als ich dort mich an Klimts "Philosophie" in großer Schnelle sattgesehen hatte und auf die Estrade hinaustrat.
Jetzt weißt Du alles, was ich weiß . ..
Bitte, schreib' mir, was es in der sächsischen Schweiz besonderes zu sehen gibt. Aber ein bißchen anspruchsvoller bin ich, als Du geglaubt hast, das, bitte ich Dich, zu bedenken: In der Münchner Sezession sind drei Bilder, über die man sich nicht ärgert, und an Nymphenburg, das Du mir ebenfalls empfahlst, ist gar nichts. Ich weiß ja, wie schön abendlich einem Menschen, der, wie Du, viel in seiner Vergangenheit lebt, jedwede Erinnerung sich vergoldet, selbst die ärgerlichste; mir geht es ebenso; aber man soll sich hüten, den ewig unerfüllbaren Wunsch des Wiedererlebens durch andere befriedigen zu lassen: sonst kommen dann diese zurück und wollen einem alles verleiden, nicht wahr?
Ich gedenke, Dresden am Mittwoch in der Früh zu verlassen. Um zehn Uhr bin ich in Berlin (hauptpostlagernd) und fahre am nächsten Morgen gleich weiter nach Stralsund (postlagernd) und der Insel Rügen (Saßnitz, postlagernd). Dort werde ich wahrscheinlich längere Zeit zubringen. Ich freue mich sehr darauf.
Auf dem Rückwege will ich in Berlin länger bleiben und die sächsische Schweiz besuchen, falls Du mir ernstlich dazu rätst.
Übrigens — an die Natur braucht man keine Ansprüche zu stellen, sie erfüllt eben alle. Ich frage Dich nur, ob ich dort Eindrücke empfangen werde, die P. nicht gewährt. Der sächsische Enthusiasmus macht mir eine Sache immer klein.
Ich entnehme dem Rhythmus Deines letzten Briefes mit Vergnügen, daß es Dir besser zu gehen anfängt. Du spuckst ja bereits auf die Staatsprüfung, auf Zürich!?
Mir geht es heute etwas besser — ich habe jetzt die Überzeugung, daß ich doch zum Musiker geboren bin. Noch am ehesten wenigstens. Ich habe heute eine spezifisch musikalische Phantasie an mir entdeckt, die ich mir nie zugetraut hätte und die mich mit einem starken Respekt erfüllt hat.
Eins: Schreib' und sag' Du niemandem etwas von dem, was Dir im Kopfe jetzt herumgeht und Dich mahnt. Auch Sch. nicht und mir schon gar nicht.
Sind die B.s in P.? (Entschuldige! Eine lange Assoziationskette!) Und was hört man über die Frau K. und den Grafen Taugenichts? Und ... Schreib' mir doch auch etwas über das heurige P. und Dein Verhältnis zu ihm, was Du tust, wenn Du nicht lernst. — Ich habe jetzt die leibhaftige Sixtinische Madonna gesehen. Sie ist — schön. Aber nicht bedeutend; nicht großartig; nicht irgendwie erschütternd. Und die Leute davor! Ich habe mich herzlich amüsiert. Es gibt weit hervorragendere Bilder hier.
Einen hab' ich entdeckt, einen tiefen Kenner des Weibes: Palma Vecchio. Ich weiß nicht, ob Du dessen Bilder gesehen hast. Es interessiert mich aber, was Du über die Madonna Raphaels denkst
Servus!
*
(Stenographiert) 15. August 1902. Im Eisenbahnwagen nach Saßnitz.
Herzlichen Dank für Deinen Brief, der mir von Dresden nachgeschickt wurde.
Nachdem Du selbst die Rede auf das Thema gebracht hast, das ich, Deiner Stimmung Rechnung tragend, zu berühren vermied, so will ich nur bemerken, daß ich Dir hauptsächlich in einem Punkte widersprochen habe, in dem ich Recht behalten zu haben scheine ...
Daß sie lüstern, lügnerisch, gefallsüchtig ist, daß sie sofort in Aktion tritt, sobald jemand sie weniger zu beachten scheint, daß sie den, der ihr naiv den Hof macht und sie offensichtlich bewundert, stehen läßt, ja daß sie die Prostituierte ganz in sich hat, ist mir nicht so neu, wie Du zu glauben scheinst, und hat mich auch weniger aufgeregt als meine, kurz vor meiner Abreise gemachte Wahrnehmung, daß sie unter all diesen Eigenschaften nicht leidet und sie nicht kontrolliert, sich nicht selbst niederhält.
Von mir hast Du eine viel zu gute Meinung, das sehe ich immer wieder. Freilich ist auch dieses Bekenntnis, das ich Dir mache, von meiner verfluchten Eitelkeit wieder begleitet. Das Gefühl, nicht wieder lieben zu können, kenne ich leider auch sehr genau. Dir glaube ich es nicht ganz. Hoffentlich bist Du einverstanden mit dieser ersten Stenographie.
*
Ansichtskarte Bad Altfähr (Rügen). 16. August 1902.
Das Meer ....
*
Crampas, 17. August 1902. Samstag, Abend.
Lieber Freund!
Es freut mich sehr, daß ich Deinem Wunsche zuvorge- kommen bin. Bereits heute mittags habe ich von einem Orte der Insel, an den ich, statt in Stralsund die Abfahrt meines Zuges abzuwarten, mich hatte übersetzen lassen, Dir eine Ansicht geschickt — die beste, die zu haben war. Hoffentlich hast Du sie zur Zeit bereits.
Ich werde Dir alles schicken, was irgend etwas sagt.
Die Post ist eine Einrichtung, der ich jetzt dankbar bin. Sie bringt mir Deine Briefe; und auch mir ist ein Telephon zu Dir ein starkes Bedürfnis.
Wie lange ich noch ausbleiben werde? Ich habe noch 55 Mark und 5 Gulden. Die Heimfahrt kostet mich höchstens 15 Gulden. Bleiben 23 Gulden. Ich rechne für den Tag hier 4-5 Mark (Zimmer zu 1 Mark); ich bin also in 8 Tagen wieder in Wien, d.h. in P., wo ich, aller Mittel bar, bis tief in den September ausharren werde müssen. In dem Haus mit den 33 häßlichen unverheirateten Jüdinnen!
Deine Teilnahme an meinen kleinsten Sorgen hat mich sehr herzlich erwärmt. Denn das Wetter bleibt schlecht, drinnen und draußen. Seitdem ich fort bin, übermorgen sind's vier Wochen, keinen guten Tag.
Hast Du wirklich geglaubt, es interessiere mich, mit wem Frau K ... heuer Tennis spielt? Bin ich so ein Weib ? Ich wollte Dich nur zum Reden bringen, weil ich bei Deinen Briefen die Zeilen honoriere.
Frage: Hat Napoleon sich selbst gekannt und wie weit?
Hier in Saßnitz ist der Fall da, von dem Du sprichst. Aber nicht Touristen sind es, die hier verekeln: der gewöhnliche Tourist mit der wichtigen Miene und dem dicken Fahrscheinheft ist wenigstens lächerlich; hier sind's Bade-gäste. Kennst Du das? Ich glaubte mich heute, als ich die schreckliche Kurkapelle am Strande des Meeres spielen hörte, das sie nicht sofort verschlang, an die Ischler Esplanade versetzt. Nur weniger Juden, aber dafür Berliner, Frankfurter, Sachsen. Die Männer — Skatspieler, die Frauen entweder mütterliche Hyänen oder töchterliche Soi-disant-Kätzlein; die eine Hälfte die häßliche. Die andere mit dem rückwärts quer straff gezogenen Rocke ... Schämst Du Dich nicht auch, wenn Dich dieser Teil des Weibes anzieht? In ihm hat die Natur die Schamlosigkeit verleiblichen wollen.
Ich wohne, Gott sei Dank, nicht mitten im eleganten Viertel, sondern im Orte Crampas im Hause eines "Schaffners". Bitte, schreib' aber wie bisher.
Mein Vater hat mir nach Bayreuth 100 Mark geschickt, die ich ihm zurückgesandt habe. Mir ist es unangenehm genug, nach meiner Rückkehr seine Unterstützung zeitweise beanspruchen zu müssen. Um Gotteswillen schick' Du mir nur nichts.
Hast Du meine Stenographie lesen können? Und wie bist Du's zufrieden gewesen? Ich kann sie nämlich selbst nicht leiden. Sie ist eine das Wort entwürdigende Erfindung, ihrem ganzen Wesen nach kaufmännisch, "modern" bis zum Exzeß. "Keine Zeit."
Meine Reise kommt mir so sinnwidrig vor. Nur geographisch ist's richtig. Aber nach dem Parsifal sollte man pilgern, lange, bis ans Ende der Erde, und dann irgendwie verschallen.
Woher Du das nun auf einmal hast, daß auch meine Zukunft trüb ist? Ich glaube übrigens, daß es so sein wird.
Ich werde den J... nicht mehr mahnen. Man kann übrigens einen Menschen umbringen, indem man ihn in geeigneter Weise empfiehlt, und für irgendeinen Winkelverlag bin ich mir zu gut. Allenfalls werde ich ihm das offen sagen.
Diese Reise hat mir die Erkenntnis gebracht, daß ich auch kein Philosoph bin. Wirklich nicht! Aber bin ich sonst etwas? Ich zweifle sehr daran —
Dir möge es weiter gut gehen!
Dein
Otto W.
*
Ansichtskarte aus Saßnitz. (Poststempel: 18. August 1902.)
Ich bin eben nach einer Fahrt allein im Boote. Habe mich in den Mondschein hinausgerudert.
Der Himmel ist ein wolkenloses Auge.
Allen Kellnern der Welt in einer Nacht die Hälse umdrehen: Das möchte ich.
Fahre Montag Nachmittag nach Kopenhagen (postlagernd).
*
Ansichtskarte von der Ostsee. 18. August 1902.
Halb 1 Uhr nachts, zwischen Sonntag und Montag. Ich sitze in einem Hotel am Strande und sehe vor mir das an einer Stelle unter dem vollen Monde erglänzende Meer.
*
Kopenhagen, 19. August 1902, 1/4 12 Uhr nachts.
Servus!
Mein Vater hat mir nun jene hundert Mark nochmals zurückgeschickt. Also geh' ich doch nach Christiania. Bitte dahin postlagernd.
Otto W.
Jetzt wird auf zweitägiger Seefahrt endlich ausgeprobt, ob ich seefest bin oder nicht.
*
Frederikshavn (Nordspitze Jütlands), 21. August, Donnerstag, 10 Uhr vorm.
Lieber Freund!
Entschuldige die Karte, einstweilen spare ich nämlich, um für mich in Norwegen möglichst viel zu gewinnen, und von hier ist das Porto schon teuer. Ich habe also jetzt 14 Stunden Seefahrt hinter mir, darunter fast die ganze Nacht auf Deck zugebracht, bei ziemlichem Sturme und bis 4 Meter hohen Wellen; und bin seefest! Wie ich's von mir nicht anders erwartet hatte. Ich glaube, durch nichts kann die Würde des Menschen so leiden wie durch die Seekrankheit. Bezeichnend genug ist's, daß die Frauen alle seekrank werden.
Aus Deinen Briefen habe ich gar vieles noch nicht beantwortet. Nicht weil Du's ebenso mit meinen machst, sondern weil das ganz natürlich ist. Wir scheinen beide Diskussionen bis zu meiner Rückkehr aufschieben zu wollen (erste Septemberwoche, um die Mitte). Man macht sich eine Mitteilung von weniger wichtigen Dingen um dem andern das Bild des Augenblicks fixieren zu helfen.
*
Christiania, Freitag, 22. August 1902.
Heute früh 5 Uhr 48 Minuten hier angekommen. Ich freue mich sehr: Montag werde ich hier im Nationaltheater den Peer Gynt sehen. Heute höre ich hier zum zweiten Male auf meiner Reise den Don Juan. Das erste Mal in München.
O. W.
*
Christiania, 23. August 1902.
Besten Dank für Deinen Brief.
Wenn Dein übermäßiges Bedürfnis, Dich zu freuen, das Du auf meine Ankunft projizierst, uns nur nicht beiden dann eine Enttäuschung bereitet! Deinen Wunsch werde ich erfüllen: Du wirst, wie der letzte, so der erste sein. Ich werde Dich genau von Allem avisieren.
Auch zu Hause werde ich in diesem Falle freudiger empfangen, wie ich aus langer Erfahrung weiß, und das Essen ist dann paradoxer Weise sogar besser.
Ich dürfte über Bergen (Westküste Norwegens, wo die Fjorde und Gletscher) zur See nach Hamburg, über Magdeburg, Prag nach Wien fahren. Bitte, schreibe jedoch jedenfalls noch nach Christiania ...
*
Dienstag, Mittag, 26. August 1902.
In einem Tannenwalde nördlich von Christiania.
Morgen über acht Tage dürfte ich in Hamburg sein und den Sonntag darauf in P. (wahrscheinlich um halb zwei Uhr nachmittags von St Polten kommend. Wenn Du willst, begleite mich dann von P. nach W.). — Gestern habe ich den Peer Gynt gesehen und das Lied der Solveig gehört. War die Wiener Aufführung sehr schlecht und das Publikum widerlich, so ist die hiesige trottelhaft, die Zuschauer idiotisch. Furchtbar muß Ibsen unter seiner Umgebung gelitten haben. — Jetzt habe ich einen großen Teil norwegisch gelesen und staune, wie richtig Du den Text des Liedes erraten hast. — Alle sieben Tage der Woche schreib' ich Dir keine Briefe. Wollt' ich das tun, so hätt' ich bald die Lust verloren. Du verstehst mich?
Otto W.
*
Hamburg, Donnerstag morgens. (Poststempel: 4. September 1902.)
Lieber Freund!
Nun bin ich ernstlich auf der Heimreise, die solche Menschen wie Du oder ich wohl nie mit jener satten, eingewickelten Befriedigung antreten wie die Philister, die eben wirklich im Hause Nr. X zu Hause sind.
Dein Otto W.
*
Leipzig, 5. September 1902, 6 Uhr nachmittags.
Lieber Freund!
Du siehst — schon nahe den böhmischen Wäldern.
Ich komme eben aus dem Institut für "experimentelle" Psychologie, der hohen Schule des modernen Psychologen.
Mittwoch bin ich höchstwahrscheinlich in P.
O. W.
*
(Poststempel: 13. September 1902.)
Lieber Freund!
Ich hätte gestern dem Dr. S. eine Lüge oder eine Beleidigung versetzen müssen, wenn ich mit Dir geblieben wäre.
Ich küsse Dich
Otto W.
*
23. September 1902.
Lieber Freund!
Lies den Peer Gynt in einem Zuge, das erste Mal wenigstens: der Wirkung wegen, an die Du lange zurückdenken wirst, wie ich glaube.
Hier wirst Du auch den Schmerz finden und die Verzweiflung. Und fast alle Mächte in und außerhalb des Menschen vereinigt auf einem Schauplatz.
Und wenn Du ihn gelesen hast, dann sollst Du die Staatsprüfung machen.
Ich grüße Dich herzlichst
Otto W.
*
(Poststempel 27. September 1902.)
Lieber Freund!
R. hat mir gestern alles mitgeteilt.
Ich glaube, daß es nicht soweit kommen, sondern bei der Drohung bleiben wird.*
Wenn doch, so erwarte ich von Dir, daß Du, zunächst wenigstens, bei mir wohnen und auch sonst mit mir teilen wirst. Ich sage, ich betrachte das als selbstverständlich.
Bitte, schreibe mir gleich! Brauchst Du Geld?
O.
* Meine Familie wollte mir, dem 20 jährigen, damals entweder den Verkehr mit O. W. oder das Haus untersagen. D. H.
*
4. Oktober 1902.
Dank für Deinen Brief. Du wolltest wohl für die beiden Opern auch ein Bayreuth haben.* Immerhin ist es ein Skandal. Auch Mignon und Carmen werden so abgewerkelt.
Den Gedanken einer Abhandlung Über den Gang eines Menschen finde ich sehr glücklich, aber Du sollst sie schreiben, sobald Zeit und Lust da ist. Mein Gefühl dafür, was der Gang eines Menschen sagt, ist verhältnismäßig schwach, viel weniger ausgesprochen als bei Dir, oder als bei mir z. B. die physiognomischen Eindrücke. Auch wird es Dir bei den Philistern nützen, wenn Du so ein ernstes Thema behandelst, "obwohl ..."
Schließlich hätte ich genug mit der Niederschrift der "Propria" zu tun.
* Mascagnis Cavalleria rusticana und Leoncavallos Bajazzo. D. H.
*
11. Oktober 1902.
... Den Gang habe ich keineswegs verstoßen, billige es sehr, daß Du der Sache großen Wert beilegst, und interessiere mich selbst sehr für Deine Resultate. Ich kann bloß den Bewegungen der Schultern und Hände, allenfalls noch der Haltung etwas entnehmen; den Beinen selbst kaum etwas, eher noch dem akustischen Bilde der Schritte ...
*
Wien, 18. Oktober 1902.
Besten Dank für Deine Karte, deren Optimismus mir aber sehr verfrüht scheint. — Ich möchte Dich sehr gerne vor Sonntag noch sprechen, und zwar möglichst bald. Vielleicht besuche ich Dich Dienstag um 5 oder 5 1/2 Uhr?
Thema: Meine Einteilung der Frauen in Mütter und Prostituierte.
Hast Du Lust dazu und fürchtest Du nicht in Deinen eigenen Gedanken hierüber gestört zu werden, so antworte mir möglichst schnell mit einem Ja. ...
*
(Poststempel: 10. März 1903.)
Deine Auffassung des B. teile ich nicht ganz. Aber gut ist, wie Du die psychische Anspruchslosigkeit gerade der Mindestwertigen charakterisierst.
Zur Koitulogie:
Je mehr Verliebtheit und je weniger rein sexuelle Erregung da ist, desto anständiger wird das Kind (kein Verbrecher als Mann, keine Dirne, sondern Mutter als Frau).
Das Geschlecht, glaube ich, entscheidet sich nicht nach dem Grade der "Erregung": Auf das größere Begehren, respektive die Liebe kommt es an, und es entscheidet die Ähnlichkeit, nicht das Geschlecht.
Bezüglich Mutter-Dirne bin ich also wieder zweifelhaft ...
*
Wien, 30. März 1903. (In der Tramway.)
Der Braumüller druckt mein Buch!
Es wird wohl spätestens Ende Mai fertig sein.
Willst Du Freitag mit mir zur Duse als Hedda Gabler gehen? Wenn ja, so will ich zwei Sitze besorgen.
Auch ich habe einen Monat Tag und Nacht zu tun.
Weininger.
*
23. April 1903.
Also endlich hinter Dir! Das freut mich sehr, noch mehr, was jetzt kommen wird ...
Übrigens habe ich noch fürchterlich zu tun, schwimme in einem Meer von ersten, zweiten, dritten Korrekturen und schreibe gar nicht mehr mit Blut, nur mehr mit roter Tinte (eine Antithese Nietzsches).
Dein O. W.
*
Rom, 23. Juli 1903. (Ansichtskarte.)
Roma, Panorama dalla Cupola di S. Pietro. (Le statue dei santi sul tetto.)
Ho dovuto passare a Roma, dove sto da ieri mezzogiorno. Non ho mai creduto, ehe una città potrebbe produrre tal effetto su di me.
Castello S. Angelo (Mausoleum Hadrians)!
*
Syrakus, 3. August 1903
Statt in Ancona auf ein Schiff lange zu warten, bin ich über Rom, Neapel,
Messina, Taormina (einen der schönsten Punkte der Erde), Catania (Ätna) hierher
gereist.
In Rom hörte ich den Il Trovatore, in dem die großlartigste Darstellung des Herzschlages sich findet, und bin mehr als je der Meinung, daß Verdi ein Genie gewesen ist; hier hörte ich vorgestern abends in einer zauberischen Gegend, am Strande des mondbeschienenen jonischen Meeres, zwischen der papyrusbestandenen Quelle Arethusa und den Segelschiffen des Hafens, von der Corso-Militärmusik die Cavalleria rusticana spielen.
Als er die schrieb, damals war Mascagni groß. Ich habe jetzt die ganze Gegend gesehen, in der sie spielt, bin unweit Francofonte gewesen, und habe mich sehr gefreut, wie vollkommen richtig ich sie mir vorgestellt hatte: das blondeste Getreide (la circāsa). Es ist die fruchtbarste Gegend Europas. Über die sizilianischen Duelle der Bauern habe ich reiche Belehrung gesucht und gefunden, und über eine Art selbst den Unterricht eines Ziegenhirten genossen, der wirklich und wahrhaftig auf der selbstgeschnitzten Syrinx blies — allerdings, und zwar sehr schlecht, eine Melodie aus dem Barbier von Sevilla, die gar nicht an den Ort paßte. — Beneide mich aber nicht zu sehr, auch wenn dich, was ich dir hier schreibe, noch so sehr mit Sehnsucht erfüllen sollte.
Syrakus ist die eigentümlichste Gegend der Welt. Hier kann ich nur geboren
werden oder sterben — leben nicht.
Auf dem Ätna hat mir am meisten die imposante Schamlosigkeit des Kraters zu
denken gegeben. Ein Krater erinnert an den Hintern des Mandrill.
Schrieb mir doch über Dich und das was Du thust, hast es versprochen und bisher nicht gehalten.
Zur Beschäftigung mit Beethoven rate ich dir nur sehr. Er ist das absolute
Gegenteil Shakespeare, und Shakespeare oder die Shakespeare-Ähnlichkeit ist, wie ich immer mehr sehe, etwas, worüber jeder Größere hinauskommen muß und hinauskommt. Bei Shakespeare hat die Welt keinen Mittelpunkt, bei Beethoven hat sie einen.
Also ich rechne auf Nachrichten von Probus-hof! Und grüße auch Schiffmann!
Otto.



*
Syrakus, 10. August 1903.
Ich wünsche durchaus zu hören, inwiefern es Dir Jetzt besonders schlecht geht. Deine Furcht, bei mir ein besonderes Gefühl des Glückes oder der Gehobenheit dadurch zu stören, ist unbegründet ...
Ich bitte Dich, schreibe mir recht bald! über Geschlecht und Charakter; und sag' mir vor allem Deine wahre Meinung über den Wert des Ganzen; ich wäre Dir um so dankbarer, je früher es käme. Mir liegt sehr viel daran ... Und schick' mir, bitte, endlich die Kopie des sizilianischen Turiddu-Liedes. Eine Enttäuschung wird es Dir sein, daß Turiddu Abkürzung von Salvatore, (Salva) — torello, ist. Das paßt nicht.
*
Reggio (Kalabrien), 22. August 1903.
Die Beilagen, außer der gewöhnlichen, aber guten Ansichtskarte (Du mußt Dir nur die Häuser ganz gelb wie Schönbrunn, das Meer vollkommen blau und absolut wolkenlosen Himmel vorstellen), sind:
Zwei Blüten einer Papyrusstaude, ein Stückchen Bast aus dem Stamme derselben, was Du dem Umstände zuzuschreiben hast, daß die Schiffer des Ruderbootes, auf welchem ich den papyrus- und bambusbestandenen Fluß Anapo bis zur Quelle, der berühmten Cyane, fuhr (was ich Dir [und zwar ebenfalls im Boote] unbedingt anrate, wenn Du nach Syrakus kommst), gegen meinen ausdrücklichen Willen und ohne mein Wissen eine Pflanze abschnitten.
Die andere Ansichtskarte ist eben aus dem hier wachsenden Papyrus selbst hergestellt und bietet eine sehr schlechte Ansicht der Ruinen des alten griechischen Theaters, jener Stätte, wo der Sonnenuntergang unter allen Punkten, die ich kenne, am ehesten zu ertragen ist.
Lies endlich den Peer Gynt, tue mir, wenn schon Dir selbst nicht, diesen Gefallen. Du könntest nämlich einiges aus ihm entwickeln lernen, was in Dir nur sehr schwach ist.
Lies auch Kaiser und Galiläer! Auch hierin sind großartige Stellen (aber mit dem andern nicht zu vergleichen!).
Wenn Ibsen weiter so Großes wollen hätte wie im Peer Gynt, er wäre größer als Goethe geworden; ich habe selten ein Werk kennen gelernt, wo ich im Laufe der Zeit so wenig von dem ihm gespendeten Lobe zurückgenommen hätte.
Es verrät übrigens Schwäche, nichts lesen zu wollen, um nicht beeinflußt zu werden. Man soll stärker werden durch Lektüre, nicht das Umgekehrte.
Ich werde jetzt längere Zeit nichts schreiben. Adresse: Reggio, Calabrie, ferma in posta. Dagegen könntest Du mir endlich eine ausführliche Kritik von Geschlecht und Charakter schicken. In der letzten Zeit sind einige derart niedrige veröffentlicht worden, die mir der Braumüller zuschickte, daß ich darnach etwas Bedürfnis habe.
Schreibe mir, wie's Dir geht.
Otto W.
*
27. August 1903. Ansichtskarte aus Sorrento.
Ich möchte Dich nochmals auf das aufmerksam machen, was ich Dir über Beethoven und Shakespeare schrieb. Du beschäftigst Dich nämlich aus demselben Grunde mit dem Willensproblem, aus dem Shakespeare den Hamlet schrieb. Der Wille ist das, was der Zeit eine Richtung gibt, das heißt: Vergangenheit und Zukunft voneinander scheidet. Daher hat Shakespeare erst im Hamlet Sinn für den Sinn des Lebens und der Zeit gewonnen ...
*
28. August 1903.
C'è qualche cosa in disordine teco! (Mi dispiace molto, ch'io non so la causa. È la stessa, che ti proibisce di essere produttivo. Credo, che tu hai qualche cosa di un azzardista: tu vuoi troppo come dono regalato dal destino. Tu hai messo troppo e sperato troppo dall' amore di donne); ci vuole la solitudine più che la fuga in società d'altrui; e bisogna, che tu pensi più su di te, con coraggio sempre e dovunque. Questo in italiano, perche altra gente potrebbe leggere la cartolina. Im übrigen danke ich Dir für Deinen Brief und die Kopie des Liedes. Ich habe schon Montag Kalabrien verlassen und bin heute in Neapel angekommen. (Paestum — Salerno — Amalfi — Sorrento.)
Credi: se un uomo come tu o io non è produttivo, non si deve aspettare il momento, che venga di nuovo, ma cercare la ragione; c'è sempre una colpa.
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Vienna, 8. February 1902.
I received your card.
Why? Study or romance? Are you working or writing?
Are you still not yet in the frame of mind to read? I would actually like to finish off my notes and thoughts on "Peer Gynt". For the present, writing is very difficult for me, and I would have liked to have a discussion over it with you, to enlighten my thoughts on its formation. If that is now impossible in the near future, then I bid you merely about the book. I have money, I would like to reimburse you some.
O.W.
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2. July 1902
Dear Artur Gerber!
Next week:
Thursday primary-, Saturday secondary-doctoral viva.
If you are still here, we can definitely meet on Saturday afternoon.
Weininger.
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10. July 1902
Dear rascally school-boy!
I have today duly passed the major examination and they have, in great goodwill, even given me the unearned distinction...
An old rascal.
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Ischl, 25. July 1902
Dear Gerber!
It is not going so well for me, inwardly. I hope that at least things aren't too badly for you. Please, write to me at Munich, care of the general post office (will leave there the earliest 4. August), how it is in P.
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Munich (Löwenbräu), 29. July 1902. 5 o'clock p.m.
Dear friend!
It's going a little better, at least I'm behaving as if it is. The soft, but irresistable influence of Munich beer is already making itself felt. Munich has still produced no great man: all get up, none persist. —
Just come from the Schack-Gallery. There hangs a copy of the most magnificent painting in the world, the Jeremiah of Michelangelo. I have until now not been conscious that there could be something like that, that so much can emanate from a painting.
Our separation had also thrown its shadow on my journey.
And you? For you this applies: restrain your passion, sans phrase. One has yet enough destiny, if one is somebody. Hail to you!
Yours Otto W.
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Nuremberg, Tuesday evening. (5. August 1902, according to postage stamp.)
Dear, warmly beloved friend!
Be not as evil to me as I was to you in Löwenbräu, where the beer is so much worse than in Pschorr-, Hof- and Spatenbräu that I had written you an open card. I was thinking directly of you and had only that card with me and nothing else. The thought is very painful, that your worthy mother or your sister had read the conclusion of that card and could have said: "Look you, Weininger is yet an intelligent man! He has received his doctorate, etc."
Please, reassure me about that, that this was not the case.
I think often on you, but your current situation makes this thought pretty painful for me. And I can now really do nothing for you! While you, from your happy corner, bear the worry not only for my clothing, but also for my expenses.
I will surely eat the salami in Bayreuth, but unfortunately alone...
I remain in Bayreuth perhaps only until Friday evening, then Dresden.
Once would I bid you: don't insist too much of me in regards to conversation. For me it is a very poor time now, wretched as never before. Not only great unfruitfulness, not only the noisy limping of my ideas going on crutches, and this little enough; but also a lot else. Perhaps I will tell you about it one day. I lead a life which you know, but yet always two, three others, of which you do not know. I warn you about that; more I cannot tell you, but bid you not to explore further in any way.
Over Munich and Nurenberg I can indeed tell you a little, if you wish. Now close! Live well!
Yours Otto W.
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Bayreuth, 8. August 1902 11 o'clock evening.
Dear friend!
I hope that you have received pleasure from the beautiful card. Indeed, I have in addition sent two others the same scene, but it was not the same act for me.
The words that Wagner has written before his house, would have led your own thoughts back to yourself.
Don't believe that I do not fully understand your suffering. Only because I understand it, can I say nothing about it and write nothing against it to you. I know that for you at present, on both sides of the state examination lies nothing but endless, joyless mist. Otherwise you would still be able to learn...
You lack something for complete greatness, that is for sure; and had you that, then this alone would hinder you from thinking so much on your future. Because that is the unhappiness with you. There are men for whom the inner and outer conditions must go just as poorly as for you and they still are not as unhappy. What you lack is simply the religious or philosophical or metaphysical. You have in you a fearful, glowing craving, a craving, the object of which you have no idea, and yet for which you keep insisting, insisting. You yearn for your home and do not guess that you carry it only in yourself.
I nevertheless have something for you to do. You haven't totally missed that other thing, that I know from that night here, about which we have never again spoken. I would be happy if after my return, I could contribute to this other, this being the only source of possible spiritual gratification for a man, to assist in producing its flow.
About Bayreuth and Parsifal I will write nothing to you. Because you are not going to understand that until then. Tomorrow I go to Dresden.
Your Otto W.
Much to see, little time, also little desire for a narrative, therefore no thick letter.
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Dresden, 12. August 1902
Dear friend!
Thus the fate of the sausage, that I have repeatedly sought after in Bayreuth with devoted interest, has been fulfilled. It is ruefully returned to its origin. Was it still edible? Hopefully you have tested it once at ten o'clock in the morning!
To gradually ascend from the sausage: The man is a certain Dr. Mario C., whom I once while studying philosophy, got to know briefly at the psychology congress in Paris. He is naturally short, totally dark, with a proportionately large sharp visage, cunning eyes that shine with scrutiny. He made the impression on me of a very serious and not very happy man. I have entertained myself less with him, as with his friend while in his presence, a philosophising mathematics professor from south Italy that spoke to me in the international painting exhibition, directly as I was looking my fill with great fever at Klimt's "Philosophy" and had stepped over onto the low platform.
Now you know everything that I know...
Please, write to me anything unusual to be seen in Saxon Switzerland. But I am a bit more demanding than you thought, for I bid you to think: In the Munich Secession there are three paintings over which one is never annoyed, and at Nymphenburg, which you likewise recommended to me, is nothing at all. I do know how beautiful a man is in his eventide, who, like you, lives in his past, gilding each and every memory, even the most aggravating; it is indeed so for me; but one should keep guard over himself allowing the eternal unfulfillable wish of reliving vicariously through others to run rampant: else those people come back and want to spoil everything in one's life, is it not true?
I intend to leave Dresden Wednesday in the morning. At ten o'clock I will be in Berlin (general post office) and drive the next morning similarly further to Stralsund (post office) and Rügen Island (Saßnitz, post office). There I will probably spend more time. I am looking forward to this greatly.
On the way back I will stay longer in Berlin and visit Saxon Switzerland, as you earnestly advise me to.
For the rest — one need place no demand on Nature, she still fulfils everything. I ask you only, whether I will receive the impressions there that P. does not grant. Saxon enthusiasm trivialises everything for me.
I take from the rhythm of your last letter with pleasure, that it begins to go better for you. You already spit on the state examination, on Zurich?!
Today things are somewhat better for me — I have now the conviction that I was actually born to be a musician. Still, at the earliest it will be little. Today I discovered a specific musical power of imagination in myself, that I had never dared suspect and which has filled me with a strong respect.
One thing: write and tell no one anything about what is going through your head now and warn yourself. Not Sch. and definitely not myself.
Are the B.s in P.? (Excuse me! A long chain of associations!) And what does one hear about Mrs K. and the Count Good-for-nothing? And ... do write me also something about this year's P. and your relationship to it, and what you are doing, if you are not studying. — I have now seen the vivid Sistine Madonna. She is — beautiful. But not meaningful; not magnificent; not something to make you tremble. And the people looking at her! I heartily amused myself over it. There are ample exceptional paintings here.
I have discovered one, a profound expert on women: Palma Vecchio. I don't know whether you have seen his paintings. But it interests me what you think about the Madonna of Raphael.
Servus!*
*Servus (Latin: "slave") formally meant "your servant". Compare "schiavo" (Italian: "slave"), now "Ciao".
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(Stenographised) 15. August 1902. In a train bound for Saßnitz
Heartfelt thanks for your letter, that was sent to me from Dresden.
As you yourself have brought the discussion to the theme that I avoided mentioning on account of your mood, I will thus only remark that I have contradicted you mainly in one point, in which I seem to have the right...
That she is lustful, lying, coquettish, that she immediately steps into action as soon as one seems to notice her less, that she allows those who have naive hope for her and who blatantly adore her, to rot — that she does indeed have the prostitute totally dominant in her, is nothing new to me as you seem to believe, and it has also bothered me less than my recognition, shortly before my departure, that she doesn't suffer over all these traits and doesn't control herself, and never suppresses herself.
You have much too good an opinion of me, I see it always more clearly. This knowledge, which I give you, of my cursed vanity is again freely accompanied by it. Unfortunately, I also know very precisely the feeling of not being able to love again. Of you, I don't wholly believe it. Hopefully you are in agreement with this first stenography.
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Picture postcard Bad Altfähr (Rügen) 16. August 1902
The sea....
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Crampas, 17. August 1902 Saturday, evening
Dear friend!
It delights me greatly that I have fulfilled your wish. Already today at midday, instead of waiting in Stralsund for the departure of my train, I let myself be taken over to a place on the island, a postcard of which I sent you — the best there to be had. Hopefully you received it some time ago.
I will send you anything, if a place says something.
The post is an arrangement I am now thankful for. It brings me your letters; and I also strongly require a telephone to you.
How long will I still remain away? I have yet 55 Marks and 5 Gulden. The trip home will cost me 15 Gulden at most. 23 Gulden would remain. I reckon on 4-5 Marks per day here (room at 1 Mark); I am thus in 8 more days in Vienna, that is in P., devoid of all means, I must hold out until deep into September. In the house with 33 ugly unmarried Jewish girls!
Your sympathy towards my insignificant worries had very sincerely warmed me. For the weather stays poorly, inside and outside. Since leaving I have had, up to the day after tomorrow makes four weeks, of not one good day.
Had you really believed it would interest me with whom Mrs K .... would play tennis? Am I such a woman? I wish you would only bring discourses, because I honour the lines of your letters.
Question: Had Napoleon known himself and how deeply?
Here in Saßnitz the affair exists of which you speak. But here it's not tourists to revolt one: the usual tourist with the important manner and the thick ticket-book is at least laughable; here there are bath guests. Do you know them? Today I believed, as I heard the horrible spa-orchestra play on the edge of the ocean which did not immediately swallow them up, that I had been displaced onto the Ischler Esplanade. Only a few Jews, but on that account Berliners, Frankfurters, Saxons. The men — skat-players, the women either motherly hyenas or daughterly self-proclaimed kittens; that half ugly. The other with those backwards-pulled transverse-strapped skirts... Are you also not ashamed of yourself when you see this part of women? In them Nature wanted to embody shamelessness.
I live, God be thanked, not in the midst of the elegant quarter, but in the Crampas district in the house of a "steward". Please write but as before.
My father sent me 100 Marks in Bayreuth, that I returned to him. It is unpleasant enough after my return, to have to ask for his occasional support. In God's name, send me nothing yourself.
Were you able to read my stenography? And how did it satisfy you? I can truly not stand it. It is a word-degrading invention, its whole nature commercial, "modern" to excess. "No time."
My trip appears so absurd to me. Only geographically is it appropriate. But like Parsifal, one should make a pilgrimage, a long one, to the ends of the Earth, and then fade away somewhere.
From where do you now get it, that my future also is bleak? I believe, after all, that it will be so.
I will no longer give words of advice to J—. One can destroy a man by and by, from recommending him as suitable, and I am too good for some little nook in publishing. If need be, I would say this to him openly.
This trip has brought me the knowledge that even I am no philosopher. Truly not! But am I still something else? I doubt that very much —
May things keep going well for you!
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Picture postcard from Saß. (Postmarked; 18. August 1902)
I just went alone for a drive in a boat. I rowed myself out in the moonlight.
Heaven is a cloudless eye.
To wring in one night the necks of all the waiters in the world: that I would like to do.
I drive on Monday afternoon to Copenhagen (post office).
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Picture postcard from the East Sea. 18. August 1902
Half-past twelve at night, between Sunday and Monday. I sit in a hotel on the beach and see before me that one shimmering place of ocean under the full moon .
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Kopenhagen, 19. August 1902 Quarter to midnight.
Servus!
My father has now sent back to me that hundred Marks again. Thus I am going to Christiania after all. Please send to the post office there.
Otto W.
Now I will finally test myself on a two-day sea journey, whether I am seafast or not.
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Frederikshavn (Northern cape of Jütlands), 21. August, Thursday, 10 o'clock a.m.
Dear friend!
Excuse the card, for now it's all I can spare, since there is most probably much for me to achieve in Norway, and from here the postage is quite expensive. Also, I have now a 14 hours sea-journey behind me, spending almost the entire night on deck, in a considerable storm and up to 4 metre high waves; and I am seaworthy! How could I have expected anything else of myself. I believe, the dignity of a man can be hurt by nothing as much as sea-sickness. It is sufficiently indicative that all women become seasick.
I have not yet answered a great deal from your letters. Not because you do thus with mine, but because it's completely natural. We both seem to want to postpone discussion until my return (the first week of September, around the middle). One makes a message of a few important things to help the recipient fix the image of the moment.
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Christiania, Friday, 22. August 1902.
Early today 5 o'clock 48 minutes arrived here. I am deeply delighted: Monday I will see "Peer Gynt" here in the National Theatre. Today, I will hear for the second time of my trip "Don Giovanni". The first time in Munich.
O. W.
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Christiania, 23. August 1902.
Best thanks for your letter.
If your overgreat need to rejoice, that you are projecting on my arrival, would only not create disappointment for us both! I will fulfil your wish: you will be the first, like last time. I will faithfully advise you of everything.
Also at home, in this case I'll be received joyfully, as I know from long experience, and the meals are paradoxically even better.
I should like to travel about Bergen (the west Norway coast, where the fjords and glaciers are) by sea to Hamburg, by Magdeburg, and Prague to Vienna. However, please, write in all cases still to Christiania...
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Tuesday midday, 26. August 1902.
In a fir forest north of Christiania.
Eight days from tomorrow I should be in Hamburg and Sunday thereafter in P. (probably coming by St Polten around half-past one in the afternoon. If you wish, accompany me then from P. to W.). — Yesterday I saw "Peer Gynt" and heard Solveig's song. The Vienna performance was very poor and the public repulsive, the locals twittish, the spectators idiotic. Ibsen must have suffered fearfully in his environment. — Now I have read a great part of the Norwegian, and am astonished how correctly you guessed the song text. — All seven days of the week I've not written any letters to you. Wishing to write, I had soon lost the desire. Do you understand me?
Otto W.
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Hamburg, Thursday morning. (Postmarked: 4. September 1902
Dear friend!
Now I am earnestly on the homeward run, that such men as you or I never walk with that satisfied, wrapped-up contentment like the philistines, that are absolutely at home in house no. x.
Your Otto W.
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Leipzig, 5. September 1902, 6 o'clock afternoon.
Dear friend!
You see — so near to the bohemian forests.
I have just come from the Institute for "experimental" psychology, the high school of the modern psychologist.
Wednesday I am in great likelihood in P.
O. W.
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(Postmarked: 13. September 1902)
Dear friend!
Yesterday I would have had to deal a lie or a personal sorrow against Dr. S., if I had remained with you.
I kiss you
Otto W.
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23. September 1902.
Dear friend!
Read "Peer Gynt" in one course, at least the first time: the effect will be you will think over it for a long time, so I believe.
Here you will find pain and despair also. And almost all the powers inside and out of man coalescing in one play.
And when you have read it, then you should take the state examination.
I greet you warmly
Otto W.
*
(Postmarked 27. September 1902.)
Dear friend!
R. discussed everything with me yesterday.
I believe that it doesn't go as far as that, but will remain a threat.*
If it actually happens, then I wholly expect you, at least in the interim, to live with me and also share whatever else with me. I say, I consider it self-evident.
Please, write to me immediately! Do you need money?
O.
* My family wished me, then at 20 years of age, either to cease association with O.W. or I would be forbidden from the house. [Artur Gerber]
*
4. October 1902.
Thank you for your letter. You would have to have, for both operas, also a Bayreuth.* Mind you, it is a scandal. Even Mignon and Carmen were dithery.
The thoughts of a discourse On the Gait of Man I find very pleasing, but you should write it as you have time and desire. My feeling on what the gait of man says is weak in terms of a substantial relation, much less pronounced as, for instance your or my physiognomic impression. Also it will be useful for you with the Philistines, to handle so serious a theme, "although"...
Shortly I shall have more than enough to do with the transcription of "Propria".
* Mascagni's Cavalleria rusticana and Leoncavallo's Bajazzo. [Artur Gerber]
*
11. October 1902.
... Gait I have in no way rejected, approve of it very much, that you subjoin things of great worth, and I interest myself greatly over your results. I can merely gather from the movements of the shoulders and hands, at best something of the attitude; the legs themselves hardly anything, sooner still the acoustic image of the step...
*
Vienna, 18. October 1902.
Best thanks for your card, whose optimism for me seems to appear too early. — I would like to speak with you very much before Sunday, and indeed as soon as possible. Perhaps I will visit you Tuesday at 5 or half-past five?
Theme: my arrangement of woman into mother and prostitute.
If you have the desire to, and do you not fear your own thoughts becoming distorted about this, then answer me as quick as possible with a Yes. ...
*
(Postmarked: 10. March 1903.
Your interpretation of B. I do not completely share. But it is good how you characterise psychological modesty as the least worthy.
On coitology:
The more infatuation and the less pure sexual arousal there is, the more decent the child will be (no criminal as man, no prostitute but only mother as woman).
I believe sex* is determined not by the degree of "arousal": it comes from greater appetite, respective to love, and it determines the resemblance, not sex.
Concerning Mother-Prostitute I am thus again in doubt...
* of the embryo [trans].
*
Vienna, 30. March 1903. (In the tramway.)
Braumüller is printing my book!
It will be ready at the latest by the end of May.
Will you go with me on Friday to see Duse* as Hedda Gabler? If yes, then I will book two seats.
Also I have a month's worth of day-and-night work to do.
Weininger.
* Eleonora Duse [trans].
*
23. April 1903.
Thus finally behind you! It delights me much, still more, what will now come...
For the rest I have still frightfully much to do, I swim in an ocean of first, second, third proofs and write really no more with blood but only with red ink (an antithesis of Nietsche).
Your O.W.
*
Rome, 23. July 1903/ (Picture postcard.)
Rome, Panorama of the Cupola of San Pietro. (The statues of the saints on the roof.)
I had to pass by Rome, where I have been since yesterday midday. I did not believe before, that a city could produce such an effect on me.
San Angelo's castle (Hadrian's mausoleum!)
*
Syracuse, 3. August 1903.
Instead of waiting long in Ancona on a ship, I travelled around Rome, Naples, Messina, Taormina (one of the most beautiful places on earth), Catania (Ätna).
In Rome, I heard the Trovatore, in which one finds the most magnificent representations of the heart-beat, and I am more than ever of the opinion that Verdi was a genius; the night before last, I heard in a magical present, on the beach of the moon-glimmering ionic ocean, between the papyrus-thicketted source of the Arethusa and the sailing ships of the harbour, the Corso Military Musicians play the Cavalleria rusticana.
Since he wrote it, Mascagni was therefore great. I have now seen the whole region in which it is set, have been as far as Francofonte, and I was greatly delighted how completely correctly I had represented it to myself: the blondest grain (la circāasa). It is the most fearful area in Europe. About the Sicilian duels of the workers, I sought and found rich lessons, and enjoyed instruction from a goatheard about the actual art, who blew seriously and truly out of his self-cut Syrinx — well, in any case, and indeed very poorly, a melody from the Barber of Seville, that really didn't fit in that place. — But envy me not too much even if you should still be filled with such longing by what I write to you here.
Syracuse is the most unusual place in the world. Here I can only be born or die — not live.
Ätna gave me the most to think about in the most imposing shamelessness of the crater. A crater reminds one of the backside of a mandrill.
Do write to me about yourself and what you are doing, you have promised this and until now not followed through.
To the creativity of Beethoven only do I greatly advise you. He is the absolute opposite of Shakespeare, and Shakespeare or Shakespeare-emulation is, as I see always more clearly, a thing every greater man must grow from and grow out of. With Shakespeare the world has no midpoint, with Beethoven there is one.
So I reckon on new of Probus court! And greet Schiffman, too!
Otto.
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Syracuse, 10. August 1903.
I wish to hear thoroughly to what extent it's going particularly bad for you now. Your fear of thereby disturbing my strange feeling of happiness or loftiness is unfounded...
I bid you, write to me soonish! about Sex and Character; and tell me of all your true ideas over the worth of the whole; I would be so thankful to you, the earlier it could come. So much depends on it for me.... And send me, please, finally the copies of the Sicilian Turiddu-Song. It would be a disappointment to you that Turiddu is an abbreviation of Saviour, (Save) — little bull. That doesn't fit.
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Reggio (Calabria), 22. August 1903.
The inserts, apart from the usual, but good postcard are (you must conceive of only totally-yellow houses like at Schönbrunn, the ocean completely blue and an absolutely cloudless heaven):
Two blossoms of a papyrus bush and a little piece of bast from the same stem, the conditions of which you have to attribute to the skipper of the rudderboat in which I travelled the papyrus- and bamboo-covered river Anapo up to the mouth of the bestilled Cyane (that I absolutely recommend to you [and indeed likewise in a boat], if you came to Syracuse), who cut a plant against my express wish and without my knowledge.
The other postcard is actually made from papyrus grown here and offers a very bad picture of the ruins of the old Greek theatres, of that site, where the sunset is among all places that I know of, the soonest tolerated.
Finally read Peer Gynt, do this favour for me, if not for yourself. You could actually learn to develop something from it which is only very weak in yourself.
Read also Kaiser and Galiläer! Also herein are magnificent parts (but not comparable to the other one!)
If Ibsen had wished more of such greatness as in Peer Gynt, he would have been greater than Goethe; I have seldom gotten to know a work where I had in the course of time revoked so few of its attributed praises.
It betrays weakness, incidentally, to wish not to read so as not to be influenced. One should become stronger through reading, not the reverse.
I will not be writing now for a long time. Address: Reggio, Calabria, held at the post office. However, could you send me finally a detailed critical review of Sex and Character. In recent days, there have been a few of the worst published, that Braumüller sent me, such that I have some need for them.
Write to me how it's going for you.
Otto W.
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27. August 1903. Picture postcard from Sorrento.
I would again like that you be observant to what I wrote you about Beethoven and Shakespeare. You concern yourself actually on the same ground with the problem of will, from which Shakespeare wrote Hamlet. Will is that which time gives a direction, that is: the past and future separated from one another. Thence Shakespeare had obtained first in Hamlet a meaning for the meaning of life and time...
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28. August 1903.
There is something out-of-order with you! (I am very sorry that I don't know the cause. It is the same, that prohibits you from being productive. I believe that you are something of a gambler: you want too much as a gift regaled by destiny. You have placed too much on and hoped too much for love from women); it wants solitude more than a flight into the society of others; and it needs that you think more over yourself, with courage always and wherever. This is in Italian because other people could read the little card. For the rest, I thank you for your letter and the copy of the song. I have already left Calabria on Monday and today arrived in Naples. (Paestum — Salerno — Amalfi — Sorrento.)
Believe me: if a man like you or I is not productive, one must not expect for a moment that the creativity will return, but look for the reason; it is always a fault.
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Briefe OTTO WEININGERS
Aus dem OTTO WEINIGERS TOD
von Hermann Swoboda
HUGO HELLER & CIE
WIEN/LEIPZIG 1923
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OTTO WEININGER'S LETTERS (to Hermann Swoboda)
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Purkersdorf, 7. Juli 1901
Lieber Freund!
Was mein opus l anlangt, so bin ich noch immer im Stadium des Denkens und
Nichts-Schreibens. In einem Kardinalpunkt bin ich wieder zweifelhaft geworden und
ich würde sehr gerne im Gespräche mit Dir meine Bedenken sich klären sehen; sie betreffen den Begriff: Geschlechtstrieb und Stärke des Geschlechtstriebes, größere oder geringere Stärke des Geschlechtstriebes bei M und W. Auch die dualistische Auffassung von den zwei Substanzen M und W, die in verschiedenem Ausmaß etc. verteilt sind, ist eigentlich nie so ganz und voll die meinige gewesen. Stellt sich wirklich bei einem Individuum erst, l . weil es nur zu einem gewissen Bruchteil, sagen wir, weiblich ist, ein genau zu berechnender Bruchteil von M ein oder ist minder weiblich nicht schon als logisch identisch mit mehr männlich anzunehmen? Bei der einzelnen Zelle wird die Schwierigkeit der Portionen-Annahme nur noch fühlbarer. Soll ich mir du wirklich so rezeptartig vorstellen:
und das in die Zelle gegossen, wie in eine Eprouvette?
Wie, wenn männliches und weibliches Protoplasma nur stereochemisch
verschieden, stereoisomer wäre! Die Formel mm + mw = const. legt das so nahe. Um wie viel das lebende Eiweiß oder Nucleinmolekül nach rechts gewickelt ist, um genau so viel muß es wieder nach links gewickelt werden: daraus erklärte sich dann die ursprüngliche geschlechtliche
Indifferenz des Keimes bis zur fünften Fötalwoche.
In der Formel A == K/(α - β) wären dann α und β wirklich die Winkel, um die die Polarisationsebene gedreht wird, und es karre bei der sexuellen Anziehung immer auf die Bildung der optisch inaktiven Modifikationen hinaus. Außerdem: die Samenfäden der Farne werden durch Apfelsäure angezogen (die auch aus den Archegonien ausgeschieden wird). Diese gewöhnliche Apfelsäure hat ein asymmetrisches Kohlenstoffatom, also Gelegenheit zur Bildung von Raumisomerien ist da; sie ist linksdrehend: also wäre männlich == rechtsdrehend, weiblich == linksdrehend Und dazu würde noch stimmen, daß eben der Drehwinkel bei der Apfelsäure, wie mir bekannt war, mit der Konzentration wechselt (sexuelle Zwischenstufen) und durch Erhitzen rechtsdrehende Apfelsäure in linksdrehende übergeführt wird: südliches
Klima begünstigt die Hervorbringung des weiblichen Geschlechtes.
Schön ausgedacht, nicht wahr? Nur schade, daß Moos-Spermatozoiden gegen den schamlos-gemein rechtsdrehenden Rohrzucker chemotaktische Bewegungen
ausführen und auf die der Farne auch die optisch inaktive Maleinsäure anziehend wirkt. Meine Hoffnung also, daß an der Geschichte etwas ist, ist sehr gering. Daß ich sie nicht ganz aufgegeben habe, beruht nur auf der Möglichkeit, daß PFEFFER in Leipzig mit rechtsdrehender Apfelsäure gearbeitet haben könnte, ohne das ausdrücklich anzugeben. Auf die optische Aktivität und das asymmetrische Kohlenstoffatom würde ich ja gerne verzichten, wenn sich diese Ansicht retten ließe; sie erklärt nämlich so hübsch, wie mir scheint, daß so und so stark weiblich eben an sich schon so und so schwach männlich ist; 0 < a < 90°, 0 < ß < 90°; und noch einfacher nehme ich so bloß einen Winkel zwischen 0 und 180. Auch daß dieser Winkel nie==0 noch == 2 R wird, würde zu meinen sonstigen Vorstellungen über das Lebende so gut gepaßt haben. Ich meine schon längst, daß die Gleichungen für das tote Geschehen nur einen Grenzfall der Gleichungen für das lebende Geschehen darstellen. M oder W können deshalb gar nicht leben. Im toten Eiweißmolekül schwingen die Atome in gewissen extremen Flächen. Schließlich hat ja die Atomistik noch immer nicht ausgedient; den Schimmer kann man noch immer reiten und dabei doch stete wissen, daß er ausgeliehen ist. Wann er reif für den Schindanger ist, das müssen wir in Physik und Chemie sehen, die Erkenntnistheorie kann da gar nichts sagen.
Auch geniert es mich nicht im mindesten, daß ich vielleicht anders reden würde, wenn ein anderer diese Hypothese aufgestellt hätte. Die paar Momente des Aufblitzens habe ich gehabt und ich bin nur froh, daß mir die Gegeninstanzen erst ein bißchen später eingefallen sind.
[abgeschnitten]
Dein Otto.
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Purkersdorf, 27. August 1901.
Lieber Freund!
Dein Brief kommt mir bei dem naßkalten Wetter sehr gelegen, da tun einem
erwärmende Gedanken not. Der letzte Sonntag war einer der herrlichsten Tage, die ich je erlebt habe; da sind sicher ein paar hübsche Entdeckungen gemacht worden und ein paar Selbstmörder werden es sich noch einmal überlegt haben. Und heute ist's wieder so gräßlich.
Daß Du mir die Stelle aus den "Wahlverwandtschaften" abgeschrieben hast, ist sehr freundlich von Dir, obwohl ich längst die Absicht habe, sie als Motto vor einen Teil meines Buches zu setzen. Ich bin stolz darauf, und es freut mich, daß auch ich, und nicht nur der Darwin, in der Lage sein werde, zu sagen, daß Goethe wieder einmal recht gehabt hat. Ohne an den Grundgedanken der "Wahlverwandtschaften" mich speziell zu erinnern, hab' ich geschrieben, daß ein Ehebruch, wenn das wirkliche Komplement erscheint, einfach als Elementarereignis anzusehen ist, wie wenn FeSO4 mit 2KOH zusammengekommen ist und die SO4-Ionen die Fe-Ionen verlassen und zu den K2 übergehen. Goethe wäre es nie eingefallen, zu "richten", wenn in der Natur ein Ausgleich einer Potenzialdifferenz stattfindet. Er ist doch der anthropos theoretikos kat' exochen, darum behält er eben immer auch Recht.
Kennst Du Maxim Gorki? Er ist ein Mensch, der manches sehr gut sagt, was wir
beide gut verstehen dürften. Wartet aber auch noch auf den neuen Christus. Das tun nämlich heute viele. Nach Weltanschauungen finde ich selbst auf dem kleinen
Purkersdorfer Markte rege Nachfrage vor, und erst Ethiken! Am liebsten möchten sie ein Inserat in die Zeitung geben: "Ethik gesucht für alleinstehenden Herrn etc.".
Ich bin nur neugierig, ob der (neue Christus) für oder gegen die Wissenschaft sein wird. Ich glaube, Kant hat doch zum letzten Male diese um ihre Ansprüche (nach langem Herumreden) betrogen. Ob sich das noch einer (aber wirklich einer) trauen wird?
[abgeschnitten]
Letzthin war ich in Wien und habe dort gesehen, daß Professor N. erst Mitte
September zurückkehrt. Ein Verleger war sehr entrüstet über den Titel "Eros und Psyche". Er hatte wahrscheinlich ein Bändchen lyrischer Gedichte in 16° erwartet. Schau, vielleicht fällt Dir Erfindungsreichem doch noch ein anderer Speiszettel ein, der mit der gleichen Kürze ähnliche Vorzüge verbindet ohne das Reklamehafte!
Der Deine
*
19. Mai 1902
Lieber Freund!
Die vielen unruhigen Geschäfte, welche ein Wohnungswechsel mit sich bringt,
haben meine Antwort so lange verzögert. Deine Äußerung über die Vermutungen, welche ich mir über Dein langes Schweigen gebildet haben würde, ist zutreffend gewesen. Allerdings glaubte ich, Du hättest in Verstimmung einmal in unserem Briefwechsel eine längere Lücke eintreten lassen wollen. Diese Verstimmung Deinerseits begreife ich recht gut, besser als Du, der Du sie Dir mit Scheingründen zu erklären suchst, die weder bei mir noch bei Dir das Richtige treffen. In Deinen Ausführungen trifft nur zweierlei zu: Erstens — Du wirst mich von jetzt an völlig verachten — ich schwätze jetzt wirklich manchmal über Kunst, und zwar in Sodom selbst, in ipsissimo Cafe Griensteidl, schreibe Artikel über lbsen etc. Du siehst, ich liefere mich Dir völlig für Deinen nächsten Brief aus.
Zweitens hast Du erkannt, daß ich jetzt nicht mit gleichförmiger Geschwindigkeit c = s/t naturwissenschaftliche Entdeckungen mache. Ich bin faul, warte ab, fühle mich keineswegs wohl und bin in allem und jedem recht unsicher. Suche über mich selbst zur Klarheit zu kommen und werde daran recht gehindert durch eine Anzahl neuer Dinge, die jetzt in mir eigentlich zum ersten Mal aufsteigen.
Das macht es mir schwer und Dir leicht, aggressiv zu werden. Doch Du zielst
falsch. Die Gründe Deines Unwillens kann ich nicht alle berühren. Aber über eines müssen wir sprechen.
Wir verkehren jetzt über drei Jahre miteinander. Drei Jahre, die nicht mehr
wiederkommen werden. Ich habe Dich öfters darauf aufmerksam gemacht, daß Du mich nicht kennst, wenn Du über mich urteiltest. Du hast das immer mit einem
gewissen Lächeln angehört.
Am Anfang hattest Du noch ein viel feineres Gefühl dafür. Da konnte ich öfters von Dir hören, ich sei ganz anders zur Psychologie gekommen als Du, bei mir sei lange nicht soviel natürliche Bestimmung dazu. Da hattest Du ganz recht. Jetzt bereitet Dir meine Abkehr von dieser Psychologie, meine Rückkehr zu mir selbst, Ärger. Ich bin vielleicht mehr schuld daran als Du, denn ich habe dem großen Einfluß, den Du in dieser Beziehung auf mich ausgeübt hast — seit unserem ersten Gespräch über Psychologie, westliche Ecke der Votivkirche, Anfang Juni 1899 — selbst noch nachgeholfen. Vor dieser Zeit hatten mich Erkenntnistheorie und Ethik, transzendentale Psychologie in erster Linie, interessiert. Ich habe mich dann gefreut, daß ich das andere auch konnte. Wohl habe ich mich bei der physiologischen Psychologie nicht lange fühlen können. Das Frühere hatte mich zu sehr aufgeregt und geplagt, die letztere übertrieb ich, um sie mir schmackhafter zu gestalten. Das Ende ist da. Deine Indignation stammt größtenteils daher, weil ich meine frühere Tätigkeit, welche Deine jetzige noch ist, die Tätigkeit für die Spezies, naturgemäß nicht mehr so hoch werten kann wie früher . . .
Sei nicht böse, aber antworte energisch Deinem
O. W.
*
2. Juni 1902.
Lieber Freund!
Ich mußte letzthin aus Mangel an Zeit früh schließen. Ich möchte heute in den Bekenntnissen fortfahren und Dir offen sagen, in welchen Hauptpunkten ich unsere ältere Richtung für verfehlt halte. So sehr ich zweifle, ob Du mir es auf dem Punkte, wo Du jetzt stehst, danken wirst, so sehr glaube ich es unserem Verhältnisse schuldig zu sein.
Zuvörderst Deine Auffassung aller Dinge als "Abhängiger". Damit setzest Du Dich über alles hinweg, damit glaubst Du, in der Untersuchung aller Aussagen der Menschen (außer denen, die Du im Augenblicke selbst tust!) auskommen zu können, das hältst Du für der Weisheit letzten Schluß, das ist zum ersten Mal nichts "Abhängiges". Du hältst das für tief am Avenarius, für sein Bestes, ich halte es für sehr oberflächlich, für furchtbar oberflächlich. Das Ganze ist ältester Skeptizismus, mit dem Unterschiede, daß Avenarius weiß, daß er ein Rückenmark hat. Wie lächerlich ist aber diese Auffassung des Psychischen als des Abhängig-Variablen. Ich sei abhängig von meinem Gehirn! Das Ganze abhängig von bloß einem Teile! Und da spreche ich nur vom empirischen Ich: für das intelligible Ich gibt es keinen "psychophysischen Parallelismus". Mit dem Einfluß der berüchtigten kleinen Kaffeedosen und des Opiums komm mir nur ja nicht! Primär ist Dein Streben nach diesen Dingen und Zuständen, Dein unbewußtes Streben darnach.
Das führt mich auf die Chemie. Du glaubst wirklich, daß die Chemie, das heißt irgend etwas, was mit der heutigen Chemie, auch bei der größten Laxheit, gleich benannt werden könnte, imstande sei, das biologische Geschehen zu beschreiben? Ich habe mir vor kurzem eine physiologische Chemie gekauft. Ich war entsetzt. Wenn das noch Wissenschaft heißt! Mit der Chemie kommt Ihr wirklich nur den Exkrementen des Lebendigen bei. Warum ist denn die Chemie ganz in den Händen der Juden?!
Ich mache Dich übrigens, um Dich ein bißchen zu ärgern, darauf aufmerksam, daß der psychophysische Parallelismus ein synthetisches Urteil a priori ist, das selbst die fällen, welche Bücher für die Wechselwirkung schreiben. Es ist so absolut unbeweisbar wie die Dreidimensionalität unseres Raumes, wie A == A. Der Beweis dafür liegt in der Tatsache, daß jeder Mensch, bewußt oder unbewußt, Physiognomiker ist.
Noch eins. Alles, was Avenarius und Mach sagen, hat Kant schon gewußt. Die
Leute haben ja keine Ahnung, was für Dinge es noch gibt, daß die Philosophie erst jenseits ihres Horizontes anfängt. Köstlich ist Avenarius mit seinem kleinsten Kraftmaß als Wurzel der Philosophie, noch köstlicher Machs Ursprung des Ding-an-sich-Begriffes, am köstlichsten die Herleitung der Unsterblichkeit und der Philosophien aus der Introjektion. Kant hat alle diese Wege gekannt, nur waren sie für ihn nicht gangbar.
[abgeschnitten]
Den Gedanken an die Möglichkeit irgendwelcher Therapie solltest Du überhaupt aufgeben. Ich habe es bereits getan. Im übrigen: es kommt auf die Ergebnisse der Wissenschaft kulturell nichts an. Ich glaube Dir auch nicht, daß Du wirklich froh bist, wenn Du Regenwürmer findest. Und dieser Mangel an Frohheit, an Befriedigung über Dein Tun ist doch bedeutsam. Wenn Du ihn empfindest, um wie viel mehr Enttäuschung wird den anderen Menschen das bereiten, was Du herausbringst. All diese Dinge sind wirklich nebensächlich. Es gibt kein Problem außer dem ethischen (weder für den Künstler, noch für den Philosophen). . .
Herzlich
Dein alter Freund.
*
17. Juni 1902.
Lieber Freund!
Verzeih', daß ich Deine Karte, die mir eine große Freude und auch eine kleine Genugtuung gewesen ist, erst jetzt beantworte. Ich war in den beiden vergangenen Wochen mit einer sehr unangenehmen Arbeit beschäftigt: ich mußte meine Dissertation umschreiben. Erstens war diese allmählich ein schmutziges Geschmier geworden, die Blätter alle ausgefranst, und zweitens hatte ich einiges zu ändern — Du ahnst bereits, nach welcher Richtung hin. So ist denn das Ganze jetzt viel straffer, mit einer gewissen Steigerung gearbeitet; ich habe es in zwei Teile geteilt und einen gewissen, freilich recht unvollkommenen Parallelismus zwischen beiden hergestellt. In der neuen Gestalt wird der augenblickliche Erfolg geringer sein; aber ich bin jetzt etwas mehr mit dem Ganzen zufrieden; wenn mir auch noch fundamentale Punkte fehlen, glaube ich doch, die Auffassung seit dem Jänner 1901 bedeutend vertieft zu haben. Auch meine Kritik an MACH und AVENARIUS ist zum einen Teile darin: was Wurzel der Philosophie und Ich-Problem betrifft. Den ändern Teil, nämlich das Ökonomieprinzip, zu kritisieren, wird sich schon noch Gelegenheit finden. Meine Einwürfe halte ich für absolut schlagend.
Das Hauptresultat meiner Arbeit für die empirische Psychologie leg ich Dir hiemit vor: nämlich, daß das Haupthindernis einer Klärung in den schwierigsten Dingen (Parallelismus, Urteilsfunktion, Ethik) bisher der Mangel der Unterscheidung zwischen der Psychologie von M und der von W gebildet hat. Beide sind zweierlei und sollten eigentlich ganz getrennt behandelt werden. Aus ihrer Vermischung der ganze Wirrwarr.
Ich komme immer mehr darauf, wie fundamental das Problem Mann—Weib ist:
und fühle, daß es mich kaum je in meinem Leben ganz loslassen wird. Man kommt von da überhaupt auf alles.
Da ich annehme, daß Dich das doch ein wenig interessiert, habe ich Dirs so
ausführlich mitgeteilt. Bitte Dich jedoch, es nicht mit dem Lächeln der
Avenariusschen Psychologie zu kritisieren.
Und nun fahre ich in meiner Polemik gegen Dich und Deinen Standpunkt wieder
ein bißchen fort.
Ich glaube, daß Du die handelnden Menschen, Feldherren, Politiker, Kaufleute stark überschätzest. Mir haben die Politiker ja auch eine Zeitlang imponiert, ich gesteh' es offen, nur weil ich selbst es so gar nicht bin. Aber es ist wirklich nichts an ihnen, trotzdem Du sie so hoch wertest — diesen Irrtum teilst Du übrigens mit einem großen Manne, mit Carlyle. Selbst die besten und hervorragendsten, Cromwell, Napoleon, Bismarck, sind noch alle Lügner und Betrüger. Cromwell scheint mir wenigstens aufrichtig gegen sich selbst gewesen zu sein, die ändern nicht einmal das. Und bedeutende Menschen — ich bleibe trotz Deines Tadels bei dem Ausdruck — bedeutende Menschen lügen nicht gewohnheitsmäßig; wenn sie es einmal tun, leiden sie ihr ganzes Leben darunter.
Dem von Dir so außerordentlich verehrten Bismarck fehlt doch eine ganze
Menge. Ein Mensch, der gar kein Verständnis für die Kunst hat, der der Erscheinung eines Wagner so ganz kühl, so frech kühl gegenübersteht! Sein Antisemitismus war mir immer das Sympathischeste an ihm, und selbst der ist gar nicht einwandfrei. Und was ist denn schließlich so Großes am neuen Deutschen Reich, was Euch Deutschnationale immer wieder vor Bismarck den Hut ziehen läßt? Noch nie — ich bin nicht der einzige, viele glauben das mit mir — ist Deutschland kulturell so tief gestanden wie heute. Da kommt man dann freilich mit den Dynamomaschinen. Aber die Maschinen können eben nur Menschen erschlagen.
Bismarck hat nicht einmal solche Momente, wie sie Napoleon doch manchmal
gehabt hat: du haut de ces pyramides 40 siècles vous contemplent. Hier steckt doch ein Gefühl für das Welthistorische nicht nur, sondern noch für etwas anderes, Unsagbares.
Das haben die Franzosen auch wohl gefühlt und sich darum diese Aussprüche so gut gemerkt. Bismarck hat nichts Metaphysisches, um das Wort herauszusagen; er ist vor allem schlauer Geschäftsmann, nicht einmal im Antimoralischen großzügig, nicht einmal recht bête humaine; mehr Stahlkönig, mehr amerikanischer Milliardär, mehr großer Schachspieler als großer Schauspieler (der Napoleon war), mehr Börse als
böse. Und sein Gott, den er allein gefürchtet hat und sonst nichts auf der Welt, ist doch eigentlich der Jehovah gewesen.
Der Politiker steht in gewissem Sinne tiefer als der Techniker. Beide sind nie
universell veranlagt, beide streben immer nur empirische konkrete Zwecke an. Beim
Techniker ist aber wenigstens die Arbeit verbunden mit einem minimalen
theoretischen Interesse an der Problemlösung, mit einer intellektuellen Befriedigung, die beim Politiker fehlt. Au fond ist bei ihm alles doch Ehrgeiz, wenn auch noch so gut maskiert; und Ehrgeiz ist ein niedriges Motiv, das kein besserer Mensch kennt. Denn dieser gibt sich selbst seine Ehre und macht sich auch nicht in seinem Tun abhängig von den konkret-zeitlichen Bedingungen seines Lebens, die für den Politiker (weil er eben Geschäftsmann ist) immer das Ding an sich bleiben. Der Genius ist immer zeitlos, mit seiner Zeit nie zu entschuldigen und nie aus ihr zu erklären. Der Politiker schafft darum nie Kulturwerte, ebensowenig der Feldherr. Am allerwenigsten aber macht sich der große Mensch abhängig vom Pöbel und das tut jeder Politiker. Alle Willensersparnistheorien gehen nur auf den formalen Akt der Initiative. Ein Politiker sollte es versuchen, Rigorist zu werden, Ethiker zu werden? Da würde er was erleben! So sieht es mit dem "Einfluß auf die Massen" aus. Es gibt keinen Politiker, der nicht hinabstiege. Darum ist auch jeder Politiker ausnahmslos Volkstribun, jeder für die Konstituante, für die Volksversammlung, für das Parlament. Keiner hat es in (sich und jeder spürt das; darum hat Bismarck 1866 das allgemeine Wahlrecht gegeben. Nicht Tiberius und Diokletian, nicht Marc Aurel sind Politiker, sondern Kleon, Antonius. "Ambitio" = Herumgehen. Nicht umsonst sind Politik und Journalismus verschwistert. Alle Politik ist Kompromiß, alles Wählertum Untreue gegen sich selbst.
Um das kommt man nicht herum. Und während Du sonst so oft findest, daß einer zugleich Dichter und Philosoph, Geschichtsforscher und Ästhetiker usw. gewesen ist, findest Du keinen sonst bedeutenden Menschen, der außerdem noch Politiker gewesen wäre. Hoffentlich führst Du mir nicht den Leibniz als Gegenbeispiel an. Die übrigen, Solon, Archytas, Friedrich II., sind aber relativ recht unbedeutende Menschen.
Und darum hat Plato recht: Ouk esti kakon paula, ean me e hoi philosophoi
basileusosin e hoi basileis philosophesosi gnesios te kai ikanos, das heißt nie. Moral und Politik schließen einander aus.
Wenn Du also unter dem schaffenden Menschen den Techniker im weitesten
Sinne verstehst, den Feldherrn, den Politiker, den Großkaufmann, den Arzt (auch den Psychotherapeuten), so müßte ich direkt sagen: der große Mensch schafft nie.
Genug davon. Nun will ich noch eines nachtragen. Du hast mir schon zweimal
gesagt, wie bedeutungsvoll Deines Erachtens Goethes Ausspruch über die
Mikroskope etc. sei*. Ich bin damals nicht dazu gekommen, Dir meine Überzeugung zu sagen, daß dieser Ausspruch eigentlich mir recht flach scheint. Das ist Lehnstuhlphilosophie (Goethe-Denkmal!), Verzichten aufs Denken, Denken nach dem kleinsten Kraftmaß, Komfort als Zweck der Zwecke. Es steckt der allerschlimmste, weil nicht einmal mehr ästhetische Katholizismus in dieser Äußerung. Es stünde traurig, wenn Goethe nichts anderes gesagt hätte. Aber Du betrachtet eben alles, was er gesagt und getan hat, als kanonisches Recht. Das ist diese Auffassung von Goethe als dem größten Menschen, Goethe = Gott. Aller Widerspruch verstummt; denn Goethe hat etwas Ähnliches gesagt Die Überschätzung Goethes: ein eigenes Kapitel. Goethe ist Euer erstes und letztes Wort.
Und warum? Erstens: Goethe als Vorläufer Darwins. Zweitens: Goethe war nie
sehr schonungslos gegen sich, er hat sich mit extremer Delikatesse behandelt: er hat
eben aktuell, nicht bloß potentiell viel vom Weibe. Es gibt solche Menschen. Daher Goethes Heiterkeit, die berühmte Ruhe. Nicht das Vervollkommnungsstreben, der letzte Schluß der Weisheit seines Faust, sondern des empirischen Goethe allzu menschliche und gar nicht olympische Gelassenheit hat es den Modernen angetan, das ist's, was ihnen an Goethe imponiert. Das kann nur Zeus sein, denken sie. Aber es ist mehr der Clavigo, den Goethe sein Leben lang nicht losgeworden ist.
[abgeschnitten]
Dein
O. W
* "Fernrohre und Mikroskope verwirren den reinen Menschensinn."
* * *
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Purkersdorf, 7th July 1901
Dear friend!
What my opus 1 concerns, I am still constantly in the stage of thinking and not writing. In one cardinal point I have become doubtful again and would very much like a conversation with you to see if my thoughts can be cleared; they pertain to the concept: sex-instinct and strength of the sex-instinct, greater or lesser strength of the sex-instinct with M and W which are divided into separate scales; this is actually not so whole and complete as my concepts have been. It is posed really in an individual only, 1. because it is only a known fraction that we say is womanly, but an accurately calculating fraction of M is one whole, or is so less womanly as to be assumed logically identical with a more manly? Within particular cells would the difficulty of the portions-hypothesis be sensible. I shall suggest to you recipe-wise:
and that is cast in the cells, like in an Eprouvette?
What if manly and womanly protoplasm separated themselves only stereochemically, were stereoisomers! The formula mm + mw = const. defines them nearly. However much the living albumin or molecular nucleus twists to the right, precisely so much must it twist back to the left again: thereby the source of sexual reproduction is clarified.
Indifference of germs up to the fifth fetal week.
In the formula A == K/(α - β) would then α and β indeed be the angle by which the plane of polarisation is rotated, and sexual affinity be carried outwards to the development of visually inactive modifications. Besides: the spermatozoon of ferns are attracted by malic acid (that is also excreted from the archegonium). This ordinary malic acid has an asymmetrical carbon atom, that is, an opportunity for development of spatial isomerism is there; it is anti-clockwise: thus would manliness == clockwise, womanly == anticlockwise. And so it is still correct that the angle of rotation in malic acid, as was known to me, varies with the concentration (sexual intermediates) and by heating, clockwise malic acid becomes anticlockwise: southern climates favour the production of the female sex.
Nicely thought-out, is it not? What a shame that moss-spermatozoids run against the shameless-common clockwise canesugar, and the visually inactive malenic acid works attractively on chemotactically movements of the ferns. My hope then, that there is something in the story is very small. That I not wholly have given up is based only on the posibility that PEPPER can have worked in Leipzig with clockwise malic acid, without that being expressed explicitly. Regards the visual activity and that asymmetrical carbon atom I would very much like to abandon, if this opinion lay correctly; they show themselves actually so prettily as seems to me, that so and so strong feminine even to itself so and so weak man is; 0 < a < 90°, 0 < β < 90°; and still simply I take thus merely an angle between 0 and 180. Also that this angle will never == 0 or ==2, would still to my suggestions about the living fit so well. I think the equations represent the dead, with only a limited number of cases where equations suit the living case. M or W can therefore actually not exist. In dead protein molecules, the atoms vibrate in certain extreme surfaces. After all, atomic theory has not yet served; one can still proceed on the faintest idea, and yet still know that it is on loan. When it's ripe for the carrion-pit, then we must see in physics and chemistry the theory of knowledge can actually say nothing about it.
Thus, it doesn't embarrass me in the least that I would have spoken differently if someone else had proferred this hypothesis. I have had a few moments of lightning inspiration and I am only glad that the counter-instances occurred a little later.
[cut]
*
Purkersdorf, 27th August 1901.
Dear friend!
Your letter arrived opportunely with the dreadfully cold weather, giving my misery some warming thoughts. Last Sunday was one of the most wonderful days I have ever lived; there were a pair of pretty discoveries made and a pair of suicides were re-considered. And today it is again so ghastly.
That you have copied the part of the "Elective Affinities" for me is very friendly of you, though I have long had the intention of placing them as a motto before one part of my book. I am proud, and delighted, that I too, and not only Darwin, am able to say that Goether once again had the matter right. Without specially recalling for myself the fundamental thoughts of "Elective Affinities", I wrote that adultery, if a true complement appears, is simply considered an elementary event, like when FeSO4 is joined with 2KOH and the SO4-ions leave the Fe-ions and move on to the 2K. It never occurred to Goethe to "judge" if one a compensation happened in Nature of a potential difference. He is the anthropos theoretikos kat' exochen*, therefore, he always holds the right.
* ανθρωπος
θεωρητικóς
κατ'
εξοχην:
theorising man par excellence [trans]
Do you know Maxim Gorki? He is a man who speaks much very well, what we both ought to understand well. But he is still waiting for the new Christ. That is apparently the done thing these days. For world-views I find the small Purkersdorf Market is full of brisk demand, and ethics primarily! Ideally, an insertion in the newspaper would go: "Ethics seeks for solitary gentlemen etc.".
I am only curious whether he (the new Christ) would be for or against science. I believe Kant cheated the last time on his claims (after long round-about discussion). If there was still one (but really one) to trust?
[cut]
Recently I was in Vienna and found that Professor N. returns by mid-September. A publisher was very scandalised over the title, "Eros and Psyche". He probably had a small volume of lyrical poems expected in 16°. Look, perhaps the idea of putting another sales-ticket on an ingenious discovery crosses your mind, which, with the same speed, connects to the same benefits, without the advertising!
Yours ever
O.W.
*
19th May 1902
Dear friend!
The many restless dealings a change of accommodation brings have delayed my reply for a long time. Your remark was true, about the assumptions I would have formed over your long silence. Certainly I believed you had from a displeasure over our exchange of letters wanted to allow a longer pause to arise. This displeasure on your part I understand quite well, and better than you do, who try to explain it with false reasons which hit the mark neither in my case nor yours. In your remarks only two things are addressed: firstly — you will despise me fully from now on — I do now really twaddle sometimes about art, admittedly on Sodom itself, on the ipsissimo Cafe Griednsteidl, write articles on Ibsen etc. You see, I hand myself fully over to you for your next letter.
Secondly, you have known that I do not now make scientific discoveries with the same speed c = s/t. I am sluggish, I temporise, I feel myself in no way well and am in everything and each thing uncertain. I search within myself to gain clarity and this is much hindered by a number of new things now emerging in me, indeed for the first time.
It makes it difficult for me and easy for you, to become aggressive. Still you aim falsely. I cannot touch on all the reasons for your unwillingness. But on one thing, we must speak.
We have associated with each other now for over three years. Three years, that will never again come back. I have often tried to make you aware that you knew me not when you judged me. You always received that with a particular smile.
In the beginning, you did have a much finer feeling for it. Since I could hear from you only occasionally, I would come to psychology differently than you would, since I had not long enough to determine it naturally. You were quite right there. Now my departure from this psychology, my return to myself, makes you angry. I am perhaps more to blame than you, because I have the greater influence that you exercised in this relationship over me — since our first conversation on psychology, western corner of the Votive Church, beginning of June 1899 — itself still helpful. Before that time, the theory of knowledge and ethics, transcendal psychology, interested me primarily. I am glad of that, that I had the other as well. I could never thoroughly remain long satisfied with physiological psychology. The former excited and worried me too much, the last I exaggerated, to form them more tastefully for myself. The end is here. Your indignation stems in great part from how my earlier occupation, which is still yours now, the occupation over the species, no longer could value natureas highly as previously...
Be not angry, but answer energetically your
*
2nd June 1902.
Dear friend!
I had to end early last time from lack of time. Today I would like to get directly into the confession, and present openly for you the main points I regarded mistaken in our older correspondence. I doubt very much whether you will thank me from your current point of view, but I very much believe our circumstances are to blame.
First and foremost, your conception of all things as "dependent". On this basis, you took that position towards all things, and on that basis you believed you could bring together in the investigation of all the expressions of mankind (beyond those that you yourself in that moment were engaged in!) what you held as the final conclusion for wisdom, which is for the first time not "dependent". You held it as the deepest in Avenarious, as his best, I hold it as extremely weak, terribly weak. The whole is the oldest skepticism, with the difference that Avenarious knew, that he had a spine. But how laughable is that conception of the psychological, as the dependent variable. I am dependent on my brain! The whole dependent merely on one part! And there I speak only of the empirical I: for the intelligible I there is no "psychophysical parallelism". Under the influence of the considered little dose of coffee and of opium I do not exist for myself at all! Your primary pursuit is for these things and states of mind, your pursuit for unconsciousness follows.
This leads me onto chemistry. Do you really believe that chemistry, that is to say, that today's chemistry, even that which is given the same name with the greatest laxity, would be able to describe biological events? I recently bought a physiological chemistry. I was appalled. If that is truly called science! With chemistry you arrive only at the excrement of the living. Why is chemistry wholly in the hands of the Jews?!
Incidentally, I make you a little irritated, to make you attentive on the fact that the psychophysical parallelism is a synthetic a priori judgment, themselves the cases that books describe as an interdependency. It is so absolutely unprovable like the three-dimensionality of our room, like A==A. The proof for it lies in the fact that each man, consciously or unconsciously, is physiognomic.
Still one more point. Everything that Avenarius and Mach say, Kant already knew. People really have no idea what exists beyond things, that philosophy only begins beyond their horizons. Avenarius is delightful with his weakest insight on the root of philosophy, still more delightful Mach's concept Thing-in-Itself, most delightful of all the derivation of immortality and the philosophy of introjection. Kant knew all these methods, only they were not feasible for him.
[cut]
You should absolutely give up thoughts on the possibility of whatsoever therapy. I have already done so. Besides, it doesn't come from the fruits of an educated knowledge. I also do not believe that you are truly happy because you discover earthworms. And this lack of gladness, of peace over your actions, is truly meaningful. If you feel it, how much more disappointment would it cause other men whom you lead to this point. All these things are really besides the point. There is no problem beyond the ethical (neither for the artist, nor for the philosopher)...
Sincerely
*
17th June 1902.
Dear friend!
Forgive me that your card, that gave me great joy and also a little gratification, is only now answered. I have been occupied in recent weeks with a very unpleasant work: I had to re-write my dissertation. First off, it gradually became a filthy scribble, the pages all tattered, and secondly, I had to alter a few things — you know already, on which direction. Thus, the whole is tighter now, reworked with a particular enhancement; I have divided it into two parts and introduced an admittedly quite imperfect parallelism between both. In the new form, the momentary effect is inferior; but I am now somewhat more satisfied with the whole; if a still more fundamental point is missing, I nevertheless believe the conception has deepened since January 1901. Also my critique on MACH and AVENARIUS is included in one part: concerning the root of philosophy and the I-problem. There will surely still be an opportunity to analyse the economic principle. I regard my objections as absolutely striking.
The main result of my work for empirical psychology I lay before you herewith: namely, that until now the main hindrance is that an explanation of the most difficult things (parallelism, judgment, ethics) lacks any distinction between the psychology of M and that of W. Both are distinct and should actually be treated as wholly separate. Out of the intermingling, the whole is a mess.
I always proceed on how fundamental the problem of Man—Woman is: and feel that it will hardly ever relinquished in my whole life. One proceeds from here absolutely in all things.
Since I take it that you are still a little interested, I have shared so extensively with you. Nevertheless, please do not critique with the smile of Avenarian psychology.
And I will now again proceed in my polemic against you and your standpoint a little further.
I believe that you starkly overestimate active men, generals, politicians, and businessmen. Politicians have indeed impressed even me for a long time, I admit it openly, only because I myself am nothing like them. But there is really nothing to them, despite you valuing them so highly — this error you share, incidentally, with a great man, with Carlyle. Even the best and most brilliant, Cromwell, Napoleon, Bismarck, are still all liers and betrayers. Cromwell seems to me to have been at least honest with himself, the others not once. And significant men — I keep it despite your criticism of the expression — significant men do not habitually lie; if they do it once, they suffer their whole lives over it.
The man you so excessively admired, Bismarck, lacked a great deal. A man who had no appreciation for art, who was totally cold to the arrival of Wagner, confronted him so impudently! His anti-semitism always made me sympathetic towards him, and even that is not wholly untainted. And what is then actually so great about the new German empire, which you German citizens let yourselves be pushed around by Bismark the Hun? Never — I am not the only one, many believe this with me — has Germany advanced as far culturally as it has today. Then along comes somebody with dynamo-machines. But the machines can only kill bodies.
Bismarck had not a single moment like Napoleon still had sometimes: du haut de ces pyramides 40 siécles vous contemplent.*
* Part of the speech given by Napoleon at the "Battle of the Pyramids" in July 1798 was the line, "Songez que du haut de ces monuments quarante siécles vous contemplent" ["Consider that from the head of the monuments forty centuries look down at you."]
Implanted here is a feeling not only for the world-historical, but also something else, ineffable.
This the French also felt and hence were so moved by that speech. Bismarckt had not a single metaphysical word to express; he is overall a shrewd businessman, not at all given to antimoral generosity, not once the bête humaine; more a steel-king, more the american millionaire, more merchant than Mephistopheles. And his God, which alone he had feared and nothing else on earth, was actually Jehovah.
The politician is, in a certain sense, deeper than an engineer. Both are never inclined to universals, both always strive only for concrete empirical goals. The engineer is at least bound to the work with a minimal theoretic interest in the resolution of the problem, and takes an intellectual satisfaction in it, that the politician lacks. With the politician, au fond everything is sheer ambition, if also very well-masked; and ambition is a base motive, that recognises no superior man. Because he worships himself and makes himself in none of his actions dependent on the concrete-temporal conditions of his life, thus for a politician (because he is just a businessman), the Thing remains itself always. The genius is always timeless, and never makes excuses for how he uses his time and or explanations about it. Therefore, the politician never creates cultural values, and similarly, the military man. Least of all does the great man make himself dependent on the populace and that is what every politician does. All voluntary economic theories function by an initiative only by way of a formal act. Should a politician try to become a rigorist, an ethicist? Then he would experience something! That is how it appears with the "influence of the masses". There is no politician that doesn't degrade. Therefore, every politician is invariably a people's tribune, everyone of them for the constituency, for the people's assembly, for parliament. Not one has it in himself and each one runs madly away from it; for this reason, Bismarck had given the order in 1866 for universal suffrage. Tiberius and Diocletian, and Marcus Aurelius, are not politicians, only Kleon, Antonius. "Ambition" = walking around. Politics and journalism do not form a close union with each other for nothing. All politics is compromise, everything electoral untruth against itself.
One cannot get around this. And moreover, while you often find together a poet and philosopher, an explorer of history and an aesthetician, for example, you find no significant men, as a rule, who were in addition politicians. Hopefully you won't name me Leibniz as counterexample. The remander, Solon, Archytas, Friedrich II., are relatively but quite insignificant men.
And therefore Plato was right: Ουκ εστι
κακον
παυλα,
εαν
με
ε
hοι
φιλοσοφοι βασιλευσωσιν ε
hοι
βασιληις
φιλοσοφεσοσι
γνεσιος
τε
και
ικανος,*
that means never. Morality and politics exclude each other.
* From Plato's Politeia:
Thus, if you understand the engineer in a further sense to be among creative men, the military man, the politician, the CEO, the doctor (also the psychotherapist), then I must directly say: the great man never creates.
Enough of that. Now I will add just one thing. You actually said twice to me, how meaningful Goethe's dictum on the microscope etc. were, in your view.* At the time, I hadn't said to you my conviction that this dictum seems quite weak to me. It is the lecturer's philosophy (a Goethe monument!), renunciation of thought, thoughts of the tiniest strength, comfort as the goal of the goal. It stands out as his very worst, because there is no more aesthetic catholicism in that sentence. It would stand miserably if Goethe had not uttered anything else. But you regarded everything he said and did as canonically correct. That is the view of Goethe as the greatest man, Goethe = God. All contradiction upsets; yet Goethe said something similar, The Overestimation of Goethe: one of his own chapters. Goethe is your first and last word.
And why? Firstly: Goethe as Darwin's forerunner. Secondly: Goethe was never very ruthless against himself, he handled himself with extreme delicacy: he had even much to do actually, not merely potentially, with women. There are such men. Hence Goethe's serenity, the famous calm. Not the aspiration to perfect oneself, his joy was not the final conclusion of wisdom, it was only the empirical, all-too-human Goethe, and the totally non-olympic equanimity that the moderns draped him with, that's what they project on Goethe. He must be Zeus, they think. But it is more the Clavigo, that Goethe never rid himself of his entire life.
[cut]
Yours
O.W.
* "Telescope and microscope confuse the pure mind of man."
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Briefe AUGUST STRINDBERGS
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AUGUST STRINDBERG'S LETTERS (to Artur Gerber)
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Nach Weiningers Tod hatte ich mich an August
Strindberg gewendet. Da aus den dem Gedenken an den Verstorbenen geweihten Briefen Strindbergs die tiefe Beziehung sichtbar wird, in der diese beiden großen Geister zueinander standen, veröffentliche ich sie in diesem Buche. — Artur Gerber
Herr Doktor!
Ich habe den gestorbenen Freund verstanden, und ich danke
Ihnen!
Vor einigen Jahren, da ich dastand wie Weininger und die
Absicht gehegt, weiterzugehen, schrieb ich in meinem Tagebuch: "Warum ich gehe? Cato hat sich selbst den Tod gegeben, da er fand, daß er sich nicht aufrecht halten könne über dem Sumpf der Sünde. Deswegen hat ihn Dante auch als Selbstmörder freigesprochen (Inferno). Jetzt sinke ich (August Strindberg) und ich will nicht sinken, deshalb ... Knall! — — —
Ich war auf dem Wege aufwärts, aber ein Weib hat mich niedergezogen ...
Doch ich lebte weiter, weil ich zu finden glaubte, daß unsere Verbindung mit dem Erdgeist Weib ein Opfer war, eine Pflicht, eine Prüfung. Wir dürfen nicht als Götter hienieden leben; wir müssen im Kot wandeln und doch uns rein halten, etc."
Denken Sie sich den Fall Maeterlinck!
Eben das selbe! Er war so hoch über der Materie (Le Trèsor des humbles), und da kam der Erdgeist — — — Er ist so tief gefallen, daß er seinen nackten Erdgeist herumführt, um ihn auszustellen und sich! Ist das tragisch!
Dr. Luther, da er sich verheiratete, schrieb an einen Freund: "Ich heiraten? Unglaublich! Ich schäme mich! Aber es scheint, als ob unser Herrgott mich als Narr halten wolle!"
Senden Sie mir die Biographie und alles! — Schering schrieb mir beim Todesfalle: "Weininger hat seinen Glauben mit dem Tode besiegelt." Jawohl.
Ich war nahe, das selbe zu tun um 1880; allein mit meiner
"Entdeckung". Sie ist keine Ansicht, sie ist eine Entdeckung und Weininger war ein "Entdecker".
Das neue Säkulum scheint mit neuen Wahrheiten zu kommen; die zoologische Weltanschauung endete mit Veterinär-Psychologie.
Wir Strebenden suchen wieder die unsterbliche Seele und
sind deswegen religiös genannt. Ich bin's; aber eine Konfession kann ich nicht mitmachen. Nenne mich "Christlicher Freidenker", bis ich Besseres finde!
Ihr unbekannter Freund in der Ferne
August Strindberg.
Stockholm, den 22. Oktober 1903, Karlavögen 40.
*
Herr Doktor!
Der seltsame, rätselhafte Mensch, der Weininger!
Mit Schuld geboren wie ich! Ich bin nämlich in die Welt gekommen mit bösem Gewissen; mit Furcht vor allem, mit Angst vor Menschen und Leben. Ich glaube jetzt, daß ich Böses getan, bevor ich geboren war. Was heißt das! Die Theosophen allein haben Mut, die Antwort zu liefern.
Ich bin auch wie Weininger religiös geworden aus Furcht, ein Unmensch zu werden. Ich vergöttere auch Beethoven, habe sogar einen Beethoven-Klub gestiftet, wo man nur Beethoven spielt. Aber ich habe bemerkt, daß sogenannte gute Menschen Beethoven nicht vertragen. Er ist ein Unseliger, Unruhiger, der nicht himmlisch genannt werden kann; überirdisch gewiß.
Weiningers Schicksal? Ja, hat er die Geheimnisse der Götter verraten? Das Feuer gestohlen?
Die Luft ward ihm zu dick hienieden, deshalb ist er erstickt?
Dies zynische Leben war ihm zu zynisch?
Daß er weggegangen ist, bedeutet für mich, daß er aller-höchste Erlaubnis dazu hatte. Sonst geschieht so was nicht.
Es war so geschrieben.
Ihr August Strindberg.
Stockholm, 8. Dezember 1903.
P. S. Drucken Sie meine Briefe nicht vor meinem Tode.
* * *
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After Weininger's death I had turned to August Strindberg. Since Strindberg's letters will clarify through his thoughts on the consecrated deceased the deep relation in which these great minds stood to each other, I publish them in this book. — Artur Gerber
Learned Sir!
I have understood the dead friend, and I thank you!
A few years ago, when I stood as did Weininger and conceived of the purpose to move on, I wrote in my journal: "Why go? Cato had given himself to death, when he discovered that he could not keep right amidst the swamp of sin. Because of that, Dante also absolved him as self-murderer (Inferno). Now I sink (August Strindberg) and I do not want to sink, so on those grounds ... Bang! — — —
I was on the way upwards, but a woman drew me down ...
Still I lived on, because I believed I found in our connection with the spirit of the earth, that woman was a sacrifice, a duty, a test. We ought not live as gods here below; we must wander in shit and yet hold ourselves pure, etc.
Think thee of the case of Maeterlinck!
Even the same! He was so high above materiality (The Treasure of Humility), and when the spirit of the earth came — — — He fell so deeply that he drove his earth spirit about naked to find fault with it and himself! That is tragic!
Dr. Luther, when he married, wrote to a friend: "I marry? Unbelievable! I would be ashamed of myself! But it seems as if our Lord God wishes to be a fool!"
Send thee the biography and everything to me! — Schering wrote to me about the dead: "Weininger had sealed his belief with death." That's right.
I was near to doing the same around 1880; alone with my "discovery". It is not a belief, it is a discovery and Weininger was a "discoverer".
The new secularism seems to come with new truths; the zoological world-view ended with veterinary-psychology.
We aspirants search again for the undying soul and because of that are called religious. I am so; but I cannot participate in a confession. I call myself a "Christlike freethinker", until I find something better!
Your unknown friend in the far-off
August Strindberg.
Stockholm, the 22nd October 1903, Karlavögen 40.
*
Learned Sir!
The rare, enigmatical man, Weininger!
With guilt born like myself! I actually came into the world with an evil conscience; with fear for everything, with angst for men and life. I believe now that I did evil before I was born. What does that mean! The theosophers alone have courage to deliver the answer.
I also, like Weininger, became religious out of fear of becoming unhuman. I also hold Beethoven as divine, have even founded a Beethoven Society where one only plays Beethoven. But I have noticed that so-called good men cannot stand Beethoven. He is an unhappy, unquiet man, whom can not be named heavenly; super-earthly certainly.
Weininger's destiny? Yes, had he disclosed the secrets of the gods? Stolen the fire?
The air was too thick for him here below, so he was choking?
The cynical life was for him too cynical?
That he has gone, means for me, that he had the supreme-highest permission to. Otherwise nothing occurs that has occurred.
It was written thus.
Yours
August Strindberg.
Stockholm, 8th December 1903.
P.S. Print thee my letters not before my death.
* * *
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APHORISTICH-GEBLIEBENES
(Enthaltend die Psychologie des Sadismus und Masochismus,
Psychologie des Mordes, Ethisches, Erbsünde etc.)
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APHORISTIC REMAINS
(Including the psychology of sadism and masochism,
the psychology of murder, being ethical, original sin etc.)
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Aphoristisches.
Der höchste Ausdruck aller Moral ist: Sei!
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Der Mensch handle so, daß in jedem Momente seine ganze Individualität liege.
———————
Schlaf und Traum haben sicherlich etwas mit dem Zustande vor unserer Geburt
gemein.
———————
Die Algebra ist begrifflich, die Arithmetik anschaulich.
———————
Die Gegenwart ist die Form der Ewigkeit; das Urteil über Aktuelles hat dieselbe Form, wie das Urteil über Immerwährendes. Zusammenhang mit der Sittlichkeit, welche alle Gegenwart in Ewigkeit verwandeln, in die Enge des Bewußtseins alle Weite der Welt aufnehmen will.
———————
Was immer auch zum Determinismus führen wird, ist die Tatsache, daß der Kampf immer wieder aufgenötigt wird. Im Einzelfalle mag die Entscheidung ganz ethisch erfolgen, mag der Mensch sich für das Gute entscheiden; die Entscheidung ist aber nicht von Dauer, er muß wieder kämpfen. Freiheit, könnte man sagen, gibt es nur für den Moment.
Und das liegt im Begriffe einer Freiheit. Denn was wäre das für eine Freiheit, die ich durch einen guten Akt aus irgend einer früheren Zeit für alle Zeit hervorgebracht, verursacht hätte: Es ist gerade der Stolz des Menschen, daß er in jedem Augenblick von neuem frei sein kann.
Also für Zukunft wie für Vergangenheit gibt es keine Freiheit; über sie hat der Mensch keine Macht.
Darum kann sich der Mensch auch nie verstehen: Denn er ist selbst ein
zeitloser Akt, ein Akt, den er immer wieder vollzieht, und es gibt keinen Moment, wo
er diesen Akt nicht vollzöge, wie dies sein müßte, damit er sich verstünde. [Parsifalmotiv variiert III. Akt (Den heil'gen Speer, ich bring ihn euch zurück].
Die Ethik läßt ausdrücken: Handle vollbewußt, d. h. handle so, daß in jedem Momente Du als Ganzer seiest, Deine ganze Individualität liege. Diese Individualität erlebt der Mensch im Laufe seines Lebens nur im Nacheinander; darum ist die Zeit unsittlich und kein lebender Mensch je heilig, vollkommen. Handelt der Mensch ein einziges Mal mit dem stärksten Willen so, daß alle Universalität seines Selbst (und der Welt; denn er ist ja der Mikrokosmus) in den Augenblick gelegt wird, so hat er die Zeit überwunden und ist göttlich geworden.
Die gewaltigsten musikalischen Motive der Weltmusik sind solche, wo dieses
Durchbrechen der Zeit in der Zeit, das Brechen aus der Zeit heraus darzustellen
versucht wird, wo auf einen Ton ein solcher Iktus fällt, daß er die übrigen Teile der Melodie (welche als Ganzes die Zeit vorstellt; einzelne Punkte, zusammengefaßt durch Ich) resorbiert und dadurch die Melodie aufhebt. Das Ende des Gralmotives im "Parsifal", das Siegfried-motiv sind solche Melodien.
Es gibt jedoch einen Akt, welcher die Zukunft sozusagen in sich resorbiert,
allen künftigen Rückfall ins Unmoralische bereits als Schuld voraus empfindet, nicht minder als alle unmoralische Vergangenheit, und dadurch über beide hinauswächst: Eine zeitlose Setzung des Charakters, die Wiedergeburt. Es ist der Akt, durch den das Genie entsteht.
Sittliches Gebot ist: In jeder Handlung soll die ganze Individualität des
Menschen sichtbar werden, jede soll vollkommene Überwindung der Zeit, des
Unbewußten, der Enge des Bewußtseins sein. Meistens tut der Mensch aber nicht, was er will, sondern was er gewollt hat. Er gibt sich durch seine Entschlüsse immer nur eine gewisse Direktion, in der er sich dann bis zum nächsten Momente der Besinnung bewegt. Wir wollen nicht fortwährend, wir sind nur zeitweise, schubweise wollend. So ersparen wir uns zu wollen: Prinzip der Ökonomie des Wollens. Aber der höhere Mensch empfindet dies immer als durchaus unsittlich. Gegenwart und Ewigkeit sind verwandt: Zeitlose, allgemeine, logische Urteile haben die Form der Gegenwart (Logik ist erreichte Ethik): Und so soll auch in jeder Gegenwart alle Ewigkeit liegen. Wir dürfen uns auch von innen nicht determinieren; auch diese letzte Gefahr, diese letzte trügerische Schein der Autonomie ist zu meiden.
Wolle! d.h.: Wolle Dich ganz!
Das Richtige im Sozialismus ist, daß jeder Mensch, wie er sich selbst, seine Eigenart suchen und auch sich zu finden trachten soll, auch sein Eigentum erst zu erwerben trachten solle; und hier darf er von außen nicht in seinen Möglichkeiten von vornherein beschränkt sein.
Auf erworbenen Reichtum mag ein Mensch stolz sein und mit Recht auf ihn
wie auf ein sittliches Symbol auch innerer Arbeit blicken.
———————
Der Psychologismus ist die bequemste Auffassung des Lebens, denn nach ihm
gibt es überhaupt keine Probleme mehr. Er verurteilt darum von vornherein auch alle Lösungen, indem er die eigentlichen Probleme sowenig anerkennt wie den
Wahrheitsbegriff.
Es gibt keinen Zufall. Der Zufall wäre eine Negation des Kausalgesetzes,
welches verlangt, daß auch das zeitliche Zusammentreffen zweier verschiedener
Kausalreihen noch einen Grund habe. Der Zufall würde die Möglichkeit des Lebens vernichten, er würde den Menschen, der erst im Begriffe ist, das Böse zu überwinden, abberufen von seinem Wege. Der Zufall würde die Telepathie unmöglich machen, die doch eine Tatsache ist. Er würde den Zusammenhang der Dinge, die Einheit im Universum streichen. Wenn es einen Zufall gibt, so gibt es keinen Gott.
———————
Die Liebe schafft die Schönheit
Der Glaube schafft das Sein
Die Hoffnung schafft das Glück |
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alle aber schaffen das Leben |
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Haß — häßlich Der Schmerz ist das psychische
Unglaube — nichts Korrelat der Vernichtung
Furcht — Schmerz (Krankheit und Tod)
Die Lust ist das psychische Korrelat der Schöpfung. Die Wollust ist von intensivem Schmerz begleitet, weil in ihr Schöpfung und Vernichtung in eins fließen.
Schmerz: Furcht = Sein: Wollen
Lust: Liebe = Sein: Wollen
Das Nicht-Sein des Verbrechers ist darum der größte Schmerz und im eigentlichen
Sinne die Hölle.
———————
Hoffnung — Furcht: Psychologie des Spielers. Jeder leidenschaftliche Spieler leidet stark an der Furcht.
———————
Kennt die Pflanze Lust und Schmerz? Orchideen? Die Wollust in der Begattung
scheint ihr zu fehlen! Hermaphroditismus der Pflanzen!
———————
Die Enge des Bewußtseins und die Zeit sind nicht zweierlei, sondern eine und dieselbe Tatsache. Entgegengesetzt ist das Parallelogramm der Kräfte; indem zwei verschiedene Bewegungen sich zu einer einzigen vereinigen, und vom selben Körper zu gleicher Zeit ausgeführt werden können. Psychisch ist die Abwechslung, auch das Oszillieren.
Das Seelenleben der Pflanzen nun muß ein solches sein, wo die Enge des
Bewußtseins fehlt. Dem entspricht nämlich, daß die Pflanze sich nicht bewegen kann und daß sie keine Sinnesorgane hat; denn Entwicklung der Motilität und der Sensibilität sind immer parallel und gehören zueinander. Die Enge des Bewußtseins (die Zeit) ist die Form der Bewegung des Psychischen.
———————
Arbeit — Schöpfung | Schmerz — Lust.
Daß es keinen Raubmord gibt, damit hat Nietzsche selbstverständlich Recht. Einen Mord um Geldes willen gibt es nicht. Aber der Raub ist keine "Einflüsterung der armen Vernunft" des Mörders, sondern er gehört zum Morde: das Rauben ist ein völliges Töten; der Gemordete hätte noch immer Realität, wenn er Geld besäße: darum muß er beraubt. d. h. völlig getötet werden.
———————
Das schwierigste unter allen prinzipiell lösbaren Problemen ist die Beziehung des Willens zum Wert, oder, was dasselbe ist, des Menschen zu Gott. Schafft der Wille den Wert oder der Wert den Willen? Schafft Gott den Menschen oder verwirklicht erst der Mensch Gott? Ergreift der Wille das Gute oder das Gute den Willen? Es ist dies das Problem der Gnade, das höchste und letzte Problem innerhalb des Dualismus, während die Erbsünde das Problem des Dualismus selbst ist.
Es ist, wie ich glaube, so aufzulösen:
Der Wert wird selbst Wille, wenn er in Relation zur Zeit tritt; denn das Ich
(Gott) als Zeit ist der Wille. Es kann also gar nicht die Rede sein von Schöpfung des Willens oder des Wertes: das Problem erweist hier eine Nachbarschaft zur Erbsünde. Der Wille hingegen wird Wert (der Mensch wird Gott), wenn er gänzlich zeitlos wird; der Wert ist ein Grenzdasein des Willens, der Wille ein Grenzdasein des Wertes. Wenn Gott Zeit wird, dann wird er Wille, d. h. sowie das Sein in ein Verhältnis zum Nicht-Sein sich eingelassen hat. Aller Wille will nur zum Sein zurück (sagt die Erbsünde), und ist etwas zwischen Nicht-Sein und Sein. Von Schöpfung kann nicht die Rede sein. Wie das Auge zur Sonne, so verhält sich Mensch zu Gott. Es ist weder die Sonne nur durchs Auge, noch durchs Auge die Sonne.
———————
Idiotie ist das intellektuelle Äquivalent der Rohheit.
———————
Epilepsie ist völlige Hilflosigkeit, Fallsucht, weil der Verbrecher Spielball der Gravitation geworden ist. Der Verbrecher tritt nicht auf. Gefühl des Epileptikers: wie wenn das Licht erlischt und völlig jeder äußere Halt fehlt. Ohrensausen beim Anfall: vielleicht tritt, wenn Licht fehlt, Schall ein. Der Epileptiker hat Vision von roter Farbe: Hölle, Feuer.
———————
Aus unserem Zustand vor der Geburt ist vielleicht darum keine Erinnerung
möglich, weil wir so tief gesunken sind durch die Geburt: wir haben das Bewußstein verloren, und gänzlich triebartig geboren zu werden verlangt, ohne vernünftigen Entschluß und ohne Wissen, und darum wissen wir gar nichts von dieser Vergangenheit.
———————
Der Mord ist eine Selbstrechtfertigung des Verbrechers; er sucht sich durch ihn zu beweisen, daß nichts ist.
———————
Man darf sich auch nicht selbst kausal bestimmen wollen etwa so: ich werde jetzt
mich selbst durch eine Handlung gut machen und hierdurch ein — für allemal gut werden und von Natur aus gut handeln, weil ich dann nicht anders können werde. Denn hierdurch verzichtet man auf die Freiheit, welche in jedem Momente alle Vergangenheit negieren kann und insofern dem passiven (Heringschen) Gedächtnis entgegengesetzt ist. Man macht sich zum Objekt, indem man so die Kausalität einführt; denn eine Sittlichkeit, zu der ich gezwungen bin, ist schon keine mehr.
———————
Müssen nicht, je mehr Wollust und sinnliche Gier in dem Verhältnis des Mannes zum Weibe ist, desto tiefer die Kinder ethisch stehen? Desto mehr Verbrecherisches im Sohne, desto mehr Dirnenhaftes in der Tochter sein?
———————
Man liebt seine physischen Eltern; darin liegt wohl ein Hinweis darauf, daß man sie erwählt hat.
———————
Der Zustand der menschlichen Kindschaft ist darum soviel kläglicher, als der des neugeborenen Tieres und der neugeboren Pflanze, und nur darum muß der Mensch allein aufgezogen und erzogen werden, weil hier die Seele sich so verloren hat; darum ist das Menschenkind so hilflos und schwach und (Kindersterblichkeit!) der Todesgefahr soviel näher, als der Erwachsene und leidet der Mensch an Kinderkrankheiten, welche Tier und Pflanze nicht kennen.
———————
Hätte der Mensch sich nicht verloren bei der Geburt, so müßte er sich nicht suchen und wiederfinden.
———————
"Die Welt ist meine Vorstellung" — daß dies ewig wahr ist und nicht widerlegt werden kann, muß einen Grund haben. Alle diese Dinge, die ich sehe, sind nicht die volle Wahrheit, sie verhüllen das höchste Sein noch immer vor dem Blicke. Als ich ward, verlangte ich aber nach diesem Selbstbetrug und diesem Schein. Als ich auf diese Welt kommen wollte, verzichtete ich darauf, bloß die Wahrheit zu wollen. Alle Dinge sind nur Erscheinungen, d.h. sie spiegeln mir immer nur meine Subjektivität wieder.
———————
So wie sich der Mensch zu jeder kleinsten und unbedeutendsten seiner
psychischen Regungen verhält, so Gott zum Menschen. Beide suchen sich in jenen zu offenbaren und zu verwirklichen.
———————
Dem Verbrecher ist es angenehm, wenn viel verbrecherische Menschen da sind.
Denn er sucht den Mitschuldigen, er kann keinen Richter brauchen; er will den
Richter, das Gute, aus der Welt schaffen und dem Nichts allein Realität geben. Darum fühlt er sich von Widerspruch befreit und entlastet, wenn der andere auch so ist, wie er.
———————
Der Verbrecher ist der Gegenpol des sich schuldig fühlenden Menschen. Denn
dieser nimmt seine Schuld auf sich, der Verbrecher gibt sie dem anderen: Er rächt und straft den anderen für sich: So erklärt sich der Mord.
———————
Der anständige Mensch geht selbst in den Tod, wenn er fühlt, daß er endgültig böse wird; der gemeine Mensch muß zum Tode durch ein richterliches Urteil gezwungen werden. Das Gefühl seiner Immoralität ist dem anständigen gleich einem Todesurteil; er erkennt sich nicht einmal zum Raume, den er einnimmt, die Berechtigung mehr zu, er verkriecht sich, verkleinert sich, krümmt sich zusammen, möchte vergehen, zum Punkte zusammenschrumpfen. Die Moralität hingegen erkennt sich als ihr Recht das ewige Leben und den größten Raum, d. i. Raumlosigkeit oder Allgegenwart zu.
———————
Schuld und Strafe sind nicht zweierlei, sondern eins.
———————
Jede Krankheit ist Schuld und Strafe; alle Medizin muß Psych-iatrie, muß Seel-sorge werden. Es ist irgend etwas Unmoralisches, d. h. Unbewußtes, das zur Krankheit führt; und jede Krankheit ist geheilt, sobald sie vom Kranken selbst innerlich erkannt und verstanden ist.
Die alte Auffassung ist sehr tief, welche die Kranken und Aussätzigen fragen
läßt, was sie verbrochen hätten, daß Gott sie so züchtige.
Der Mann schämt sich darum der Krankheit, das Weib nie.
———————
Auch die Gesetze der Logik, nicht nur die der Ethik, suchen wir ihrem
eigentlichen Sinne nach immer besser zu verstehen und wollen sie immer richtiger
aussprechen lernen.
———————
Phantasie und Schmuck,*
Phantasie und Kunst,
Phantasie und Spiel,
Phantasie und Liebe,
Phantasie und Schöpfung,
Phantasie und Form,
Phantasie und Schmuck.
* Vielleicht bezieht sich diese Zusammenstellung auf den Begriff Kosmos? [Rappaport]
———————
Die Kunst schafft, die Wissenschaft zerstört die sinnliche Welt; darum ist der Künstler erotisch und sexuell, der Wissenschaftler asexuell. Die Optik zerstört das Licht.
———————
Die Diskontinuität im Zeitverlaufe ist das Unsittliche an ihm.
———————
Das Verhältnis der Finalität zur Kausalität ist nicht ohne Lösung des Zeitproblems zu bestimmen.
Ursache — Wirkung
Mittel - Zweck |
 |
Zeit Die Umkehrung der Zeit |
Wer den Zweck zum Mittel macht und die Folge wie den Grund behandelt, der
kehrt die Zeit um: und die Umkehrung der Zeit ist böse.
———————
Mißtrauen gegen sich selbst ist Bedingung alles anderen Mißtrauens.
———————
Richter sind Menschen mit vielem Bösen. "Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!" Wer über andere zu Gericht sitzt, geht selten in sich. Der Richter hat innerlich viel vom Henker. Er wütet auf die Weise gegen sich selbst, daß er gegen den anderen streng ist.
———————
Monarch als Organ und Monarch als Symbol.
———————
Wenn alle Liebe ein Versuch ist, sich im anderen zu finden, und alles, was
geschaffen wird, nur durch Liebe geschaffen wird, kann dann die Schöpfung des
Menschen durch Gott nicht als der Versuch Gottes aufgefaßt werden, sich im
Menschen zu finden? So erhält auch der Gedanke der Gotteskindschaft einen Sinn.
Die Menschheit und ihr Korrelat — die Welt — ist die sichtbar gewordene Liebe Gottes. Das Sittengesetz ist dieser Wille Gottes, sich im Menschen zu finden: das Wollen Gottes als das Sollen des Menschen (Fechner). Und zugleich ist Gott durch die theoretische Vernunft (die Normen der Logik) der Lehrer der Menschheit (Lehrerschaft als andere Seite der Vaterschaft).
———————
Der Mörder wird durch jedes Lebenszeichen des Menschen, der sein Opfer
werden soll, von seinem Vorsatz zurückgeschreckt, d. h. widerlegt; darum sucht er am liebsten das alte Weib, weil dies der inneren Absicht seines Mordes nicht
widerspricht; denn es ist selbst am totesten.
———————
Der Engel im Menschen ist das Unsterbliche in ihm; der Teufel in ihm ist nur das,
was zugrunde geht.
Daß ein Mensch irrsinnig wird, ist nur durch eigene Schuld möglich.
———————
Ein Mensch kann innerlich an nichts anderem zugrunde gehen, als an einem
Mangel an Religion.
———————
Warum streben das Etwas und Nichts immer gegen einander? Warum wird der Mensch geboren, warum will der Mann zum Weibe? Das Problem der Liebe ist, so sehen wir hier, das Problem der Welt, das Problem des Lebens, das tiefste, unauflösbarste, der Drang der Form, Materie zu formen, der Drang des Zeitlosen in die Zeit, des Raumlosen in den Raum. Dieses Problem treffen wir überall an: es ist das Verhältnis der Freiheit zur Notwendigkeit. Der Dualismus in der Welt ist das Unbegreifliche: das Motiv des Sündenfalles ist das Rätsel, der Grund und Sinn und Zweck des Absturzes vom zeitlosen Sein, vom ewigen Leben ins Nichtsein, ins Sinnenleben, in die irdische Zeitlichkeit; der Fall des Schuldfreien in die Schuld. Ich vermag nie einzusehen, warum ich die Erbsünde beging, wie das Freie unfrei werden konnte. Und warum?
Weil ich eine Sünde erst erkennen kann, wenn ich sie nicht mehr begehe. Darum kann ich das Leben nicht begreifen, solange ich das Leben begehe, und die Zeit ist das Rätsel, weil ich sie noch nicht überwunden habe. Erst der Tod kann mich den Sinn des Lebens lehren. Ich stehe in der Zeit und nicht über der Zeit, ich setze die Zeit noch immer, verlange noch immer nach dem Nichtsein, wünsche noch immer das materielle Leben; und weil ich in dieser Sünde stehe, vermag ich sie nicht zu fassen. Was ich erkenne, außerhalb dessen steh' ich bereits. Meine Sündhaftigkeit kann ich nicht begreifen, weil ich immer noch sündhaft bin.
Der Verbrecher und der Irrsinnige leben diskontinuierlich.
———————
Der Mensch lebt solange, bis er entweder in das Absolute oder in das Nichts
eingeht. Er bestimmt selbst in Freiheit sein künftiges Leben: er wählt Gott oder das Nichts. Er vernichtet sich selbst oder schafft sich selbst zum ewigen Leben. Ein doppelter Progreß ist für ihn möglich: der zum ewigen Leben (zur vollkommen Weisheit und Heiligkeit, zu einem der Idee des Wahren und Guten völlig adäquaten Zustande) und dem zur ewigen Vernichtung. Nach einer dieser beiden Richtungen aber schreitet er immer fort: ein drittes gibt es nicht.
———————
Weil die Zeit einsinnig ist, darum interessiert uns weniger der Zustand vor unserer Geburt. Unsere Geburt setzt etwas Neues, beginnt eine neue Reihe.
———————
Die Wissenschaft ist asexuell, weil sie resorbiert, der Künstler ist sexuell, weil er emaniert.
———————
Der Dualismus liegt darin, daß wir die Empfindungen nicht schaffen, über die wir denken.
———————
Der Idealismus aller Philosophie: "die Welt ist meine Vorstellung", zeigt die Resorption der Dinge durch das Ich des Philosophen am klarsten. Für den Künstler ist der Mensch eher ein Teil der Welt, er nähert sich den Dingen an und hebt so die Niveaudifferenz zwischen Mensch und Natur auf.
———————
Da das Psychische das Physische schafft, muß der Mensch sterben. So findet der Tod seine Erklärung: entweder nämlich der Mensch ist dem Absoluten gleich geworden, ins ewige Leben eingegangen, dann kann er nicht in materieller Form
existieren, begrenzt in Raum und Stoff; er wird, wenn es einen psychophysischen
Parallelismus gibt, einen Leib bekommen, der mit der ganzen sichtbaren Natur eins
geworden ist, er wird die Seele der Natur, die Natur sein Körper, so wie der Baum, unter dem Buddha starb, bei seinem Tode plötzlich zu blühen angefangen haben soll: weil neues Leben die ganze Natur durchdrang.
Die andere Möglichkeit ist für den Menschen, daß er dem Nichts anheimfalle; er löst sich in lauter materielle Atome auf: der absolute Verbrecher. Die Vorbereitungen zu dieser psychischen Disgregation werden vom Verbrecher schon im Laufe seines Lebens getroffen. Die Hölle ist die Furcht des Guten vor dem Bösen: weil das Feuer das Agens ist, um Geformtes zu zertreiben und zu zerstäuben. Aber es gibt keine Hölle: der Gute schafft sich, der Böse vernichtet sich selbst.
———————
Der Mensch entsteht körperlich durch Vater und Mutter; geistig durch das
Verlangen des Etwas, des Absoluten zum Nichts. Mythus von Uranos und Gaia.
Insofern sind wir Kinder Gottes und Söhne des Staubes (der Materie) zugleich. Der Mensch kann auch geistig dem Vater oder der Mutter nachgeraten: dem Vater, indem
er Gott wird, der Mutter, indem er psychisch zugrunde geht. So entsteht der Mensch
durch eine höhere Art von Vererbung, als das Tier; er kehrt zum Vater zurück, wenn er die Erbsünde verneint, er taucht in die Verborgenheit des Mutterschoßes unter, wenn er sie bejaht.
———————
Ist die Epilepsie nicht die Einsamkeit des Verbrechers? Fällt er nicht, weil er nichts mehr hat, an das er sich anhalten könne?
———————
Inwiefern es um die psychischen Phänomene ein anderes ist als um die
physischen, kann man aus folgendem erkennen. Gesetzt, es wäre festgestellt, daß eine unmoralische Regung stets mit einer bestimmten Körperbewegung, einem bestimmenten Gefühle im Herzen assoziiert wäre, eine moralische Regung stets mit einer anderen Geste, einer anderen körperlichen Empfindung verbunden, und die Art und die Lokalisation dieser physischen Begleiterscheinungen sei der Wissenshaft oder einem einzelnen Menschen ganz genau bekannt und für ihn wiedererkennbar: so wäre es ganz und gar, im allerhöchsten Grade, unmoralisch, wenn dieser Mensch die Begleitempfindungen als Maßstab dafür benützen wollte, ob seine psychischen Regungen moralisch seien oder nicht.
Hier liegt der eigentliche Unterschied des Psychischen vom Physischen. Das
Psychische muß unmittelbarer erkannt werden, als das Physische — das ist eine Forderung der Ethik. Man besitzt eben noch einen anderen Maßstab und ein anderes Erkenntnis- und Beurteilungsorgan für das, was man selbst tut und denkt und fühlt, als für die äußeren Phänomene. Und darum kann bloß Selbstbeobachtung wahre Resultate liefern: Philosophie und Kunst sind nichts als verschiedene Weisen einer vertieften Selbstbeobachtung.
———————
Nur aus sich selbst kann der Mensch die Tiefe der Welt erkennen: in ihm liegen
die Zusammenhänge der Welt.
———————
Daß wir keine Erinnerung an ein Leben vor der Geburt haben, bildet sowenig
einen Einwand gegen die Erbsünde und den Fall aus der wahren Existenz, daß es vielmehr gar nicht anders sein kann, als so, und eine Erinnerung an ein Vorleben geradezu einen Widerspruch gegen den Gedanken des Sündenfalles bilden müßte. Denn diese Erinnerung würde die Zeit inkludieren; die Zeit ist aber erst mit der Geburt, mit dem Sündenfall, da. Daß es Probleme, Krankheit, d.h. Schuld gibt, dies beweist die Erbsünde. Sein und Nicht-Sein dürfen nicht in zeitlichem Verhältnis, sondern müssen nebeneinander gedacht werden.
———————
Der Mord wird vom Verbrecher verübt aus fürchterlichster Verzweiflung: er ist ihm das Mittel, die größte innere Leere auszufüllen; denn als Verbrecher will er nichts mehr, tut er nichts mehr; er sieht, daß sein Leben zu keinem Ende führt, und darum will er etwas bewirken. Dabei ist ihm ganz gleichgültig, wen er mordet; die Mordabsicht richtet sich nie auf ein bestimmtes Individuum, sonst stünde ja Mordlust als psychologische Disposition nicht so tief; er will nur überhaupt morden, verneinen.
———————
Gewöhnung (Übung)
Fortpflanzung |
 |
Schuldvermehrung, Funktion der Zeit. |
———————
Alle Schuld sucht von selbst sich zu vermehren: daraus müssen alle Qualitäten des niederen Lebens sich erklären lassen.
———————
Die Vegetarianer haben ebenso Unrecht wie ihre Gegner. Wer zur Tötung
lebender Wesen nicht beitragen will, der dürfte nur Milch trinken; denn wer Obst oder Eier ißt, tötet noch immer Keime. Milch ist vielleicht darum die gesündeste Nahrung, weil es die sittlichste ist.
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Der Mensch verträgt es nicht einmal, in die Sonne zu schauen — so schwach und unreif ist er.
———————
Die Geburt ist eine Feigheit: Verknüpfung mit anderen Menschen, weil man nicht den Mut zu sich selbst hat. Darum sucht man Schutz im Mutterleibe.
———————
Der Verbrecher hat auch keinen geraden Gang (schiefer Gang des Hundes), nicht
nur keinen zentrierten Blick (nach M. Rappaport). Der Verbrecher geht auch stets
gebückt (alle Grade bis zum wirklichen Buckel: der Bucklige, der Krüppel, scheint immer böse zu sein).
———————
Zola ist der absolut humorlose Mensch.
———————
Rauch der Sonne bei ihrem Untergange.
———————
Der Ekel verhält sich zur Furcht, wie die Lust zum Wert.
———————
Die Fixsterne bedeuten den Engel im Menschen. Darum orientiert sich der
Mensch an ihnen; und darum besitzen die Frauen keinen Sinn für den gestirnten
Himmel; weil ihnen der Sinn für den Engel im Manne abgeht.
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Ob auch die Natur eine Geschichte hat? Ob auch fürs Naturgeschehen als Ganzes
(Anorganisches miteingeschlossen) die Zeit gerichtet ist? Insoferne wäre ein Wahres an der Entwicklungslehre (Paläontologie). Ob es eine Entwicklung der Gewitter, des Wetters gibt (etwa korrespondierend der menschlichen Geschichte und symbolisch für diese?)?
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Das Merkwürdige an der Zeit ist, daß trotz der ewigen Veränderung alles in ihr gleich bleibt ("alles ist schon dagewesen," "nichts Neues unter der Sonne"). Langeweile = Gesetzlichkeit = Kausalität. Neuheit = Freiheit. Die Überwindung der Zeit führt zum Begriff des "Ewig Jungen" (Wagner). Die Natur ist ewig jung. Denn hier ändert sich wohl nichts und ist doch alles immer neu. Menschen, die wenig Überzeitliches haben, wie die Juden, fühlen sich immer blasiert und gelangweilt, weil in der Zeit sich alles gleich bleibt; Siegfried hingegen ist "ewig jung."
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Die Gegenwart ist so raumlos, wie zeitlos; und das Ziel des Menschen läßt sich bestimmen als Nurgegenwart, als Allgegenwart (man versteht unter Allgegenwart meist nur Freiheit von Raume, statt darunter auch die Resorption von Vergangenheit und Zukunft, von allem Unbewußten in die bewußte Gegenwart zu verstehen). Die Enge des Bewußtseins soll das All umfassen: Dann erst ist der Mensch "ewig jung" und vollkommen.
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Lust ist noch allgemeiner zu bestimmen denn als das Gefühl der Schöpfung.
Eindeutig zu bestimmen ist sie nur als Gefühl des Lebens, als Innewerdung der Existenz; Schmerz als Gefühl irgendwelchen Todes (darum ist die Krankheit schmerzhaft).
Gegen den Eudaimonismus ist hierbei soviel zu bemerken, daß das Ziel des
Strebens nicht verwechselt werden darf mit dem Gefühl, das sich am Ziele einstellt (das ich aus Erfahrung kennen mag). Wenn ich nach höherem Leben strebe, so strebe ich nach etwas, dessen Begleiterscheinung höhere Lust ist, aber nicht nach der Lust selbst. Ebenso verlangt der Mann nach dem Weibe, das Weib nach dem Manne, nicht direkt nach der Lust.
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Alle Worte, welche mit dem Leben in einem gewissen Ausmaße
zusammenhängen, haben "L":
Leben, Liebe, Lust, voluptas, Lachen, leicht, leise, lispeln, Licht, Luxus, Libet
(Lubet, lateinisch), volo (ich will = βοúλοµαι), Lenz, löschen, Lax, Laben, lose, largus, Fluß, Flöte, Lilie, Luchs, locker, schlüpfrig, glatt, gleiten, List, γλυχúς, µελι, Lotos, lindern, λαµπω, lux, lumen, λúχνος, Lecken, Lappen (weiches Tuch), Lamm, Leim, weil λ der reibungsloseste Konsonant ist und Reibung der Ganzheit und Einheitlichkeit am stärksten entgegengesetzt (Rappaport).
Es lassen sich hiergegen freilich anführen:
Last, Leder, Lernen, Lahm, letum, lechzen, links.
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Grundzug alles Menschlichen: Suchen nach Realität. Wo die Realität gesucht und gefunden wird, das begründet alle Unterschiede zwischen den Menschen.
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Was der Mensch erlebt, sind jeweilig abgehobene Teile aus einer unendlichen,
zeitlichen, räumlichen, stofflichen, farbigen, klingenden Mannigfaltigkeit. Darum sind zunächst zweierlei Dinge möglich: Er sucht die Realität im Ganzen, in der Totalität des Alls und seinem unendlichen Zusammenhang; oder ihm wird zur Realität jedes einzelne, sozusagen punktuelle Element des Weltganzen. Es ist ganz dieselbe Welt, ihrer Quantität nach gleich, ganz gleich unendlich; aber dem einen ist der Teil immer nur Teil und nur soweit real, als er im ganzen mitbegründet ist. Der andere umspannt die gleiche Welt; aber jedes einzelne Element besteht ihm für sich als real, und er sucht unter allen den Teil von größter Realität.
Auf das Religiöse angewendet (denn beide Typen können fromm sein): Dem letzteren kann die Sonne selbst oder eine historische Gestalt selbst, oder die Madonna selbst, an und für sich, zur Gottheit werden. Dem anderen wird immer nur soweit ein einzelnes Ding Gott, als es symbolisch ist für das Ganz, und um so eher, je mehr Dinge in ihm zusammenhängen.
Auf das Sexuelle angewendet: Dem einen ist das einzelne Weib real; es ist der Sadist: Der Sadist wirkt darum auf das Weib, weil es für ihn die denkbar größte Realität ist (vgl. Geschlect und Charakter, 1. Aufl. S 397 bis 401); dem Masochisten hingegen ist das einzelne Weib nie real, er sucht in ihm immer noch nach etwas anderem, als nach dem Weibe. Darum wirkt er nicht auf das Weib.
Der Sadist lebt diskontinuierlich in einzelnen Zeitmomenten, er versteht sich nie: Jeder Augenblick hat für ihn an sich schon Realität; darum ist er leicht entschlossen, indes der Masochist immer erst aus dem All heraus handeln könnte. Der Masochist kommt nie in die Lage, sich selbst zu fragen: "Wie hab' ich das nur tun können? Ich verstehe mich nicht!" Dem Sadisten ist dies die gewöhnliche Stellung zu seiner Vergangenheit, die für ihn jedoch darum durchaus ihre punktuelle Realität nicht verliert. Der Sadist hat das feinste Auffassungsvermögen und das beste Gedächtnis für alles Einzelne im Moment; seine Sinne sind fortwährend beschäftigt, weil alles Einzelne für ihn Realität hat. Der Masochist leidet unter langen Pausen, die er mit keiner Realität ausfüllen kann.
Unter dem, was ihm irreal ist, leidet nämlich der Masochist wie unter einer Schuld. Darum fühlt er sich vor dem Weibe verlegen, der Sadist nie. Er ist dem Weibe gegenüber passiv, wie jeder Empfindung gegenüber, der er erst durch Assoziation, die zuletzt zur Begriffsbildung führt, eine Realität für sich geben kann. Der Sadist assoziiert nicht: er reißt der Empfindung gegenüber den Mund auf, bereit und willens, sich ganz in sie zu stürzen, ganz und gar in einer Empfindung aufzugehen.
Der Masochist kann darum nie ein Bild, eine Statue lieben: hier ist allzuwenig
Realität (Aktivität) für ihn. Der Sadist sehr wohl; er ist ja auch galant, und Galanterie ist zuerst Schmücken von Statuen, denen man nachher den Schmuck wieder nimmt, oder die man zertrümmert, wenn sie keine Realität mehr aus sich saugen lassen.
Der eigentliche Begriff von Gott ist dem Sadisten unverständlich; in der Kunst ist er Empfindungsmensch, häuft stets alles, auch mit Ungerechtigkeit, auf einen Mann, auf einen Moment, auf eine Situation. Er kann erzählen; der Masochist nie (nicht einmal Witze), weil ihm nichts einzelnes real genug ist, als daß er liebevoll darin aufgehen könnte. Dem Masochisten ist der Name Napoleon Ausgangspunkt, von dem er sich entfernt, um zu denken, und ihn denkend zu erfassen: für den Sadisten liegt in einem solchen Namen alle Welt.
Der Masochist also ist der Empfindungswelt gegenüber ohnmächtig schwach: der Sadist in ihr stark. Der Masochist sucht sich der Erscheinung, der Veränderung gegenüber zu behaupten: er allein kennt den Begriff des Absoluten (Gottes, der Idee, des Sinnes ). Der Sadist fragt die Dinge nicht nach ihrem Sinn: "Carpe diem!" ist ihm das Gebot seines Ich; die Veränderung erscheint ihm real; was ihm an der Zeit auffällt, ist nicht sie, sondern die Dauer ("aere perennius").
Der Rhythmus, welcher jeden einzelnen Ton, jede einzelne Silbe genau beachtet, ist sadistisch; die Harmonie masochistisch, wie auch der eigentliche
melodiöse Gesang (in dem die einzelnen Töne nicht als solche hervortreten).
Der Mystiker (sei er nun Theosoph wie Böhme, oder Rationalist wie Kant) ist
identisch mit dem Masochisten;* der amystische Mensch ist der Sadist. Masochisten sind die Nordländer (auch die Juden); Sadisten die Südlander. Bei Deutschen und Griechen findet sich beides; dort überwiegt der Masochismus. Venetianische Epigramme, Hermann und Dorothea (?) sind sadistisch; Iphigenie, Tasso, Werther, Faust (größenteils: eine Ausnahme bildet teilweise die Gretchen-Episode) masochistisch. Der Verfasser der Odyssee war Sadist; bloß die Circe ist natürlich masochistisches Ideal (d. h. das Ideal des Masochisten, der seinen Masochismus nicht bekämpft, sondern in der Passivität dem Einzelding gegenüber verbleiben will ). Aischylos, Richard Wagner, Dante, vor allen aber Beethoven und Schumann sind Masochisten; Verdi (ebenso Mascagni, auch Bizet) ist mehr Sadist, ebenso alle anakreontischen Poeten und die Franzosen des 17. Und 18. Jahrhunderts, ferner Tizian, Paolo Veronese, Rubens, Rafael. Shakespeare hat viel Sadistisches, ist aber doch mehr Masochist, dem Weibe gegenüber jedoch ohne die schroffe Trennung von Sexualität und Liebe, wie sie Goethe, Dante, Ibsen, Richard Wagner haben. Vollkommenster Masochismus ist im ersten Akte von "Tristan und Isolde"; geringer im Tannhäuser, Rienze, Holländer).
* Philosophen mit sadistischen (unmystischen) Zügen sind Descartes, Hume, Aristipp. [Rappaport]
[Der Harmonie entspricht die Geometrie, dem Rhythmus die Arithmetik
(Addition der Zeiteinheiten?): dies zur Erläuterung der früheren Bemerkung.]
Verbrecher, die einzelne starke verbrecherische Taten begehen, sind Sadisten;
Verbrecher im großen Stil, die eigentlich kein einzelnes losgelöstes Verbrechen begehen, sind Masochisten; Napoleon war Masochist, nicht Sadist, wie oberflächlich geglaubt wird; Beweis sein Verhältnis zu Josephine und seine Begeisterung für den Werther, sein Verhältnis zur Astronomie und zu Gott. Das einzelne Weib hat für ihn nie wirkliche Existenz besessen.
Der Sadist kann übrigens durchaus ein anständiger und guter Mensch sein.
Der Lustmord ist vielleicht eine Hilfe des Sadisten, wenn die Realität des
einzelnen Weibes zu groß wird. (??) Ein Racheakt wie bei Zola muß er vielleicht gar nicht sein.
Die Engländer sind sämtlich Masochisten, und vielleicht ihre Frauen darum oft so verkümmert in der Weiblichkeit.
In dem Worte Napoleons an seine Soldaten: "Du haut de ces pyramides
quarante siècles vous contemplent", steckt etwas Metaphysisches, dessen ein echter Franzose und Sadist nicht fähig wäre.
Dem Masochisten fällt zuerst Ähnlichkeit, dem Sadisten zuerst
Verschiedenheit auf.
Dem Masochisten sind schon als Kind Uhren, Kalender das größte Rätsel, weil ihm die Zeit stets Hauptproblem ist.
Den Masochisten kann sich nie leichten Fußes über etwas früheres
hinwegsetzen, was der Sadist stets tut, wenn der neue Augenblick mehr Realität
verspricht als der alte.
Der Masochist empfindet alles als Schicksal; der Sadist liebt es, das Schicksal
zu spielen. Besonders im konkreten Schmerz liegt für den Masochisten immer die Idee des Schicksales; der Schmerz hat für ihn nur soviel Realität, als Anteil an dieser Idee. So ist der Sadist das Schicksal des Weibes; das Weib das Schicksal des Masochisten. "Weib" ist sadistisch (wer aktiv in der Empfindung des Weibes ist); "Frau" masochistisch.
Das Verhältnis des Sadisten zum Masochisten ist das Verhältnis der
Gegenwart zur Ewigkeit. Die Gegenwart ist das einzige, worüber der Mensch Macht hat; wer sich in ihr frei fühlt, wird sie nutzen, wie der Sadist; wer sich in ihr leidend fühlt, weil sie ihm nicht real ist, sucht sie zur Ewigkeit zu erwecken. So läßt sich auch das ethische Streben beider charakterisieren: der eine will alle Ewigkeit in Gegenwart, der andere alle Gegenwart in Ewigkeit verwandeln.
Das Gleiche gilt für den Raum. Der Sadist glaubt an, hofft auf das Glück auf Erden: er ist der Mann des "Tuskulum", des "Sans-Souci"; der Masochist braucht einen Himmel.
Die Reue verübelt sich der Sadist und hält sie für eine Schwäche (Carpe diem!); der Masochist ist durchdrungen von ihrer Erhabenheit (Carlyle).
Der Selbstmörder ist fast stets Sadist; weil dieser allein aus einer Gegenwart heraus wollen und handeln kann; der Masochist müßte erst alle Ewigkeit befragen, ob er sich töten dürfe, müsse.
Der Sadist sucht Menschen (wider ihren Willen, ihre konstante Disposition) zu
(momentanem) Glück oder Schmerz zu verhelfen: er ist dankbar oder rachsüchtig.
In Dankbarkeit und Rachsucht liegt stets Mitleidlosigkeit, Rücksichtslosigkeit gegen den (zeitlosen) Nebenmenschen; beide sind, wie alle Unsittlichkeit, Grenzüberschreitungen, d. i. funktionelle Verknüpfungen mit dem Nebenmenschen.
Psychische Schamhaftigkeit, d. h. Kontinuität, die einen einzelnen Inhalt nicht leicht aus dem Ich entläßt (vgl. "Geschlecht und Character", 1. Aufl., S. 436), ist masochistisch.
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Die heutige Gesundheitspflege und Therapie ist eine unsittliche, und darum
erfolglose: sie sucht von außen nach innen, statt von innen nach außen zu wirken. Sie entspricht dem Tätowieren des Verbrechers: dieser verändert sein Äußeres von außen her, statt durch eine Änderung in der Gesinnung. Er verneint so eigentlich auch sein Äußeres und mag deshalb nicht in den Spiegel sehen, weil er sich (das intelligible Wesen) haßt, ohne Bedürfnis, sich zu lieben. Der Verbrecher freut sich, wenn andere an ihm Anstoß nehmen (wie ihm überhaupt jede Verbindung mit anderen, jeder Einfluß auf sie, jede Beunruhigung ihrer Person durch seine angenehm ist).
Jede Krankheit hat psychische Ursachen; und jede muß vom Menschen
selbst, durch seinen Willen, geheilt werden: er muß sie innerlich selbst zu erkennen suchen. Alle Krankheit* ist nur unbewußt gewordenes, "in den Körper gefahrenes" Psychische; so wie dieses ins Bewußtsein hinaufgehoben wird, ist die Krankheit geheilt.
* Nicht nur die Hysterie. [Rappaport]
Der Verbrecher im allgemeinen wird nicht krank; seine Erbsünde ist eine
andere. Such' ich mir das ganz sinnenfällig vorzustellen, so geht es etwa so: der Verbrecher stürzt im Augenblick des Sündenfalles vom Himmel auf die Erde, indem er Gott den Rücken zukehrt, auf den Punkt, auf dem er stehen könne, jedoch wohl achtet. Der andere, der Kranke (Neurastheniker, Irrsinnige) stürzt mit flehentlich zu Gott erhobenem Gesicht und Antlitz, und ohne Bewußtsein und Aufmerksamkeit dafür, wo er zu liegen komme. Wenn die Gefahr des letzteren die Pflanze, die des ersteren das Tier ist, so reimt sich das wohl: die Pflanze wächst vom Erdmittelpunkt senkrecht weg gerade dem Himmel entgegen; der Blick des Tieres ist gegen die Erde gerichtet. (Die Pflanze kann nie als antimoralisches Symbol gelten, wie soviele Tiere.)
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Jedermann kann sich selbst immer bloß als Qualität auffassen; erst durch
Vergleichung mit anderen werden quantitative Betrachtungen nahegerückt. Zahl und
Zeit.
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Was ein guter Musiker ist, dessen Melodieen haben vor allem langen Atem.
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Geschichte und Gesellschaft: Personen, die in einem Raume beisammen sind,
bilden immer eine Gemeinschaft gegen Neu-Eintretende.
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Dankbarkeit und Rachsucht sind eines und dasselbe: es gehört zu beiden eine
Empfindung des Einzelmomentes als real: dankbar wie rachsüchtig ist der Sadist,
nicht der Masochist.
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Wenn eine Frau, in entkleideter Stellung überrascht, aufschreit, so ist das oft nur so zu verstehen, daß sie nicht gut genug darin auszusehen fürchtete.
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Die Disharmonie ist ein tragisches Element in der Musik. Gerade die größten
Kunstwerke der Welt (Tristan und Isolde) haben diese tragische Grelle und sind mehr
als schön.
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Der gute Aphoristiker muß hassen können.
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Gar mancher glaubt den einen Gott los zu werden, indem er sich mehreren
anderen verschreibt.
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Nichts wird so oft verwechselt, wie Eigensinn und Energie — vom Eigensinnigen.
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Der Mathematiker ist das Gegenteil des Psychologen: er ist der einfache Mensch,
einfach wie der Raum.
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Wäre der Mensch nicht frei, so könnte er die Kausalität gar nicht auffassen, und gar keinen Begriff von ihr bilden. Einsicht in die Gesetzmäßigkeit ist schon Freiheit von ihr und das Bedürfnis nach dem (inneren) Wunder, das Erlösungsbedürfnis geht Hand in Hand mit dem strengsten Gefühl für Kausalverkettung im Empirischen. Windelband, Geschichte der neueren Philosophie, Band 1, 2 Aufl., S. 346, findet es
von Hume merkwürdig, daß "der Mann, der die Erkenntnis kausaler Verhältnisse für ein überall mißliches und höchstens wahrscheinliches Ding erklärte, in der Psychologie des Willens durch eine Reihe glänzender Untersuchungen vertrat".
Einer tieferen Einsicht wird dieser scheinbare Widerspruch zur Notwendigkeit. Auch Mach, Avenarius sind so strenge Deterministen, daß die Frage der Willensfreiheit für sie kaum zu existieren scheint, und doch beide Leugner der Kausalität. Es erklärt sich dies daraus, daß nur, wer von der empirischen Gesetzlichkeit durchdrungen ist, das Bedürfnis nach Befreiung von ihr empfindet. Kausalität wird von Freiheit aufgefaßt, erkannt, gesetzt. Der Verbrecher erkennt die Kausalität nicht an, er will sie durchbrechen: er will z. B. von einem Buckel, einem Hinken plötzlich frei werden: sowenig erkennt er die Tatsache an (darum ist auch sein Wirklichkeitssinn gering). Ich glaube, Paulus sagt: "Eine böse und verbrecherische Art ist es, die nach Zeichen verlangt." Das ist vollkommen richtig. Das Wunder von außen erwartet nur der Verbrecher; der sittliche Mensch würde sich des Wunders von außen schämen; denn da wäre er ja passiv. Alle Bigotten sind Verbrecher.
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Der Transzendentialismus ist identisch mit dem Gedanken, daß es nur eine Seele gibt, und daß die Individuation Schein ist. Hier widerspricht der monadologische Charakter der kantischen Ethik schnurgerade der "Kritik der reinen Vernunft".
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Die Frage, ob es eine Seele gibt oder mehrere, darf nicht gestellt werden; weil die Verhältnisse der Noumena über den zahlenmäßigen Ausdruck erhaben sind.
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Ästhetisches und mathematisches Element (Proportionenlehre) in der
Gerechtigkeit.
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Spiritismus und Materialismus sind eines, und verschiedene Phasen, in die der
nämlich Mensch nacheinander tritt. Das Geistige verlöre seine ganze Dignität, wenn es sich materialisieren würde.
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Einen Menschen (Kant oder Fechner) vollständig verstehen, heißt ihn überwinden.
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Der Masochist wirkt auf die hysterische Frau (das Weib als Pflanze), der Sadist
auf die nicht hysterische (das Weib als Tier).
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Die Megäre ist nicht, wie ich glaubte ("Geschlecht und Charakter"), das Gegenteil der Hysterika, sondern das Gegenteil der Dame.
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Herr und Dame gehören zusammen, ebenso wie Pantoffelheld und Megäre.
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Das Bedürfnis, geliebt zu werden, wächst mit dem Gefühle des Verfolgtseins und ist diesem proportional.
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Wo der Mann stiehlt, ist das Weib nur neidisch.
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Doppelter Begriff des Wunders: Es gibt entweder ein Wunder, welches man
ersehnt (das die Erlösung bringen soll; Wunderbedürfnis als Erlösungsbedürfnis), oder viele Wunder, das sind Bestätigungen des Glaubens, Bestätigungen sozusagen der Gesetze des Himmelreiches, wenn auch nicht der Gesetze der mathematischen Physik.
Beide sollte man scheiden.
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Es kommt auch vor, daß einem jemand imponiert, weil er tief unter einem steht — wenn man ihn nicht versteht.
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Dreierlei konstituiert den Philosophen, drei Elemente müssen zusammenkommen,
um ihn zu erzeugen:
Ein Mystiker, (Gegenteil: Sadist) |
ein Wissenschaftler, (Gegenteil: Künstler) |
ein Systematiker (Gegenteil: Experimentator). |
Der Mystiker + Wissenschaftler |
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gibt erst einen Theologen, einen Dogmatiker irgend eines Glaubens. |
Der Mystiker + Systematiker |
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gibt den Theosophen, der bloß der individuellen Intuition folgt, ohne Streben nach Beweisen und Sicherung. |
Der Wissenschaftler + Systematiker |
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gibt den theoretischen Physiker, Biologen etc. |
Der Mystiker ist eindeutig zu bestimmen durch die Problematisation des
Absoluten und des Nichts. Am auffälligsten ist die Problematisation der Zeit.
Der Wissenschaftler ist bestimmt in "Wissenschaft und Kultur"; er ist der transzendentale Mensch (Kant als Nicht-mystiker), er sucht vollkommene
Anerkennung für alles, was er sagt, Widerlegung aller Gegenmöglichkeiten.
Der Systematiker ist das Gegenteil des Technikers und Experimentators; es
gibt in jeder Wissenschaft Theoretiker und Techniker. So sind in der Mathematik:
| Euler | Techniker | Reimann | Theoretiker |
| in der LinguistikPott | Techniker | Humboldt | Theoretiker |
in der Physik Faraday | Techniker | (Bopp)
Maxwell | Theoretiker |
beides in hohem Maße Helmholtz, Darwin u. a.
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Alter ist Tod, Jugend ist Leben. Je größer ein Mensch ist, desto weniger altert er, desto weniger wird sein Wille schwächer im Alter.
Es gibt aber außer Jesus Christus niemand, der nicht im Alter weniger gewollt hätte, als der Jugend. Das zeigt der musikalisch schwache Parsifal (der gedanklich eine frischere, kraftvollere Konzeption ist, als der musikalischen Ausführung nach; wenngleich seine Themen, Grab- und Blumenau-motiv, aber auch Abendmahl- und Parsifalmotiv in der Variation des III. Aktes, zu den größten gehören). Das zeigt vor allem Ibsen, dessen Wollen zwei Gipfelpunkte hat, einen höchsten, Peer Gynt, einen niedrigeren, Rosmersholm, sich sonst aber auf stetig absteigender Linie bewegt; das zeigt auch Beethoven, dessen Kunst ihre höchste Höhe in der Appassionata und besonders in der "Waldsteinsonate" (III. Satz, wo sie beinahe Gott nahe kommt)
erreicht, dann aber doch abfällt; die "Neunte" ist nicht Beethovens größtes Werk.
———————
Der Verbrecher sucht (als Sklave) oft einen sehr vollkommenen Menschen (und
ist hier als Richter ihrer Unvollkommenheit viel härter als ein guter Mensch), weil er so von außen (nicht durch innere Wandlung der Gesinnung) Glauben gewinnen möchte. Er gibt sich, wenn er einen solchen gefunden zu haben glaubt, bei ihm in die vollkommenste Sklaverei; und sucht in zudringlicher Weise Menschen, bei denen er als Sklave dienen könne. Auch will er als Sklave leben, um nie einsam zu sein.
Wenn dann ein dritter Mensch in den Kreis tritt, ist der Verbrecher ratlos;
denn bekanntlich kann man nicht zweier Herren Knecht zu gleicher Zeit sein, der
Verbrecher aber ist jedes Menschen (ob Freien, ob Unfreien) Knecht, mit dem er
zusammen ist.
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Problem der zwei Menschen,
Problem der drei Menschen.
Mit vieren beginnt die Mengenpsychologie.
Phänomene der "Einstellung". Man schreibt jedem Menschen anders, oft
selbst kalligraphisch verschieden.
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Je größer die Gnade, die ein Mensch von Gott empfängt, desto größer das Opfer, das er Gott dafür bringen wird. Bei Jesus war Gnade und Opfer am grüßten.
———————
Evidenz kann sich nur auf die letzten Denkgesetze beziehen. Diese sind
unmittelbar evident; diese Evidenz ist die Gnade.
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Wert: Macht = Licht: Feuer.
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Es gibt keine Grade der Wahrheit, keine Grade der Sittlichkeit.
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Die Erbsünde erfolgt fortwährend: Ewiges und Zeitliches sind nebeneinander da.
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Unterscheidung zwischen Genesis und Kodifikation des Aberglaubens. Kodex:
Bauernkalender. Genesis: Schuld.
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Der Unterschied zwischen Amoralischem (Weib) und Antimoralischem
(Verbrecher), wie ihre Verwandtschaft, liegen darin, daß Weib heruntergesetzt
werden will, während der böse Mann sich selbst heruntersetzt.
———————
Zur tiefsten Erkenntnis seiner selbst und seiner Bestimmung gelangt der Mensch
immer erst, wenn er sich untreu geworden ist, wenn er gegen seine Bestimmung
(Gott) gefehlt hat, durch Schuld. Darum ist vielleicht das Leben auf der Erde
notwendig, damit Gott sich selbst finde; denn Bewußtsein ist nur durch Gegensatz möglich.
Anmerkung
Ein der früheren Bearbeitung von "Geschlecht und Charakter" angehängter
Exkurs versuchte morphologische und parallele psychologische Analogieen zwischen
Mund-, Hals- und After-Genitalregion aufzudecken, und anknüpfend daran über die
Urform des Wirbeltiertypus etwas zu ermitteln.
Sie suchte das Gemeinsame von Mund und After, Zunge und Geschlechtsteil
aufzufinden und zu ermitteln, warum das Vorstrecken der Zunge ähnlich empfunden
wird, wie das Weisen auf den Hinteren; warum Essen vor anderen bei manchen
Naturvölkern als schamlos galt (wie noch heute die Sitte Essen auf der Straße
verpönt): welche Analogieen zwischen Genital- und phagischem Trieb bestehen;
warum der Zungenkuß der Ejakulation so nahe steht; warum die Schilddrüse (die
einen rudimentär gewordenen Ausführungsgang hat, der an der Zungenwurzel endet)
in so merkwürdigen Beziehungen zu den Keimdrüsen steht, warum die Stimme besonders sexuell erregend wirkt, und so stark sexuell differenziert ist.
Dem Menschen als dem Mikrokosmus wird die Bedeutung dieser Dinge, ihre
innere Verwandtheit mehr oder minder bewußt, darum schämt er sich des
Mundinneren. Wäre hingegen die Deszendenztheorie richtig, so müßten die Tiere, welche dem Balanoglossus (wo die Geschlechtsteile noch in der Kiemenregion liegen) noch näher stehen, mehr Scham empfinden als der Mensch.
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Es gibt ein Platzscheu, die Lichtscheu ist, und die der sich schuldig fühlende
Mensch hat, der vor Gott nicht besteht.
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Die Vogelstimmen sind das, was demselben Menschen seinen sicheren Fall in den
Untergang sagt ("Peer Gynt", 2. Akt).
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Dohlen, Raben, schwarze Vögel findet man nicht auf offenen lichten Plätzen.
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Wer sich an die Sonnenglut hingibt, ist selbst die Zypresse; es ist pflanzenhafte Passivität und "Glückseligkeit als Geschenk". (?)
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Aphoristic.
The highest expression of all morality is: Be!
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Treat man in such a way that in his whole individuality lies in each moment.
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Sleep and dreaming surely have something in common with one's existence before birth.
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Algebra is conceptual, arithmetic graphic.
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The present is the form of eternity; the judgment on actuality has the same form as the judgment over the everlasting. They hang together with the ethical life which changes everything present into eternity, in which the succinctness of knowledge assimilates the entire vastness of the world.
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What also always leads to determinism is the circumstances a struggle always forces onto one. In the isolated case, the decision may have wholly ethical effects, the man may make a decision by himself for the good; but the decision is not lasting, he must struggle on further. Freedom, one could say, only lasts for the moment.
And that accords with the meaning of a freedom. For what would a freedom be that I had caused through some good act of mine from some earlier time, spawning results for all time: This is precisely in what man has pride, that he can be free anew in every moment.
Thus, there is no future in the future as in the past; over this man has no power.
This is also why man never can understand: because he is himself a timeless act, an act, that he constantly enacts, and there is no moment where he doesn't enact this act, he must be like this, so that he might understand himself. [The Parsifal motif varies Act 3 (The holy spear, I bring it back to you].
Ethics expresses itself thus: behave with full consciousness, that is, behave so that in each moment you make yourself the whole, your whole individuality is brought to bear. Man experiences this individuality in the course of his life only in successive moments; that is why time is inethical and no living man is holy, complete. Man behaves one solitary time with the strongest will, so that all universality is connected in himself (and the Universe; because he is indeed the microcosm), thus he conquers time and becomes divine.
The most powerful musical motifs in the music world are those seeking to represent these ruptures of time within time, the rupture out of time, those where one such ictus occurs from one sound that reabsorbs and merges the rest of the melody (which is suggested as the whole of time; a solitary point, subsumed in the I). The end of the Grail-motif in "Parsifal", the Siegfried-motif are such melodies.
There is nevertheless an act, which the future reabsorbs in itself so to speak, perceiving in advance every future relapse into the immoral that already exists as guilt no less than every past relapse into the immoral, and which outgrows both: A timeless positing of character, rebirth. It is the act through which genius emerges.
An ethical commandment is: the whole individuality of a man should be visible in every action, and each action should be a complete overcoming of time, of unconsciousness, of the limitations of consciousness. However, a man typically does not do what he wills, but what he has willed. Through his resolutions he gives himself only ever a certain direction, until the next moment affects his consciousness. We do not will continually, we only will in time, sporadically. In this way, one saves oneself having to will oneself: the principle of economy of the will. But the highest man always perceives this as thoroughly immoral. Present and eternity are transformed: the timeless, universal, logical source takes the form of the present (logic is attained ethics): and so all eternity should also lie in every present instant. Also, we ought not determine ourselves from the inward; we should also avoid this last danger, this last deceptive semblance of autonomy.
Will! that is: Will yourself wholly!
The right thing in socialist is that every man seeks his own way, his own character, and should also aspire to find himself, and also should seek to attain his own proprietorship first; and here at the outset, he ought not get his possibilities from external sources.
A man may be proud of acquired riches and rightly look upon himself as upon an ethical symbol of inner work.
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Psychologism is the easiest concept in life, because for him there are absolutely no more problems. He passes sentence thereby in advance on all solutions, in which he thus poorly appreciates actual problems as embodiments of the concept of truth.
There is no coincidence. Coincidence would be a negation of causal conditions, which still require a foundation for the temporal meeting-together of two different causal series. Coincidence would negate the possibility of existence, it would mean man, who is first in meaning, overcomes evil recalled by his way. Coincidence would make telepathy impossible, that is yet a fact. It would cancel the interdependency of things, the oneness of the Universe. If there is coincidence, then there is no God.
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Love creates beauty
Belief creates existence
Hope creates happiness |
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but they all create life |
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Hate — hateful Pain is psychological
Distrust — no correlation to annihilation
Fear — pain (illness and death)
The creative urge is the psychological correlation of creation. Lust is accompanied by intense pain, because in it creation and destruction flow into one.
Pain: fear = existence: volition
Pleasure: love = existence: volition
Non-being of the criminal is thereby the greatest pain and in actuality
Meaning of hell.
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Hope — fear: psychology of the gambler. Each obsessed player suffers strongly of fear.
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Do plants experience pleasure and pain? Orchids? Sexual desire in copulation seems lacking in them! Hermaphroditism of plants!
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The limitedness of consciousness and of time are not different, but one and the same thing. The parallelogram of forces are opposed; these two different movements unite into one whole, and can be carried out simultaneously from the same body. Their alternation is mental, also the oscillation.
Now the inner life of a plant must be such that the limitation of consciousness is lacking. It corresponds with the fact that plants cannot move themselves and that they have no sense organs; for development of motility and sensibility are always parallel and belong to each other. The limitation of consciousness (time) is the form of movement of the mind.
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Work — creation | Pain — Creative urge.
That there is no theft with murder, thereby is Nietzsche obviously correct. There is no will to murder for money. But robbery has not the "suggestion of the mind lacking common sense" of the murderer, but rather the robber is tied to murder: robbery is totally death-dealing; the murdered would always retain reality so long as he possessed money: that is why he must be robbed. That is, be utterly slain.
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The most difficult of all the major resolvable problems is the relationship of the will to value, or, what is the same thing, man to God. Does the will create value or value the will? Does God create man or does man make God a reality? Does the will take hold of the good or good the will? This is the problem of grace, the highest and ultimate problem within dualism, while the original sin is the same as the problem of dualism.
It is, I believe, unravelled thus:
Value will itself become will if it functions in relation to time; for the I (God) as time is the will. Thus, it can really not be a discourse on the creation of the will or of value: here the problem lies in the realm of original sin. By contrast, the will becomes value (man becomes God) if it becomes wholly timeless; value is the borderline existence of the will, the will a borderline existence of worth. If God becomes time, then he wills, that is, as soon as existence is admitted to a relationship with non-existence. All will returns only to existence (says original sin), and is somewhere between non-existence and existence. It has nothing to say about creation. As the eye to the sun, so man relates to God. Neither the sun exists only because of the eye, nor the eye only because of the sun.
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Idiocy is the intellectual equivalent of animal brutishness.
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Epilepsy is complete helplessness, falling-sickness, because the criminal's plaything is gravity. The criminal does not come out. The feeling of the epileptic: like when light disappears and one completely loses all external points of support. Ear-noises with seizure: perhaps it comes when light disappears, to sound. The epileptic has vision of red colours: hell, fire.
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Because of our state before birth, perhaps no memory of it is possible, since we are so deeply foundered by birth: we have lost consciousness and need to be born wholly automatically without a conscious decision and without awareness, and that is why we know absolutely nothing of this past.
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Murder is a self-justification of the criminal; he seeks through it to know himself whom is nothing.
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One ought also not wish to determine oneself causally thus: I would now make myself good through an action and thus once — become good for all time and by nature act from goodness since I were unable to do anything else. For thereby one lacks the freedom, which can, in any moment, negate the past provided that the passive (Hering's) memory is opposed. One makes himself into an object by implementing causality thus; because a morality to which I am coerced is actually no longer moral.
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Must it be that the more sexual desire and carnal desire do not exist in the relationship of man to woman, the more profoundly ethical the children? The more criminal the son is, the more prostitute-like the daughter?
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One loves one's physical parents; indeed, therein lies evidence that one has chosen them.
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The state of human childhood is so much more pathetic than that of the newborn beast and the newly germinated plant, and for that reason alone must human babies be reared and educated, because here the soul can be lost; that is why human babies are so helpless and weak and (child mortality!) the danger of death so much nearer than the adults', and humans suffer childhood illnesses which beasts and plants do not know.
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Had man not lost himself in birth, he would not seek and recover himself.
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"The world is my conception" — that this is eternally true and cannot be contradicted, must have a rational ground. All these things that I observe are not the full truth, they always veil the highest existence from view. As I developed, I longed for this self-deceit and this semblance. As I wanted to discover this world, I thereby lacked the ability to desire the truth. All things are only semblances, that is, they only mirror my own subjectivity again.
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Just as man shows himself in all the tiniest and meaningless psychological impulses, so does God in man. Both seek to reveal and realise themselves in them.
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To the criminal it is pleasant if there are many criminals. Because he seeks accomplices, he has no need of the judge; he wants the judge to take good out of the world and make non-existence the sole reality. That is why he feels himself freed by contradiction and relieved if others are like this also, like him.
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The criminal is the polar opposite of the man who feels himself guilty. For this man takes his guilt from himself, while the criminal gives it to others: He revenges himself and punishes others for his own crimes: Thus is murder explained.
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The upstanding man enters even into death if he feels that he is ultimately guilty; the ordinary man must be forced to enter into death by a righteous judgment. To the upstanding man, the feeling of his immorality is like a judgment of death; he does not even acknowledge the space that he takes up, nor his entitlement to do so, but withdraws into himself, shrinks, crumples into a heap, would like to perish, shrivels up into a point. Morality, on the other hand, he acknowledges as his right for eternal life and the greatest space, that is, spacelessness or omnipresence.
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Guilt and punishment are not two, but only one.
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Every illness is guilt and punishment; all medicine must become psych-iatric, soul-care. It is somewhat immoral, that is, unconscious, that illness leads; and every illness is healed as soon as the sick person knows and understands himself inwardly.
The old notion is very deep, in which the sick and outcast ask, what laws have they broken, that God chastises them so.
Man is ashamed of his illness, woman never.
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Also we seek always to understand better the actual sense of the laws of logic, not only those of ethics, and always wish to learn to express them more correctly.
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Imagination and ornamentation,*
Imagination and art,
Imagination and play,
Imagination and love,
Imagination and creation,
Imagination and form,
Imagination and ornamentation.
* Perhaps this collection refers to the meaning of the cosmos? [Rappaport]
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The artist creates, the scientist destroys the sensory world; that is why the artist is erotic and sexual, the scientist asexual. Optics destroys light.
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Discontinuity in the course of time is the immoral in it.
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The relationship of finality to causality is not decided without resolution of the problem of time.
Origin — Work
Means — Goal |
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Time The subversion of time |
Who makes the means the goal and treats the effects as the ground leads time to: and the subversion of time is evil.
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Distrust of oneself is the requirement of all other distrusts.
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Judges are men with much evil. "Judge not, lest ye be judged!" Who sits in judgment on others seldom sees into himself. The judge has inwardly much of the henchman. He rages against himself that he is strictly against the others.
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Monarch as organ and monarch as symbol.
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If all love is a yearning to find oneself in others, and everything that is created is only created through love, then can the creation of man by God be nothing other than the desire of God to find himself in man? Thus the thought of God's childhood has some meaning. Manhood and its correlation — the world — is the love of God become visible. The ethical law is this will of God, to find himself in man: the willing of God as the ought of man (Fechner). And similarly, via theoretical reason (the norm of logic), God is the teacher of humanity (teaching as the other aspect of fatherhood).
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The murderer is spurned from his purpose by every life-sign of the man who shall become his victim, that is, he is refuted; that is why he mostly seeks the old woman, because she doesn't contradict the inner vision of her murder; for she is the most dead.
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The angel in man is the immortal in him; the devil in him is only that which perishes.
That a man becomes insane is only possible through his own guilt.
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A man can inwardly perish by nothing other than by deficiency in religion.
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Why do something and nothing strive always against each other? Why is man born, why does a man want a woman? The problem is love, as we see here, the problem of the world, the problem of life, the deepest, least resolvable, the urge of form to become matter, the urge of the timeless into time, the spaceless into space. This problem we generally treat as: the relationship of freedom to necessity. Dualism in the world is the ungraspable: the motive for original sin is the riddle, the essence and meaning and goal of the demise of timeless existence, of eternal life into non-existence, in the meaning of life, in earthly temporality; the case of guiltlessness in guilt. I may never realise why I began in original sin, how freedom could become unfree. And why?
Because I can understand a sin only if I do it no more. For that reason I can not grasp life, as long as I remain alive, and time remains a riddle since I have not yet overcome it. Only with death can I learn the sense of life. I remain in time and not beyond time, I am always placed in time, I always crave non-existence, I still always wish for material life; and because I remain in this sin, I can not grasp it. What I do know, I have already passed beyond. I cannot grasp my sinfulness because I am still sinful.
The criminal and the insane live discontinuously.
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Man lives up until he either enters into the Absolute or into nothing.
He himself decides his future life in freedom: he chooses God or nothing. He destroys or creates himself to eternal life. A two-fold progression is possible for him: that towards eternal life (to perfect wisdom and holiness, to a fully adequate idea of the idea of truth and goodness) and that towards eternal destruction. But he always proceeds directly for one of either of these directions: there is no third.
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Because time is unidirectional, we are less interested in the state before our birth. Our birth establishes something new, a new series begins.
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Science is asexual because it reabsorbs, the artist is sexual because he emanates.
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Dualism lies in the fact that we do not create the perceptions on which we think.
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The idealism of all philosophy: "the world is my representation", shows the reabsorption of the thing through the I of the philosopher most clearly. For the artist man is merely a part of the world, he brings himself closer to things and thus increases the degree of difference between man and nature.
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Because psychology creates the physical, man must die. Thus death finds its clarification: either man becomes really like the Absolute, entering into eternal life because he cannot exist in material form, bound in space and matter; he would, if there is a psychophysical parallelism, obtain a body with which to become the whole visible nature, he would be the soul of nature, the nature of his body, just like the tree under which the Buddha died, which suddenly began to glow on his death: for new life pervaded the whole of nature.
Or, the other possibility is for men that fall victim to nothing; he dissolves into purely atomic material: the absolute criminal. The causes for this mental disaggregation would strike the criminal in the course of his life. Hell is the fear of the good by the evil: for fire is the agent of aggrandising and pulverising what is formed. But there is no hell: the good create themselves, the evil destroy themselves, by themselves.
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Man emerges corporeally through father and mother; spiritually through the desire for something, the Absolute for nothing. The myth of Uranos and Gaia. Therefore, we are children of God and sons of the dust (matter) equally. Spiritually, man can also take after the father or mother: the father if he is God, the mother if is mentally destroyed. So man emerges through a higher kind of inheritance than the animal; he heads back to the father if he negates the original sin, he sinks himself down among the hiddenness of the womb if he affirms it.
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Is not epilepsy the solitude of the criminal? Does he not fall because he no longer has anything left to hold onto?
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To what extent a mental phenomenon is other than physical, one can know from the following. Suppose one noticed an immoral feeling to be associated always with a chosen bodily movement, with a chosen feeling in the heart, while a moral feeling were always bound with another gesture, another corporeal perception, and the kind and place of these physical epiphenomena were a science or else were known exactly and wholly by a single man, and were for him always knowable: thus would it be wholly and actually in the highest grade immoral if this man used these same perceptions as a yardstick on whether his mental experiences were moral or not.
Here lies the actual departure of the mental from the physical. The mental must be known directly, as the physical — that is a requirement of Ethics.. One owns still another yardstick and another organ of awareness and judgment for that which oneself does and thinks and feels, as for the outer phenomena. And that is why mere self-observation can deliver true results: philosophy and art are nothing other than various ways of a deepened self-observation.
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Only from one self can man fathom the depth of the Universe: in him lies the nexus of the Universe.
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That we have no memory of life before birth emulates at least an argument against original sin and the fall from the true existence, that instead cannot really be anything else, than thus, and a memory of a forelife must literally emulate a contradiction against thoughts of original sin. For this memory includes time; but the time is there first with birth, with the original sin. That there is problem, illness, that is, guilt, this is original sin. Being and non-being ought not be thought in a temporal relation but only near each other.
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Murder is committed by the criminal out of the most terrible despair: for him it is the means to fill up the greatest inner emptiness; since the criminal wants nothing any more, he acts no longer; he sees that his life has no purpose, and that is why he wants to make something. That is why it is all the same to him whom he murders; the purpose of murder is never directed towards a chosen individual, otherwise the lust for murder would indeed stand as a rather shallow psychological disposition; he wants only to murder, to negate absolutely.
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Habituation (usage)
Reproduction |
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Reproduction of guilt, Function of time |
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All guilt seeks to propagate itself: thereby must all qualities of the lower lives allow themselves to be explained.
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Vegetarians have as much injustice as their opposites. Whomever wishes not to contribute to the death of living beings is permitted only to drink milk; for whomever eats vegetables or eggs is still always killing germs. For that reason, milk is perhaps the most healthy nourishment because it is the most ethical.
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Man cannot even tolerate looking at the sun — so weak and immature is he.
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Birth is a cowardice: connection with other people, because one has not the courage to be oneself. That is why one seeks protection in the mother's body.
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The criminal also has no steady gait (the oblique gait of the dog), not only no steady gaze (see M. Rappaport). He also always stoops (all degrees up to an actual stoop: the hunchback, the cripple, always seem evil).
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Zola is the absolutely humourless man.
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Haze of the sun with its setting.
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Disgust is to fright what desire is to worth.
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Fixed stars signify the angel in man. For this reason man orients himself by them; and that is why women possess no understanding of the starry heavens; for they lack the understanding of the angel in man.
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Whether Nature also has history? Whether for natural processes as a whole (including the inorganic), time is directional? To that extent would a truth be an evolutionary lesson (Palaeontology). Whether a thunderstorm's evolution creates the weather (somewhat corresponding to human history and symbolic of it?)?
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The remarkable thing about time is that, despite eternal change, everything remains the same ("everything has already happened before," "nothing new under the sun"). Long-lasting = rules = causality. Newness = freedom. The overcoming of time leads to the concept of "eternal youth" (Wagner). Nature is eternally young. For here nothing really changes and yet everything is always new. Men who don't conquer time, like the Jews, always feel blasé and bored, because in time everything is the same; Siegfried, by contrast, is "eternally young".
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The present is as spaceless as timeless; and the goal of men allows itself to be determined as presence rather than omnipresence (one understands omnipresence best as freedom in space, instead of the reabsorption of the past and future, of understanding everything unknown in the known present). The boundedness of consciousness should include everything: Only then is man "eternally young" and complete.
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Pleasure is still more general in definition than the feeling of creation. It is unique in definition only as the feeling of life, as becoming aware of existence; pain as the feeling of some kind of death (that is why illness is painful.)
There is here much to remark on by contrast with eudaemonism, that the goal of striving ought not be exchanged with the feeling attained at the goal (that I know from experience). If I strive for a higher life, then I strive for something which is accompanied by higher pleasure, but not pleasure itself. Evenso man longs for woman, the woman for man, and not directly for pleasure.
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All words which relate to life to a specific extent have "L":
Life, love, lust, voluptuous, laughter, lightness, low, lisp, light, luxury, libet (lubet, Latin), volo (I will = βοúλοµαι), Spring, lose, lax, replenitude, loose, large, flux, flute, lily, lynx, slack, slippery, sleek, glide, guile, γλυχúς, µελι, lotus, alleviate, λαµπω, lux, lumen, λúχνος, lick, lappet (soft cloth), lamb, glue, because λ is the most frictionless consonant and most strongly opposes friction of the whole and the specific (Rappaport).
It can be freely cited here:
Load, leather, learn, lameness, letum, to long, left.
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The essential characteristic of all mankind: the search for Reality. Where Reality is sought and found forms the basis of all differences between men.
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What man experiences are particular elevated parts of an unending temporal, spatial, material, colourful, aural multiplicity. Thus, at first two things are possible: He seeks reality as a whole, in the totality of the all and in its endless cohesion; or else, for him every single, pin-pointed element of the whole world become reality. Both are actually the same world, identical in quantity, and wholly alike in infinitude; but one is only ever the part which is part and only as real as his immersion within the whole. The other spans the whole world, yet every single element remains as real for him, and he seeks in the all the part of the greatest reality.
Applied to the religious (since both types can be pious): The latter can be the sun itself or a historical figure, or the Madonna herself, becoming Goodness in and for itself. In the other, God would always be a single thing only insofar as it is symbolic of the whole, and more so as things unified in him.
Applied to the sexual: to one, the individual woman is real; he is the sadist: the sadist has an effect on woman, because for him she is the greatest conceivable reality (cf. Geschlect und Charakter, 1st ed. pp. 397-401); to the masochist, however, the individual woman is never real, he always seeks something else in himself than woman. For that reason he does not have an effect on woman.
The sadist lives discontinuously in separate moments of time, he never understands himself: Each instant has its own reality for him; for that reason he is easily decided, whilst the masochist always works from the All. The masochist never comes to the stage of asking himself: "How have I been able to do that? I do not understand myself!" To the sadist, this is the usual attitude to his past, that nevertheless thereby does not lose its definite reality for him. The sadist has the finest perceptivity and the best memory for all uniqueness in moments; his meanings are perpetually shaped, because all uniqueness has reality for him. The masochist suffers under long pauses, which he cannot fill with any reality.
Among that which is unreal to him, the masochist actually suffers as if under a sentence. That is why he feels himself constrained before woman; the sadist never is. He is passive towards woman, as toward every feeling that he first, through association, which leads finally to conceptualisation, can give a reality. The sadist never associates: he tears open the mouth of the feeling, ready and willing to throw himself wholly into it, to be absorbed totally in a feeling.
The masochist can therefore never love an image, a statue: here is there all too little reality (activity) for him. But the sadist very much so; he is also thoroughly gallant, and gallantry is primarily a taste for statues; [after seeing a statue,] one subsequently gets a taste for it, or one smashes it because it allows no more reality to be sucked out of it.
The very concept of God is incomprehensible to the sadist; in art he is a man of feeling, constantly piling up everything on a man, on a moment, on a situation, even with inaccuracy. He can narrate; the masochist never can (let alone tell jokes), since for him nothing isolated is sufficiently real that he could be deeply absorbed therein. To the masochist, the name Napoleon is an origin from which he removes himself, so as to think, and thinking to realise himself: for the sadist the whole world lies in one such a name.
Thus the masochist is helplessly weak in regards the world of feeling: the sadist is strong in it. The masochist investigates a phenomenon to contend against change: he alone understands the concept of the Absolute (God, the idea, the meaning ). The sadist does not ask for the meaning of things: "Carpe diem!" is the commandment of his I; change appears real to him; what occurs to him at the time is not that but rather the duration ("aere perennius").
The rhythm which every isolated tone, every isolated syllable precisely marks, is sadistic; harmony is masochistic, as, also, is the truly melodious song (in which tones do not emerge isolated as such).
The mystic (whether he is now a theosophist like Böhme, or a rationalist like Kant) is identical with the masochist;* the amystical man is the sadist. Masochists are northerners (also Jews); sadists southerners. In Germans and Greeks are both found; there masochism prevails. Venetian epigrams, Hermann and Dorothea (?) are sadistic; Iphigenie, Tasso, Werther, Faust (the greater part: an exception modelled the Gretchen episode in parts) are masochistic.
The author of the Odyssey was a sadist; only Circe is naturally a masochistic ideal (that is, the ideal of masochists, that does not challenge their masochism, except in wanting the passivity toward the isolated thing to remain.) Aeschylus, Richard Wagner, Dante, but above all Beethoven and Schumann, are masochists; Verdi (even Mascagni, also Bizet) is more a sadist, even all the anacreontic poets and the French of the 17- and 1800's, as far as Titian, Paolo Veronese, Rubens, Rafael. Shakespeare had much of the sadistic, but is still more masochist toward the woman, without however, the harsh separation of sexuality and love that Goethe, Dante, Ibsen, Richard Wagner have. The completest masochism is in the first act of "Tristan and Isolde"; less so in the Tannhäuser, Rienze, Hollander.)
* Philosophers with sadistic (amystical) traits are Descartes, Hume, Aristippus. [Rappaport]
[Harmony corresponds to geometry, rhythm to arithmetic (addition to time units?): this for the elucidation of the earlier remark.]
Criminals that commit isolated strongly criminal acts are sadists; criminals on a large scale, that really commit no isolated, unconnected crimes, are masochists; Napoleon was a masochist, not a sadist as is so flippantly believed; the evidence being his relationship to Josephine and his fascination with Werther, and his relationship to astronomy and to God. An isolated female never possessed an actual existence for him.
The sadist can, incidentally, be a thoroughly upstanding and good man.
The lust for murder is perhaps a means for the sadist, when the reality of a single woman is too great. (??) It might not be perhaps, an act of revenge, as Zola has it.
The English are altogether masochists, and perhaps that is why their women are often so stunted in womanliness.
In Napoleon's words to his soldiers: "From on high the pyramids of forty centuries contemplate you", is expressed something metaphysical, of which a truer Frenchman and sadist would never be capable.
To the masochist similarity occurs first, to the sadist, difference.
Calendars are to the masochist, as clocks to children, the greatest riddle, because time is always the core problem.
Masochists can never pass easily something earlier ignored, as the sadist always does, because the new moment promises more reality than the old.
The masochist senses everything as destiny; the sadist loves to play destiny. For the masochist, the idea of destiny always lies particularly in actual pain; pain has just as much reality for him, as a part of this concept. Thus, the sadist is the destiny of woman; woman the destiny of the masochist. "Woman" is sadistic (who is active in the sense of woman); "Wife" masochistic.
The relationship of the sadist to the masochist is the relationship of the present to eternity. The present is the only thing over which man has power; whoever feels free in himself will use it, like the sadist; whoever feels pain in himself, because the present is unreal in himself, yearns to call up eternity. Thus, both are characterised by ethical striving: the one wants all eternity in the present, the other to transform the entire present into eternity.
The same happens for space. The sadist believes in, hopes for, happiness on earth: he is the man of the "Tuskulum", the "Sans-Souci";* the masochists needs heaven.
* Without worries.
The sadist resents regret and regards it as a weakness (Carpe diem!); the masochist is permeated by its sublimity (Carlyle).
The self-murderer is almost always sadistic; for he wants and can deal only with getting out of the present; the masochist had first to consider everything given at present, as to whether he might be permitted to kill himself.
The sadist desires people (against their wills, their constant disposition) to obtain (momentary) happiness or pain: he is thankful or revengeful.
In gratitude and vengeance constantly lies ruthlessness, absence of consideration for one's (timeless) neighbours; both are, like all amorality, border-crossing, that is, functional links with one's neighbours.
Mental modesty, or continuity, which does not easily allow a single incident to be dismissed from the I, is masochistic (cf. "Sex and Character", 1st edition, page 436).
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Modern healthcare and therapy is immoral, and therefore, inconsequential: one seeks to realise from externals to the inner, instead of from the inner to externals. It corresponds to the tattooing of the criminal: he changes his appearance from outwards, instead of making a transformation in the mind. He thus actually denies his appearance, and for this reason does not look at himself in the mirror, because he hates himself (the intelligible essence), and has no requirement to love himself. The criminal is delighted if another takes offence at him (for he absolutely gets pleasure in each connection with others, every influence on them, every disquietude of a person).
Every illness has a psychological origin; and each must be healed by oneself, through one's will: one must desire to understand oneself inwardly. Every illness* is only the manifested unconscious mind, "driven into the body"; so, as this is brought to the surface of the mind, the illness is healed.
* Not only hysteria. [Rappaport]
The criminal generally does not become sick; his original sin is something else. I'll try to give the sense of it, and it goes somewhat like this: the criminal plummets in the moment of sin from heaven to earth, turning his back to God, and well-aware of the position which he now takes. The other, sick man (neurasthenic, insane), also falls, but with sight and countenance lifted imploringly to God, and therefore, without knowledge and attention of where he has come to lie. If the latter has the danger of the plants, then the former has that of the beast, and it seems to match well: the plants grow upright away from amidst the soil directly to heaven; the glance of the beast is directed to the earth. (Plants can never be deemed antimoral symbols, as so many animals can.)
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Everyman can regard himself simply as a quality; but through comparison to others can quantitative considerations be reached. Number and time.
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A good musician is he whose melodies have, above all, long breath.
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History and society: people who congregate in one place always develop a community against new entrants.
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Thankfulness and vengefulness are one and the same: to both belong a perception of the single moment as the real: the sadist is as thankful as vindictive, the masochist is not.
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When a woman, surprised in an undressed state, cries out, it is often only to give to understand that she fears she is not fit to be seen.
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Disharmony is a tragic element in music. Truly the greatest artworks of the world (Tristan and Isolde) have this tragic glare and are more than beautiful.
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The good writer of aphorisms must be able to hate.
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Many a one will not believe in a God, which he himself prescribes to most others.
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Nothing is so often confused as wilfulness and energy — by the wilful.
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The mathematician is the opposite of the psychologist: he is the simple man, simple as space.
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If man were not free, he would not be able to understand causality at all, or make any concept for it. Insight into lawfulness is already freedom from it and the need for the (inner) miracle, the need for redemption goes hand in hand with the strongest feeling for the causal chain in the empirical. Windelband (Geschichte der neueren Philosophie, Vol. 1, 2nd ed., p. 346), finds it remarkable that "the man who explained the knowledge of causal relations to be in all aspects uncertain, or at most probable, treated it through a brilliant succession of studies in the psychology of the will.
A deeper insight into this apparent contradiction is a necessity. Mach and Avenarious also are such strong determinists, that the question of the freedom of will seems hardly to exist for them, and yet both are deniers of causality. This can be explained by the fact that only those saturated by empirical order, feel the need for freedom from it. Causality is understood, known, positioned by freedom. The criminal knows nothing of causality, he wants to break through it: he wants, for example, to become suddenly free of a hunchbank, of a limp; so little does he know of the facts (hence, also, his small sense of reality). I believe Paul says, "It is an evil and criminal character that longs for signs." That is perfectly true. Only the criminal anticipates external miracles; the moral man would be ashamed of external miracles, for then would he be passive. All bigots are criminals.
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Transcendentalism is identical with the thought that there is only one soul, and that individuation is appearance. Here the monadological character of the Kantian Ethics contradicts point-blank the "Critique of Pure Reason".
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The question whether there is one or more souls, ought not to be postulated; since noumenal conditions are superior to numerical expressions.
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Aesthetics and the mathematical element (theory of proportions) in justice.
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Spirituality and materialism are one, and separate phases which the same man walks in sequence. The holy loses its whole dignity if it materialises.
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To understand a man (Kant or Fechner) completely, is to conquer him.
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The masochist opens up the hysterical woman (female as plant), the sadist the non-hysterical (female as beast).
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The Megæra is not as I believed ("Sex and Character") the opposite of the hysteric, but the opposite of the gentlewoman.
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Lord and Lady belong together as much as the harassed husband and Megæra.
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The need to be loved, grows with the feeling of being persecuted and in proportion to it.
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Where man steals, woman only desires.
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Twofold concept of miracle: There is either one miracle, for which one thirsts (that which a saviour must bring; the need for miracle as the need for salvation), or many miracles, which are confirmations of belief, confirmations of the heavenly realm, so-to-speak, if not also confirmations of mathematical physics.
One should distinguish them both.
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It also happens that one is impressed by someone when he stands far below one, because one does not understand him.
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In three ways in the philosopher constituted, three elements that must come together to produce him:
A mystic, (Opposite: sadist) |
a scientist, (Opposite: artist) |
a systematician (Opposite: experimenter). |
The mystic + scientist |
 |
issues only a theologian, a dogmatist of some belief system. |
The mystic + systematician |
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makes a theosopher, who follows merely individual intuitions, without aspiration for proof or certainty. |
The scientist + systematician |
 |
makes the theoretical physicist, biologist etc. |
The mystic is unambiguously determined through the problematisation of the absolute and of nothingness. Most striking is the problematisation of time.
The scientist is defined in "Science and Culture"; he is the transcendant man (Kant as non-mystic), he seeks complete recognition for everything he says, and refutation of all opposing possibilities.
The systematician is the opposite of the technician and experimenter; in each science, theoretician and technician exist. Thus in mathematics:
| Euler | Technician | Reimann | Theoretician |
| in linguisticsPott | Technician | Humboldt | Theoretician |
in Physics Faraday | Technician | (Bopp)
Maxwell | Theoretician |
both in high measure: Helmholtz, Darwin et al.
———————
Age is death, youth is life. The greater a man is, the less he ages, the less his will weakens in age.
But there is no one apart from Jesus Christ, that had not wished for less in old age than in youth. That is shown by the musically weak Parsifal (intellectually a fresher, stronger conception than the musical execution; even if its themes, grave and flower-motiv, also the communion- and Parsifal-motiv in the variation of Act III, are of the greatest musicality). It is shown above all by Ibsen, whose wil had two points of climax, the highest in Peer Gynt, a lower in Rosmerholm, but who otherwise went steadily into decline; it is shown also by Beethoven, whose works reached their highest heights in the "Appassionata" and especially in the "Waldstein" sonata (3rd movt., where it comes nigh unto God), yet then falls away; the "Ninth" is not Beethoven's greatest work.
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The criminal (as slave) often seeks a fully perfect man (who as judge of others' imperfection is much harsher than a good man), because he wishes to gain in such fashion, beliefs from beyond himself (not through an inner transformation of basic convictions). If he believes he has found such a man, he completely enslaves himself to him; and searches pushily those he can serve as a slave. He wants to live as a slave, so as never to be alone.
If then a third man enters the circle, the criminal is all at sea; since clearly one cannot be a servant to two masters at the same time, the criminal is servant to any man, whether free or unfree, with whomever he happens to be at the time.
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Problem of two men,
Problem of three men.
With four, mob psychology begins.
Phenomenon of "personality". One writes to each person differently, often even in distinct handwriting.
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The greater the grace that a man receives from God, the greater the sacrifice he would thereby bring to God. In Jesus were grace and sacrifice the greatest.
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Evidence can only refer to the ultimate laws of reason. This is immediately evident; this evidence is grace.
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Worth: Power = Light: Fire.
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There are no degrees of truth, no degrees of certainty.
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Original sin takes place uninterruptedly: Eternal and Temporal sit alongside each other there.
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Distinction between Genesis and codification of superstition. Codex: farmer's calender. Genesis: guilt.
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The distinction between amoral (female) and anti-moral (criminal), like their relationship, lies in that female wants to be denigrated, while the evil man wants to denigrate himself.
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It is always so that the deepest knowledge of himself and his destiny, man achieves only when he has been untrue to himself, when he has erred against his conscience (God) in guilt. This explains perhaps why life on earth is necessary, so that God can find himself; since consciousness is only possible through opposition.
Nota bene
One of the earlier revisions' appended excursi of "Sex and Character" sought to reveal morphological and parallel psychological analogies between mouth, throat, and the anal-genital region; and established thereby, to ascertain somewhat of the original form of the essential type of animal.
It sought to find and ascertain the common aspect of mouth and anus, tongue and sexual part, why the stretching-out of the tongue is felt to be similar to displaying the tail*; why eating publicly was considered shameless among some primitive peoples (as today the custom of eating on the street): which analogies exist between genital and oral instincts; why tongue-kissing is so similar to ejaculation; why the thyroid gland (that has a rudimentary excretory duct ending near the root of the tongue) stands in such a remarkable relationship to the gonads, why the voice specifically creates sexual arousal, and why such strong sexual differences therein exist.
To man, as the microcosmos, is the meaning of these things, their inner relationships, more or less known, hence he is ashamed of the inner-mouth. However, were the theory of evolution true, then the beasts, to which the Balanoglossus stands closest (in which the sexual parts lie in the region of the gills) must feel more shame than men.
* Penis.
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There is a dread of space, that is dread of light, and had by he whom feels himself guilty, that stands not before God.
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Birdsongs are what tell the selfsame man of his certain fall into perdition ("Peer Gynt", Act 2).
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Jackdaws, ravens, black birds one does not find in open, clear places.
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Whomever indulges in sunbathing, is himself a cypress; it is vegetative passivity and "happiness as gift". (?)
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LETZTE APHORISMEN
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ULTIMATE APHORISMS
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Krankheit und Einsamkeit sind verwandt. Bei der geringsten Krankheit fühlt sich der Mensch noch einsamer als vorher.
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Alles, was sich spiegelt, ist eitel; das ist denn auch die Sünde alles Lichts. Das Licht kann darum nicht einmal Symbol der Gnade (geschweige der Ethik) sein. Die Sterne sind symbolisch für Menschen, die alles außer der Eitelkeit überwunden haben. Das Gute hat kein Symbol als das Schöne: die ganze Natur.
Ihrer sind viele; denn das Problem der Eitelkeit ist das Problem der Individualität. Die Individualität hat Kant, der äußerst eitel war, erkenntnistheoretisch überwunden
durch den Tranzendentalismus; ethisch nicht; denn er hat das "intelligible Ich" nicht überwunden (die Eitelkeit verbindet ihn mit Rousseau).
Das "intelligible Ich" ist aber nur Eitelkeit, d.h. Knüpfung des Wertes an die Person, Setzung des Realen als nicht real; es ist zugleich identisch mit dem Zeitproblem: denn das Zeitliche ist eitel.
Es gibt kein Ich, es gibt keine Seele*; von höchster, vollkommener Realität ist allein das Gute, welches alle Einzelinhalte in sich schließt.
Die Individualität entsteht aus der Eitelkeit; weil wir Zuschauer brauchen und gesehen werden wollen. Der Eitle interessiert sich auch für andere Menschen und ist ein Menschenkenner. Weil auch das Böse in allen Menschen eines ist ("Ein Unglück kommt selten allein"), darum sieht der Mensch nach mir, den ich fixiere; er
will nämlich von mir gesehen sein. Meine Neugier ist seine Schamlosigkeit.
* Damit ist nichts von dem zurückgezogen, was über das Ich und die Seele (als dem Ausdruck des Intelligiblen in der empirischen Welt) gesagt wurde; es ist heir bloß eine Aussage über die ontologische Realität gemacht. [Rappaport]
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Es hat einen ethischen Grund, daß der Mensch eine Waffe (sei's auch die Hand) braucht, um sich zu töten. Er hat sich das Erdenleben nicht gegeben, nur Gott kann es ihm nehmen; doch der Selbstmörder ist des Teufels.
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Dem Teufel nämlich ist seine Macht, ist Alles nur geliehen; er weiß das (darum schätzt er Gott als seinen Geldgeber; darum rächt er sich an Gott; alles Böse ist Vernichtung des Gläubigers; der Verbrecher will Gott töten) und weiß es nicht oder anders (darum ist er am jüngsten Tag der Gefoppte); und daß er dies weiß und doch nicht weiß, das ist zugleich seine Lüge.
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Der Teufel nämlich ist der Mensch, der alles hat und doch nicht gut ist; während Allheit nur aus Güte fließen soll, und nur durch Güte ist. Der Teufel kennt den ganzen Himmel, und will Gott als Mittel zum Zwecke benützen (er ist darum vor allem Frömmler); und ist natürlich in gleichem Grade der als Mittel Benützte.
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Der Herr des Hundes ist derjenige Mensch, der gar nichts Hündisches in sich hat; ihn sucht der Hund; der Herr des Hundes hält sich einen Hund, sowie das Böse in Gott ist: er hält es im Bewußtsein.
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Der Hund hat alle Tierformen (Schlange, Löwe etc.); er selbst aber ist der Sklave.
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Der Wirbel ist die Eitelkeit des Wassers; und sein Kreis-Egoismus.
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Die Gefahr des Flusses ist die Versumpfung. Dort sind die Mücken und das Fieber.
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Die Malaria ist ein Sinnbild innerer Versumpfung; der Malaria-Kranke sucht
Lichter anzuzünden, indem er sich berauscht. (Der Wein funkelt.)
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Auch die individuelle Unsterblichkeit ist noch Eitelkeit oder Ruhm-Egoismus.
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Der Sumpf ist eine falsche Allheit des Flusses, und sein Scheinsieg über sich selbst. Er entsteht durch Vermischung des Wassers mit Erde (das Männliche geht durch die Poren des Weiblichen).
Der See ist eine Station des Flusses; seine beschauliche Stunde. Auch er ist eine falsche Allheit.
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Der Greis ist eine falsche Ewigkeit: das Alter. Das Gute (und Schöne-Wahre) ist ewig-jung. Das war es auch, worum Wagner als seiner eigenen Unvollkommenheit wußte; er war Wotan. Der Siegfried und Parsifal ist noch nicht erschienen. Der vollkommen gute Mensch (Jesus) muß jung sterben.
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Die Sterne lachen nicht mehr; sie haben zur Lust keine Beziehung mehr; nur mehr zur Seligkeit und Freude. Aber sie glitzern, sie sind eitel. Sie können darum fallen. Die Sünde der Sonne ist Lust-Schmerz, statt Wert-Unwert: sie lacht (aber sie sticht,
glüht, brennt, blendet, raucht wie ein Feuer).
Der Sündenfall ist die Individualität und sein Symbol die Sternschnuppe.
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Die Lava ist der Dreck der Erde.
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Als die Sonne sich verdunkelte, ging es Christus schlecht; da sprach er: "Gott, warum hast du mich verlassen?"
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Das Tiefe im "Baumeister Solneß" ist die Einheit des Übels durch Raum und Zeit. Der böse Wunsch bei mir entspricht einem Übel (und einer Furcht) wo anders. Der den Mörder fürchtet, setzt ihn; wer morden will, setzt den, der den Mörder fürchtet.
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Im Augenblick, da das Fliegenartige (Jüdische?) in mir unbewußt wird, d.h. ich fliegenartige "Züge" habe, ich hierin unfrei bin, wird es zur Erscheinung der Fliege, der gegenüber als einer Empfindung ich unfrei bin: im selben Augenblicke aber ist der Raum da. So zeigt ich das Problem der Externalisation, der Projektion, des Raumes als die andere Seite des Problems der Tierpsychologie, der Natursymbolik.
Der Verbrecher halluziniert die giftige Mücke und stirbt an falscher Furcht durch Herzschlag. Es ist die Mücke in ihm selbst, die gesiegt hat.
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Der Neurastheniker (das ist der Mensch mit Furcht vor dem äußeren Tode) wird von derselben Mücke gestochen, die sein Leben lang sein Unglück und seine Furcht gebildet hat, im selben Augenblicke, wo er ihr Realität gibt, indem er sagt: jetzt
kommt es.
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Krankheit ist ein Spezialfall von Neurasthenie. Krankheit ist Neurasthenie im Körper.
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Den Übergang von Neurasthenie zur Krankheit muß Hautkrankheit bilden.
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Die Schuld des Neurasthenikers ist nämlich der Raum; die Schuld des Verbrechers ist die (weitere) Zeit. Darum wird dem Verbrecher immer die Zeit, dem Neurastheniker stets der Raum Problem.
Der Raum entsteht mit dem Körper. Hier wird Ausdruck Selbstzweck (Nietzsche). Die Schuld des Neurasthenikers ist sein Körper: er haßt ihn. Seine Schuld ist der Stil.
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Lust ist körperlich, Freude psychisch. Des Neurasthenikers Sünde ist es, erst durch Leid gut werden zu wollen.
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Das Innere des Körpers ist sehr verbrecherisch.
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Neurasthenie = Raum* = Externalisation = Duplizität = Irrsinn = mangelhafte Logik (Logik ist räumlich eher als zeitlich) = Unfreiwerden durch äußere Empfindung = Setzen des Nicht-Realen als real.
Verbrechen = Zeit = Lüge (aus Feigheit) = gegen Gott gerichtet = Setzen des Realen als nicht-real.
* Dasselbe, was sich psychologisch als Neurasthenie und Verbrechen kundgibt, äußert sich transzendent als Raum und Zeit. [Rappaport]
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Kurzichtigkeit = Blödsinn? = Fisch?
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Der Raum ist das ganze nach außen zerstückelte Ich.
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Alle Tiere sind Symbole verbrecherischer, alle Pflanzen Symbole neurasthenischer Phänomene in der Psyche.
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Der gleichförmig beschleunigte Fall ist die Tendenz der Schuld, sich fortwährend zu vermehren (Gewohnheit).
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Die Gefahr des Inders ist die Dummheit; gegen diese hat sich Buddha inkarniert.
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Jesus gegen das Jüdische (das ethische Korrelat dessen, was Dummheit
intellektuell ist), und deswegen die "Armen im Geiste" geliebt; und so ist das Lamm ein christliches Symbol geworden.
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Jüdisch ist um so viel ärger als dumm, als Ethik über der Logik steht.
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Der Jude ist gar nicht dumm und darum der Züchtiger des Dummen, der sich vor ihm fürchtet (der deutsche "Michel"; Wagner als Antisemit wie Christus; Indo-Germanen).
Dem Philosophen imponiert der Künstler, weil im großen Kunstwerk der Zufall ohne Erkenntnis des Naturgesetzes ausgeschaltet ist.
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Der Teufel rächt sich an Gott dafür, daß er von ihm geschaffen ist.
Er ist der Mensch, der sich seiner Existenz und seines Einflusses behaglich freut, ohne zu glauben, daß dieser Einfluß nur dem Guten dient.
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Das Judentum ist das Böseste überhaupt.
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Der Verbrecher ist impotent wie der Heilige; er ist nur psychisch sexuell, er kuppelt. Der Neurastheniker ist stets stark potent, weil sein Böses körperlich, räumlich ist.
Der vollkommene Verbrecher ist in weiterem Sinne böse als der neurastheniker und wird schließlich auch krank.
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Die Pflanze ist der Neurastheniker; sie zittert (der Verbrecher schlottert und klappert mit den Zähnen). Sie ist ohne Trennung durch Zellwände; d.h. hier ist Einheit, aber keine Allheit; keine Bewegung (d.h. räumliche Bestimmtheit, Haften am Ort, Sünde des Raumes), keine Sinnesorgane.
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Tiere und Pflanzen sind Unbewußtes im Menschen.
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Der Mensch begegnet dem ihm unbewußt gewordenen, als unfreier, in den
Empfindungen wieder. Es gibt keinen Zufall; nur Gerechtigkeit.
Die Schlange im Eisenbahnwaggon, wohin sie sich begeben hat, ist die nach
außen gerichtete Lüge (gespaltene Zunge, Häutung, Strabismus divergens), vor welcher der Eingestiegene Furcht hat; sie nähert sich ihm um so mehr, je eher er vor der Lüge kapitulieren will: seine Feigheit zieht sie nach sich.
Der Verbrecher erdenkt die Schlange und fürchtet sich vor ihr; aber er stirbt nie durch sie; ihm geschieht nie etwas von außen, sondern nur von innen: an dem Herzschlag durch die halluzinierte Schlange.
So setzt auch der Verbrecher das Weib als Gedanke (er will den Koitus); aber es existiert nicht für ihn. Er findet nie das Weib, das er sucht; weil er nur die Idee des Weibes schafft. Er kann die absolute Dirne (ein altes Weib) sexuell begehren und kann die Madonna lieben (wenn er rein werden will); aber er findet die Madonna nur, wenn er gut ist; in diesem Augenblick schafft er die Madonna.
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Der Athlet hat Kraft als Selbstzweck ohne ethisches Ziel. Der Athlet muß an sich selbst zugrunde gehen, wie das Walhall-Motiv an sich selbst stirbt.
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Die Schlange ist stolz: sie lügt nur nach außen, nicht nach innen.
Der Hund ist gar nicht stolz.
Die Schlange trifft sicher; in ihr ist die Kraft der Erkenntnis am größten.
Die alte Jungfer ist das Nichts das aus dem Weibe wird, dem der Mann, der sie schafft, aus ethischen Gründen nicht wieder begegnet. Sie geht ganz zugrunde.
Der Mond ist der Traum; der Nachtwandler ist der unfrei gewordene Träumer.
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Epilepsie tritt nach Verschlucken alles Bösen, nach letztem Verzicht auf Selbstbeobachtung auf.
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Jeder Sieg des Guten in einem Menschen hilft von selbst dem anderen.
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Die Schuld des Juden muß Lächeln über Güte sein, wie die Schuld des Dummen Lächeln über Weisheit.
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Dem vollkommenen Verbrecher muß der Selbstmord mißlingen, weil er ins Leben will, um sich zu rächen, um zu schaden.
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Psycholog = Verbrecher
Naturforscher = Neurastheniker.
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Michel Angelos Schuld war Pessimismus (Verfolgungswahn).
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Das Mitleid muß einsichtig innere Trauer (mit Anerkennung der Gerechtigkeit) werden und darf nicht Wille zur Lust bleiben. Denn erst dann liebt man die Menschen wirklich.
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Der Dumme lächelt verschmitzt über die Frage, der Jude über die Schuld. Beide nehmen nichts ernst.
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Der Kniff des Juden ist es, neben Gott zu stehen.
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Epilepsie tritt ein, wenn der Mensch sich sagt: es ist überhaupt nichts real. Er verliert sodann den letzten Halt auch in der Empirie.
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Katze ist Schmeichlerin (Leisetreterin), eine andere Form des Sklavenhaften, eine, die den Herrn preist.
Hundswut ist Rache des Hundes am Herrn, Beschuldigung des Herrn, daß es so und nicht anders ist.
Gott ist, was der Mensch nie sein kann: Vater und Sohn zugleich. Der Sohn ist Selbsthasser und Richter über sich selbst, über die Welt.
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Verbrechen (Mord) heißt: dem anderen (Gott) Schuld geben wollen.
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Der Hund, die Schlange etc. suchen die anderen zu widerlegen, um sich zu
rechtfertigen (Bellen, Zischen).
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Der Vogel hat die falsche Leichtigkeit; er fliegt, weil er Röhren inden Knochen hat.
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Telepathie ist Apperzeption.
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Der Verbrecher überwindet die Furcht durch den Haß, statt durch die Liebe.
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Auch um Christi Geburt muß es viele bedeutende Männer gegeben haben, die aber nicht "auserwählt" wurden, und deren Andenken zugrunde gegangen ist.
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Hat die Parthenogenisis etwas mit der lesbischen Liebe zu tun? Amazonen.
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Hypochondrie ist abgelenkter Selbsthaß und Verfolgungswahn.
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Michel Angelos Werke sind im Zugrundegehen, weil er den Pessimismus nie
überwunden hat.
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Jüdisch ist es, anderem (dem Christentum) die Schuld zu geben; (gar keine Demut)! Schuldabwälzung heißt Judentum. Der Teufel ist der Mensch, der dem
Gläubigen (Gott) die Schuld gibt.
Insofern ist das Judentum das radikal Böse.
Der Dumme ist der, der über die Frage überlegen lächelt, der kein Problem anerkennt: Parsifalsage.
Der Jude übernimmt gar keine Schuld: "Was kann ich dafür?" "Nebbich". Der Christ übernimmt alle.
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Das Symbol des Jüdischen ist die Fliege. Dafür spricht vielerlei: Zucker, Massenhaftigkeit, Summen, Zudringlichkeit, überall-Sein, scheinbare Treue der Augen.
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Der Jude belädt sich also mit gar keiner Schuld (und also auch mit keinem Problem); darum ist er unproduktiv. Seine Schuld ist es, die Zeit nicht einmal zu setzen (Eintags-Fliege, Zeitung, Journalist; viele Zeitungen heißen "Mücken": Fieramona in Florenz, La Mouche), den Endzweck und den Weltprozeß nicht zu wollen, weder Gut noch Böse zu wollen. Er widersetzt sich dem Willen Gottes, der auch das Böse will.
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Illness and aloneness are related. With the least illness man feels himself still more alone than before.
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Everything mirrored is vain; for this also is the sin of all light. For this reason, light can not even be the symbol of mercy (let alone ethics). The stars are symbolic of men who have conquered all except for vanity. Goodness has no symbol other than the beautiful: the whole of nature.
They are many, for the problem of vanity is the problem of individuality. Kant, who was extremely vain, conquered individuality epistemologically through transcendentalism, but not ethically; for he had not conquered the "intelligible I" (vanity connected him to Rousseau).
The "intelligible I" is, however, only vanity, i.e., linking worth to the person, positing the real as not real; it is actually identical with the problem of time: because the temporal is vain.
There is no I, there is no soul*; the Good is alone the highest, perfect reality, which encloses all individuality in itself.
Individuality comes into existence out of vanity; for we need viewers and want to be seen. The vain person interests himself also in other men and is knowledgeable about men. Since evil is also the same in all men ("The unhappy are seldom alone"), a man looks at me because I fix my gaze on him; he actually wants to be seen by me. My inquisitiveness is his shamelessness.
* In this, nothing on the I and the soul (as the expression of the intelligible in the empirical world) is contradicted; this only makes a statement on ontological reality. [Rappaport]
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It has an ethical reason that man needs a weapon (be it merely a hand) to kill himself. He had not given himself life in the world, God only can take it from him; but suicide belongs to the devil.
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To the devil is everything, is his power specifically, only loaned; he knows this (this is why he counts God as his gold-giver; and he consequently revenges himself on God; everything evil is a destruction of the believer; the criminal wants to kill God) and yet he knows it not, or knows nothing else (hence he is the duped one on the Last Day); and the fact he knows yet doesn't know this, is equally his lie.
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The devil is in particular the man that has everything and yet is not good; whereas Oneness should only flow out of Goodness, and only through Good exists. The devil knows the whole of heaven, and wants to use God as a means to his goals (he is therefore above all a sanctimonious hypocrite); and naturally in the same degree he is used as an agent.
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The master of the dog is the one who has truly nothing dog-like in him; the dog seeks him; the master of the hounds keeps the dog much like God does evil: he keeps it in in mind.
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The dog has all animal forms (serpent, lion, etc.); but is itself the slave.
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The whirlpool is the vanity of the water; and its circle-egoism.
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The danger of the river is stagnation. There are mosquitoes and fever.
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Malaria is a symbol of inner stagnation; the malaria-sick seeks to strike lights, since it is befuddled. (The wine sparkles).
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Individual immortality is also still vanity or attention-egoism.
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The swamp is a false unity of the the river, and its pseudo-victory over itself. It emerges through a mixing of water with earth (the masculine comes through the pores of the feminine).
A lake is a station of the river; its contemplative hour. Even it is a false unity.
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The old man is a false eternity: old age. Goodness (and Fair-Truth) is ever-young. That was also why Wagner knew of his own imperfection; he was Wotan. Siegfried and Parsifal is not yet apparent. The perfectly good man (Jesus) must die young.
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The stars no longer laugh; no longer have they any relationship to pleasure. But they glitter, they are vain. They can fall for this reason. The sin of the sun is its pleasure-pain, instead of worth-unworth: it laughs (but it stings, glows, burns, blinds, smokes like a fire).
The Fall of Man is individuality and its symbol the dying star.
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Lava is the vomit of the earth.
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Just as the sun was obscured, Christ became wretched; he spoke thus: "God, why have you abandoned me?"
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The profundity of "Baumeister Solneß" is the unity of evil through space and time. The vicious wish in me correlates to an evil (and a fear) somewhere else. He who fears the murderer, creates him; whoever wills murder, creates him who fears murder.
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In an instant when the insect-type (Jewish?) exists unconsciously in me, i.e., I have insect-type "traits", therein am I unfree; the insect makes an appearance, in opposition to which, I as sensation am unfree: but in the same moment there is Space. Thus, I demonstrate the problem of externalisation, of projection, of space, as the other side of the problem of animal psychology, of nature symbolism.
The criminal hallucinates of the poisonous mosquito and dies of a false fear through heart failure. It is the mosquito in himself, that has won.
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The neurasthenic (the man who fears death of the outer) is stung by the same mosquito, which his unhappiness and his anxiety had created throughout his entire life, in the very moment he gives it reality, whilst saying: now it comes.
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Sickness is a kind of perdition from neurasthenia. Sickness is the neurasthenia of the body.
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The transition from neurasthenia to illness must create a skin disease.
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The iniquity of the neurasthenic is precisely space; the iniquity of the criminal is (more) time. That is why the criminal always has the problem of time, the neurasthenic always the problem of space.
Space forms with the body. Here is the expression of end-in-itself (Nietzsche). The iniquity of the neurasthenic is his body: he hates it. His iniquity is style.
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Pleasure is bodily, joy psychological. The neurasthenic's sin is to wish to become good only through suffering.
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The interior of the body is very criminal.
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Neurasthenia = Space* = externalisation = duplicity = insanity = faulty logic (logic is spatial rather than temporal) = becoming unfree through external perception = setting of the Not-real as real.
Crime = Time = Lie (from cowardice) = turned against God = setting the Real as not-real.
* The same thing that shows itself as psychological to the neurasthenic and to the criminal, indicates itself transcendantly as space and time. [Rappaport].
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Shortsightedness = idiocy? = fish?
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Space is the I externally shattered to pieces.
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All animals are symbols of criminal, all plants symbols of neurasthenic phenomena in the psyche.
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The uniformly increasing decay is the tendency of iniquity, that continuously burgeons (familiarity).
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The danger of the Indian is stupidity; against this the Buddha incarnated himself.
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Jesus against Jewishness (the ethical correlate of which is what stupidity is to the intellectual), and hence loved the "poor in spirit" and thus the lamb has become a Christly symbol.
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Jewishness is much worse than simply stupid, since ethics stands above logic.
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The Jew is really not stupid and is hence the chastiser of the stupid, who fear him (the German "Michael*"; Wagner as antisemite like Christ; Indo-German).
The artist is in awe of the philosopher, because in the greatest artwork, chance is neutralised without knowledge of the law of nature.
* These days, "deutsche Michel" has been degraded to mean a rustic German buffoon, but originally used in the 1600s to nickname Johann Michael Elias von Obentraut and men like him, known for patriotic zeal and military skill: plain, honest, skillful but somewhat stupid.
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The devil takes revenge on God, for being created by Him.
He is the man who comfortably enjoys his existence and his influence, without believing that such influence only serves the good.
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Judaism is absolutely the most evil.
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The criminal is impotent like the holy man; he is only psychologically sexual, he pimps. The neurasthenic is instead strongly potent, because his evil is bodily, spatial.
The complete criminal is in a wider sense more evil than the neurasthenic and will also become ill.
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The plant is neurasthenic; it trembles (the criminal shivers and his teeth clatter). It is without separation through cell walls; i.e., here unity, but not totality; no movement (i.e., spatial consistency, adherence to the place, sin of space), no sense organs.
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Animals and plants are the unconscious in man.
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Man experiences the unconscious in him, as unfree, again in sensation. There is no chance; only righteousness.
The serpent in the railway carriage, in which it is begotten, is the outwardly extended lie (forked tongue, moulting skin, Strabismus divergens*), that he who is boarding fears; the closer it approaches him, the sooner he will capitulate to the lie: it draws his cowardice with it.
* Also known as "wall eye", where an eye is permanently angled outwards.
The criminal imagines the serpent and fears it; but he dies not through it; nothing ever happens to him from outside, but only from internally: the heart attack through the hallucinated serpent.
So the criminal also invents the woman by thought (he wishes coitus); but she does not exist for him. He never finds the woman he seeks; because he creates only the idea of woman. He can sexually experience the absolute harlot (an old woman) and he can love the Madonna (if he wishes to become pure); but he finds the Madonna only if he is good; in this moment he creates the Madonna.
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The athlete has strength as end-in-itself without an ethical goal. The athlete must perish of himself, just as the Valhalla-motif of itself dies.
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The snake is proud: it lies only outwardly, not inwardly.
The dog is not proud at all.
The snake strikes confidently; the strength of knowledge is greatest in it.
The old spinster is the nothingness that comes from Woman, whom the man who creates her never again meets, for ethical reasons. She is utterly destroyed.
The moon is the dream; the somnabulist is the dreamer become unfree.
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Epilepsy appears after the swallowing of all evil, after the final abandoning of self-attentiveness.
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Every victory of the Good in one man helps others of itself.
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The wrong-doing of the Jew must be to smile about goodness, just as the wrong-doing of the foolish is to smile over wisdom.
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The complete criminal must miscarry suicide, because he wants life, so as to revenge himself, so as to harm.
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Psychology = criminal
Science = neurasthenic
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Michel Angelo's wrong-doing was pessimism (persecutional delusions).
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Compassion must become intelligent inner grief (with acknowledgement of justice) and ought not remain the intention to comfort. Because one then one truly loves mankind.
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The fool smiles evasively about questions, the Jew about wrong-doing. Neither take anything seriously.
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The dodge of the Jew is to stand beside God.
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Epilepsy appears when the man says to himself: there is absolutely nothing real. He thus loses the last hold even in the empirical.
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Cat is she-flatterer (sneaky little miss), another form of the slavish, one that the master praises.
Rabies is the revenge of the dog on the master, the accusation of the master, that it is so and is none else.
God is what man can never be: Father and Son alike. The son is self-hater and judge of himself, of the world.
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To do wrong (murder) is: to want to place blame on the other (God).
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The dog, the snake etc., seek to discredit others, to vindicate themselves (barking, hissing).
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The bird has false lightness; he flies, because he has hollow bones.
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Telepathy is non-perception.
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The criminal overcomes fear through hate, instead of through love.
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Even at the time of Christ's birth there must have been many significant men who yet were not "selected", and remembrance of whom has perished.
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Has parthenogenesis something to do with lesbian love? Amazons.
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Hypochondria is diverted self-hatred and persecutional delusion.
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Michel Angelo's works are in ruins, because he never overcame pessimism.
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Jewish is that which places the blame on the other (Christianity); (no humility whatsoever)! Shifting the blame onto someone else's shoulders is called Judaism. The devil is the man that makes the faithful (God) the wrong.
To that extent is Judaism the radical evil.
The fool is he who smiles archly over questions, who acknowledges no problem: the Parsifal saga.
The Jew accepts no blame: "What can I do about it?" "Nebbich".* Christ accepts all.
* Judeo-German term meaning "pity" or "regret".
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The symbol of the Jew is the insect. Multifarious things speak of this: sugar, amassing, sums, importunity, being-everywhere, the eye looks sincere.
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Thus the Jew ladens himself with no actual blame (and thus also with no problem); this is why he is unproductive. His wrong-doing is in never once grounding time (one-day insect, daily news, journalist; many newspapers called "flies": Fieramona in Florence, La Mouche), in never willing the final goal and the world process, neither willing good nor evil. He sets himself against the will of God, whom also wills the evil.
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