HOME     Library     CONTENTS: Thus Spake Zarathustra, by Friedrich Nietzsche
Prologue   Part 1   Part 2   Part 3   Part 4       

 

Erster Theil


Zarathustra's Vorrede


1.

First Part


Zarathustra's Prologue


1.

Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. When Zarathustra was thirty years old, he left his home and the lake of his home and went into the mountains.
Hier genoss er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahr nicht müde.Here he enjoyed his spirit and his solitude and for ten years he did not tire of it.
Endlich aber verwandelte sich sein Herz, — und eines Morgens stand er mit der Morgenröte auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also: But at last his heart was transformed, — and one morning he rose with the dawn, approached the sun and spoke to it thus:

"Du grosses Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht Die hättest, welchen du leuchtest!
You great star! What would your happiness be, if you didn't have those for whom you shine!
Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und meine Schlange.
Ten years you came up here to my hollow: you would have become tired of your light and journey without me, my eagle, and my serpent.
Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Überfluss ab und segneten dich dafür.
But we awaited you every morning, took from you your Overflow and blessed you for it.
Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des Honigs zu viel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken.
Look! I am satiated by my wisdom, like the bee, that has gathered too much honey, I need hands that are stretched out to take it.
Ich möchte verschenken und austheilen, bis die Weisen unter den Menschen wieder einmal ihrer Thorheit und die Armen einmal ihres Reichthums froh geworden sind.
I would like to give away and distribute, till the wise among men in their ignorance and the paupers in their richness become glad once more.
Dazu muss ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends thust, wenn du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches Gestirn!
Thereto I must descend into the deep: as you do in the evening, when behind the sea you go and bring light to the underworld, you overrich star!
Ich muss, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will.
I must, like you, sink down, as say the men to whom I will descend.
So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein allzugrosses Glück sehen kann!
So bless me then, you tranquil eye, that can see without envy even an overlarge prosperity!
Segne den Becher, welche überfliessen will, dass das Wasser golden aus ihm fliesse und überallhin den Abglanz deiner Wonne trage!
Bless the chalice, which wills to overflow, that the water may flow golden from him and drag over all the resplendence of your bliss!
Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will wieder Mensch werden."
Behold! This chalice wills again to be empty, and Zarathustra wills again to be man."
— Also begann Zarathustra's Untergang. — Thus began Zarathustra's downfall.

 

2.

2.

Zarathustra stieg allein das Gebirge abwärts und Niemand begegnete ihm. Als er aber in die Wälder kam, stand auf einmal ein Greis vor ihm, der seine heilige Hütte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu suchen. Und also sprach der Greis zu Zarathustra: Zarathustra went down alone from the mountain, and encountered no one. But as he entered the forest, an old man stood before him who had left his holy hut to seek root vegetables in the forest. And thus spoke the old man to Zarathustra:
Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchen Jahre gieng er her vorbei. Zarathustra hiess er; aber er hat sich verwandelt. Damals trugst du deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die Thäler tragen? Fürchtest du nicht des Brandstifters Strafen?
No stranger is this wanderer to me: some years ago he passed by here. He is called Zarathustra; but he has changed. Then you carried your ashes to the mountains: will you carry your fire today into the valleys? Aren't you afraid of the punishment for arsonists?
Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde birgt sich kein Ekel. Geht er nicht daher wie ein Tänzer?
Yes, I know Zarathustra. Pure is his eye, and there is no disgust lingering at his mouth. Does he not move like a dancer?
Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter ist Zarathustra: was willst du nun bei den Schlafenden?
Changed is Zarathustra, to the child Zarathustra has gone, an enlightened one is Zarathustra: only what would you do with the sleeping?
Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit, und das Meer trug dich. Wehe, du willst an's Land steigen? Wehe, du willst deinen Leib wieder selber schleppen?
You lived in solitude as in the ocean, and the ocean carried you. Woe, you want to climb onto the land? Ah no, you want to drag your body yourself, again?
Zarathustra antwortete: "Ich liebe die Menschen." Zarathustra answered: "I love mankind."
"Warum," sagte der Heilige, "gieng ich doch in den Wald und die Einöde? War es nicht, weil ich die Menschen allzu sehr liebte? "Why," said the holy man, "did I go into the forest and the desert? Was it not because I loved mankind far too much?
Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Der Mensch ist mir eine zu unvollkommene Sache. Liebe zum Menschen würde mich umbringen."
Now I love God: mankind I don't love. Man is to me a thing too defective. Love to men would cause me to suicide."
Zarathustra antwortete: "Was sprach ich von Liebe! Ich bringe den Menschen ein Geschenk."Zarathustra answered: "What spoke I of love! I bring mankind a gift."
"Gieb ihnen Nichts," sagte der Heilige. "Nimm ihnen lieber Etwas ab und trage es mit ihnen — das wird ihnen am wohlsten thun: wenn er dir nur wohlthut!"Give them nothing," said the holy man. "Take what they love and carry it with them — that would do them best: if it suits you!
Und willst du ihnen geben, so gieb nicht mehr, als ein Almosen, und lass sie noch darum betteln!"
If you want to give to them, then give not more than charity, and let them still beg for them!"
"Nein," antwortete Zarathustra, "ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich nicht arm genug.""No," answered Zarathustra. "I give no charity. I am not poor enough to do that."
Der Heilige lachte über Zarathustra und sprach also: "So sieh zu, dass sie deine Schätze annehmen! Sie sind mißtrauisch gegen die Einsiedler und glauben nicht, dass wir kommen, um zu schenken.The holy man laughed at Zarathustra and spoke thus: "Then see to it, that they take your beloved treasures! They are distrustful of the solitary and believe not that we come to give.
Unse Schritte klingen ihnen zu einsam durch die Gassen. Und wie wenn sie Nachts in ihren Betten einen Mann gehen hören, lange bevor die Sonne aufsteht, so fragen sie sich wohl: wohin will der Dieb?
Our step sounds too lonely through the streets, for their liking. And if, at night in their beds, they hear a man going along before the sun rises, they ask themselves: from where comes the thief?
Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Gehe lieber noch zu den Thieren! Warum willst du nicht sein, wie ich, — ein Bär unter Bären, ein Vogel unter Vögeln?"
Go not to mankind, and remain in the forest! Go rather to the beasts! Why don't you want to be like me — a bear among bears, a bird among birds?"
"Und was macht der Heilige im Walde?" fragte Zarathustra."And what does the holy one do in the forest?" asked Zarathustra.
Der Heilige antwortete: "Ich mache Lieder und singe sie, und wenn ich Lieder mache, lache, weine und brumme ich: also lobe ich Gott.The holy man answered: "I make songs and sing them, and when I make songs, I laugh and cry and growl: thus I love God.
Mit Singen, Weinen, Lachen und Brummen lobe ich den Gott, der mein Gott ist. Doch was bringst du uns zum Geschenke?"
With songs, crying, laughing and growling I love God, who is my God. Yet what do you bring us, as a gift?"
Als Zarathustra diese Worte gehört hatte, grüßte er den Heiligen und sprach: "Was hätte ich euch zu geben! Aber lasst mich schnell davon, dass ich euch Nichts nehme!" — Und so trennten sie sich von einander, der Greis und der Mann, lachend, gleichwie zwei Knaben lachen.As Zarathustra heard these words, he farewelled the holy man and said: "What had I to give you! But let me leave quickly, so I don't take anything from you!" And so departed they from each other, the old one and the man, laughing, like two boys laughing.
Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen: "Sollte es denn möglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch Nichts davon gehört, dass Gott todt ist!" — But when Zarathustra was alone, he spoke thus to his heart: "Should it then be possible! This old holy man in his forest has not heard, that God is dead!" —

 

3.

3.

Als Zarathustra in die Nächste Stadt kam, die an den Wäldern liegt, fand er daselbst viel Volk versammelt auf dem Markte: denn es war verheissen worden, das man einen Seiltänzer sehen solle. Und Zarathustra sprach also zum Volke: When Zarathustra came to the city lying nearest the forest, he found many people gathered in the market place: it was announced that one could see a rope-dancer there. And Zarathustra spoke thus to the people:
Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?
I teach you the Super-Man. Man is something to be conquered. What have you done to conquer him?

Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.

What is the Ape to Mankind? A joke or a painful embarrassment. And, even so is Man to the Super-Man: a joke or a painful embarrassment.
Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe.
You have made the way from worm to mankind, and much in you is still worm. Once were you apes, and also Man is now more ape, than any ape.
Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt und Zwitter von Pflanze und von Gespenst. Aber heisse ich euch zu Gespenstern oder Pflanzen werden?
Whomever is the wisest of you is still only a discord and mongrel of plant and ghost. But do I call you to become ghosts or plants?
Seht, ich lehre euch den Uebermenschen!
Look, I teach you the Super-Mankind!
Der Uebermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Uebermensch sei der Sinn der Erde!
The Super-Man is the sense of the Earth. May your will say: the Super-Man is the sense of the Earth!
Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.
I implore you, my brothers, remain true to the earth and believe not those who talk about supernatural hopes! Poisoners are they, whether they know it or not.
Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren!
Contemptuous of life are they, dying and poisoned themselves, of whom the Earth is tired: would that they'd leave already!
Einst war der Frevel an Gott der größte Frevel, aber Gott starb, und damit auch diese Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das Furchtbarste und die Eingeweide des Unerforschlichen höher zu achten, als der Sinn der Erde!
Once the greatest offence was the one against God, but God died, and so did the wicked. Now the most fearful misdeed is against the Earth, and to esteem the intestines of the Incomprehensible higher than the meaning of the Earth!
Einst blickte die Seele verächtlich auf den Leib: und damals war diese Verachtung das Höchste: — sie wollte ihn mager, gräßlich, verhungert. So dachte sie ihm und der Erde zu entschlüpfen.
Once the soul glanced contemptuously on the body: and thence was this contempt the highest: — it wished it meagre, monstrous, starved. Thus it thought of the body and wished to glide out of the Earth.
Oh diese Seele war selbst noch mager, grässlich und verhungert: und Grausamkeit war die Wollust dieser Seele!
Oh this soul itself was meagre, monstrous and starving: and dreadful was the cruelty of this soul!
Aber auch ihr noch, meine Brüder, sprecht mir: was kündet euer Leib von eurer Seele? Ist eure Seele nicht Armuth und Schmutz und ein erbärmliches Behagen?
But you also, my brothers, speak to me: what does your body tell you about your soul? Is your soul not poor and smutty and a puny joy?
Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man muss schon ein Meer sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu können, ohne unrein zu werden.
Verily, a smut-contaminated stream is Man. One must truly be a sea, to be able to absorb a polluted stream, without becoming impure.
Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist diess Meer, in ihm kann eure grosse Verachtung untergehn.
Look, I teach you the Super-Man: he is that sea, in him can your great contempt be conquered.
Was ist das Größte, das ihr erleben könnt? Das ist die Stunde der grossen Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Glück zum Ekel wird und ebenso eure Vernunft und eure Tugend.
What is the greatest you can experience? The hour of the greatest contempt. The hour in which even your happiness becomes loathsome, and similarly your knowing and your virtue.
Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meinem Glücke! Es ist Armuth und Schmutz, und ein erbärmliches Behagen. Aber mein Glück sollte das Dasein selber rechtfertigen!"
The hour, where you say: "What matters my happiness! It is poor and corrupt, and a paltry joy. But my happiness should justify Being itself!"
Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meiner Vernunft! Begehrt sie nach Wissen wie der Löwe nach seiner Nahrung? Sie ist Armuth und Schmutz und ein erbärmliches Behagen!"
The hour, where you say: "What matters my knowing! Does it yearn for wisdom like the lion for its nourishment? It is miserly and polluted and a wretched complacency!"
Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meiner Tugend! Noch hat sie mich nicht rasen gemacht. Wie müde bin ich meines Guten und meines Bösen! Alles das ist Armuth und Schmutz und ein erbärmliches Behagen!"
The hour, where you say: "What matters my virtue! It hasn't yet made me rave. How tired I am of my good and my evil! All is poverty and contamination and a wretched complacency!"
Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meiner Gerechtigkeit! Ich sehe nicht, dass ich Gluth und Kohle wäre. Aber der Gerechte ist Gluth und Kohle!"
The hour, where you say: "What matters my rightness! I see not that I am fire and coals. But rightness is fire and coals!"
Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meinem Mitleiden! Ist nicht Mitleid das Kreuz, an das Der genagelt wird, der die Menschen liebt? Aber mein Mitleiden ist keine Kreuzigung."
The hour, where you say: "What matters my sympathy! Isn't sympathy the cross, to he is nailed who loves Mankind? But my sympathy is no crucifixion!"
Spracht ihr schon so? Schriet ihr schon so? Ach, dass ich euch schon so schreien gehört hatte!
Have you spoken like that? Have you ever cried out so? Ah, that I had heard you crying thus!
Nicht eure Sünde — eure Genügsamkeit schreit gen Himmel, euer Geiz selbst in eurer Sünde schreit gen Himmel!
Not your wickedness — but your mediocrity cries to heaven, your dullness itself, in imagining bad deeds, cries to heaven!
Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müsstet?
Ugh, where is the lightning to lick you with its tongue? Where is the insanity which would clean you?
Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, der ist dieser Wahnsinn! —
Look, I teach you the Super-Man: he is this lightning, he is this insanity!
Als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie Einer aus dem Volke: "Wir hörten nun genug von dem Seiltänzer; nun lasst uns ihn auch sehen!" Und alles Volk lachte über Zarathustra. Der Seiltänzer aber, welcher glaubte, dass das Wort ihm gälte, machte sich an sein Werk. When Zarathustra had spoken thus, one of the people cried out: "We've heard now enough of the Rope-dancer; now let us see him!" And all the people laughed over Zarathustra. The Rope-dancer, who believed the words applied to him, made himself ready for his work.

 

4.

4.

Zarathustra aber sahe das Volk an und wunderte sich. Dann sprach er also: But Zarathustra looked at the people and wondered. Then he spoke thus:
Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, — ein Seil über einem Abgrunde.
Man is a rope, tied between beast and Super-man, — a rope over an abyss.
Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben.
A dangerous traverse, a dangerous overpass, a dangerous rear-glance, a dangerous shuddering and stalling.
Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.
What is greatest in a man is that he is a bridge and not an end: what can be loved in a man is that he is an over-going and a down-going.
Ich liebe Die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden.
I love those who do not understand life other than down-going, because they are over-goers.
Ich liebe die grossen Verachtenden, weil sie die grossen Verehrenden sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer.
I love the great scorners, because they are the great reverers and arrows of yearning for the other brink.
Ich liebe Die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen, unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern, dass die Erde einst der Übermenschen werde.
I love those who don't seek first beyond the stars for grounds for down-going and for being an offering: they offer themselves to the Earth, that the Earth may be of the Super-Men.
Ich liebe Den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen will, damit einst der Übermensch lebe. Und so will er seinen Untergang.
I love him who lives to know, and wants to know so that the Super-Man may live. And thus he wills his downfall.
Ich liebe Den, welcher arbeitet und erfindet, dass er dem Übermenschen das Haus baü und zu ihm Erde, Thier und Pflanze vorbereite: denn so will er seinen Untergang.
I love him that works and discovers, so that he may build a house for the Super-Man and for him prepares Earth, Beasts and Plants: because thus he wills his downfall.
Ich liebe Den, welcher seine Tugend liebt: denn Tugend ist Wille zum Untergang und ein Pfeil der Sehnsucht.
I love him who loves his virtue: because virtue is Will to Downfall and an arrow of yearning.
Ich liebe Den, welcher nicht einen Tropfen Geist für sich zurückbehält, sondern ganz der Geist seiner Tugend sein will: so schreitet er als Geist über die Brücke.
I love him who retains not a droplet of spirit for himself, but wants wholly and only to be the spirit of his virtue: thus he steps as spirit over the bridge.
Ich liebe Den, welcher aus seiner Tugend seinen Hang und sein Verhängniss macht: so will er um seiner Tugend willen noch leben und nicht mehr leben.
I love him who makes his inclination and his fatality from his virtue: thus he wills from his virtue whether to live on or not.
Ich liebe Den, welcher nicht zu viele Tugenden haben will. Eine Tugend ist mehr Tugend, als zwei, weil sie mehr Knoten ist, an den sich das Verhängniss hängt.
I love him who wills not too many virtues. One virtue is more virtue than two, because it is more of a knot to which fatality clings.
Ich liebe Den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben will und nicht zurückgiebt: denn er schenkt immer und will sich nicht bewahren.
I love him whose soul squanders itself, that will have no thanks and returns nothing: because he gives continuously more and will not conserve himself.
Ich liebe Den, welcher sich schämt, wenn der Würfel zu seinem Glücke fällt und der dann fragt: bin ich denn ein falscher Spieler? — denn er will zu Grunde gehen.
I love him who is ashamed of himself if the dice fall for his happiness and then asks: am I then a false player? — because he wills to sink down.
Ich liebe Den, welcher goldne Worte seinen Thaten voraus wirft und immer noch mehr hült, als er verspricht: denn er will seinen Untergang.
I love him who strews golden words afore his deedsa and continuously delivers still more than he promised: because he wills his downfall.
Ich liebe Den, welcher die Zukünftigen rechtfertigt und die Vergangenen erlöst: denn er will an den Gegenwärtigen zu Grunde gehen.
I love him who exculpates future men and redeems past men: because he wills to sink down by men of the present.
Ich liebe Den, welcher seinen Gott züchtigt, weil er seinen Gott liebt: denn er muss am Zorne seines Gottes zu Grunde gehen.
I love him who corrects his God because he loves his God: then he must sink down by his God's rage.
Ich liebe Den, dessen Seele tief ist auch in der Verwundung, und der an einem kleinen Erlebnisse zu Grunde gehen kann: so geht er gerne über die Brücke.
I love him whose soul is deep also in the wounding, and who can sink down even by a small experience: thus he goes in joy over the bridge.
Ich liebe Den, dessen Seele übervoll ist, so dass er sich selber vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle Dinge sein Untergang.
I love him whose soul is so overfull he forgets himself and all things are in him: so all things become his downfall.
Ich liebe Den, der freien Geistes und freien Herzes ist: so ist sein Kopf nur das Eingeweide seines Herzens, sein Herz aber treibt ihn zum Untergang.
I love him who is a free intellect and free heart: thus his head is only the intestines of his heart, but his heart pushes him to downfall.
Ich liebe alle Die, welche schwere Tropfen sind, einzeln fallend aus der dunklen Wolke, die über den Menschen hängt: sie verkündigen, dass der Blitz kommt, und gehn als Verkündiger zu Grunde.
I love all those who are heavy droplets, each one falling from the dark cloud that hangs over Mankind: they announce the coming lightning, and sink down as proclaimers.
Seht, ich bin ein Verkündiger des Blitzes und ein schwerer Tropfen aus der Wolke: dieser Blitz aber heisst Übermensch. —
See, I am a proclaimer of lightning and a heavy droplet from the cloud: but this lightning is called Super-Man. —

 

5.

5.

Als Zarathustra diese Worte gesprochen hatte, sahe er wieder das Volk an und schwieg. "Da stehen sie", sprach er zu seinem Herzen, "da lachen sie: sie verstehen mich nicht, ich bin nicht der Mund für diese Ohren.When Zarathustra had spoken these words, he looked again at the people and was silent. "There they stand", he spoke to his heart, "there they laugh: they don't understand me, I am not the mouth for these ears.
Muss man ihnen erst die Ohren zerschlagen, dass sie lernen, mit den Augen hören. Muss man rasseln gleich Pauken und Bußpredigern? Oder glauben sie nur dem Stammelnden?One must first destroy their ears, that they learn to hear with their eyes. Must one rumble like timpani and preachers of atonement? Or do they only believe stammerers?
Sie haben etwas, worauf sie stolz sind. Wie nennen sie es doch, was sie stolz macht? Bildung nennen sie's, es zeichnet sie aus vor den Ziegenhirten.They have something that makes them arrogant. What is it called, that thing that makes them arrogant? Culture is it called, it marks them off from the goatherds.
Drum hören sie ungern von sich das Wort 'Verachtung'. So will ich denn zu ihrem Stolze reden.That's why they hear the word 'Scorn' spoken of them without pleasure. Thus will I speak to their pride.
So will ich ihnen vom Verächtlichsten sprechen: das aber ist der letzte Mensch."Thus I will speak to them of the most scorned of all men: but that is the Last Man.
Und also sprach Zarathustra zum Volke:And thus spoke Zarathustra to the people:
Es ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze.
It is time that Man stuck fast his goal. It is time that Man planted the germ of his highest hope.
Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können.
Already is his soil rich enough. But this soil will be poor and subdued, and no high tree will be able to thrive in it.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren!
Woe! The time comes, where Man will no longer send the arrow of his yearning over Mankind, and the string of his bow unlearnt how to shoot!
Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.
I say to you: one must still have Chaos in one, to birth a dancing star. I say to you: you have still Chaos in you.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Weit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.
Woe! The time comes where Man will birth no more stars. The time comes of the man most despised: he who is no longer capable of despising himself.
Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.
Look! I show you the Last Man.
"Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern" — so fragt der letzte Mensch und blinzelt.
"What is love? What is genius? What is yearning? What is a star?" thus asks the Last Man and blinks.
Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.
Then the Earth will become small, and the Last Man who makes everything small will hop onto the small earth. His kind is ineradicable like the ground-flea; the Last Man lives the longest.
"Wir haben das Glück erfunden" — sagen die letzten Menschen und blinzeln.
"We have found happiness" — say the Last Men and blink.
Sie haben den Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme.
They have left the Progressors where it was hard to live: because one needs warmth. One loves the neighbour still and rubs oneself against him: because one needs warmth.
Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Thor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!
Illness and distrustfulness they deem sinful: of those one is careful. They deem a fool he who still stumbles over stones, or men!
Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.
A little malice off and on: that makes pleasant dreams. And much malice at last, for a pleasant death.
Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt dass die Unterhaltung nicht angreife.
One works still, because work is a gossipping. But one is concerned to avoid the gossip becoming burdensome.
Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.
Man becomes no more poor or rich: both are too inconvenient. Who still wants to rule? Who still wants to obey? Both are too much trouble.
Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in's Irrenhaus.
No herdsman and one herd! Each wants the same, each is equal: who feels differently goes willingly to the lunatic asylum.
"Ehemals war alle Welt irre" — sagen die Feinsten und blinzeln.
"Ere were all the world insane" — say the most refined of them and blink.
Man ist klug und weiss Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald — sonst verdirbt es den Magen.
One is shrewd and knows all that has happened: thus one has no end to one's mockery. One quarrels still, but soon reconciles oneself; otherwise it ruins one's digestion.
Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.
One has his little desire for the day and his little desire for the night: but one reveres health.
"Wir haben das Glück erfunden" — sagen die letzten Menschen und blinzeln —
"We have found happiness" — say the Last Men and blink.
Und hier endete die erste Rede Zarathustra's, welche man auch "die Vorrede" heißt: denn an dieser Stelle unterbrach ihn das Geschrei und die Lust der Menge. "Gieb uns diesen letzten Menschen, oh Zarathustra, — so riefen sie — mache uns zu diesen letzten Menschen! So schenken wir dir den Übermenschen!" Und alles Volk jubelte und schnalzte mit der Zunge. Zarathustra aber wurde traurig und sagte zu seinem Herzen: And here ended the first of Zarathustra's discourses, which one also calls "the Prologue": at this point the cry and passion of the rabble interrupted him. "Give us this Last Man, oh Zarathustra, —" cried they, "make us into this Last Man! So we give you the Super-Man!" And all the people were jubilated and smacked their lips at him. But Zarathustra became sad and said to his heart:
Sie verstehen mich nicht: ich bin nicht den Mund für diese Ohren.
They understand me not: I am not the mouth for these ears.
Zu lange wohl lebte ich im Gebirge, zu viel horchte ich auf Bäche und Bäume: nun rede ich ihnen gleich den Ziegenhirten.
Too long perhaps, have I lived in the mountains, too long have I heard the brooks and trees: now I discourse to them like goatherds.
Unbewegt ist meine Seele und hell wie das Gebirge am Vormittag. Aber sie meinen, ich sei kalt und ein Spötter in furchtbaren Späßen.
Unmoved is my soul and bright like the mountains in the morning. But they suppose me to be cold and a mocker with terrifying jests.
Und nun blicken sie mich an und lachen: und indem sie lachen, hassen sie mich noch. Es ist Eis in ihrem Lachen.
And now they blink at me and laugh: and in that they laugh, they hate me yet. There is ice in their laughter.

 

6.

6.

Da aber geschah Etwas, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr machte. Inzwischen nämlich hatte der Seiltänzer sein Werk begonnen: er war aus einer kleiner Thür hinausgetreten und gieng über das Seil, welches zwischen zwei Thürmen gespannt war, also, dass es über dem Markte und dem Volke hieng. But then something came to pass that made every mouth mute and every eye to stare. Namely, the rope-dancer had meanwhile begun his work: he had come out of a little door and was going across the rope that, stretched between two towers, hung over the market place and the people.
Als er eben in der Mitte seines Weges war, öffnete sich die kleine Thür noch einmal, und ein bunter Gesell, einem Possenreißer gleich, sprang heraus und gieng mit schnellen Schritten dem Ersten nach. As he came to the middle of his journey, the little door opened once more, and a colourful companion, like a jester, sprang out and went up to the first with quick steps.
"Vorwärts, Lahmfuß," rief seine fürchterliche Stimme, "vorwärts Faulthier, Schleichhändler, Bleichgesicht! Dass ich dich nicht mit meiner Ferse kitzle! Was treibst du hier zwischen Thürmen? In den Thurm gehörst du, einsperren sollte man dich, einem Bessern, als du bist, sperrst du die freie Bahn!" —
"Forward, Lame-foot!" cried his terrible voice, "Forward, Sluggard! Sneaking criminal! Pale-face! Beware lest I tickle you with my heel! What are you doing here between-towers? You belong in the tower, one should lock you up, for you're locking-up the free road for a better man than you!" —
Und mit jedem Worte kam er ihm näher und näher: als er aber nur noch einen Schritt hinter ihm war, da geschah das Erschreckliche, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr machte: — er stieß ein Geschrei aus wie ein Teufel und sprang über Den hinweg, der ihm im Wege war. Dieser aber, als er so seinen Nebenbuhler siegen sah, verlor dabei den Kopf und das Seil; er warf seine Stange weg und schoß schneller als diese, wie ein Wirbel von Armen und Beinen, in die Tiefe. Der Markt und das Volk glich dem Meere, wenn der Sturm hineinfährt: Alles floh aus einander und übereinander, und am meisten dort, wo der Körper niederschlagen mußte. And with each word he came nearer and nearer: but when he was only one step yet behind, the terrible thing happened that made every mouth dumb and each eye stare: he shrieked like a devil and sprang over the one in front who was in the way. But, on seeing his competitor win so, he lost his head and the rope; he flung his stick away and he shot forward into the depths faster than his stick, like a whirl of arms and legs. The market and the people drew back like a storm-riven sea: all flew here and there, and mostly there where the body must strike.
Zarathustra aber blieb stehen, und gerade neben ihn fiel der Körper hin, übel zugerichtet und zerbrochen, aber noch nicht todt. Nach einer Weile kam dem Zerschmetterten das Bewußtsein zurück, und er sah Zarathustra neben sich knieen. "Was machst du da? sagte er endlich, ich wußte es lange, dass mir der Teufel ein Bein stellen werde. Nun schleppt er mich zur Hölle: willst du's ihm wehren?" But Zarathustra stayed still, and right near him fell the body, badly arraigned and broken but not yet dead. After a while the smashed body regained consciousness, and he saw Zarathustra kneeling by him. "What are you doing there?" said he finally, "I knew it long that the Devil would trip me up. Now he's dragging me to Hell: do you want to prevent him?"
"Bei meiner Ehre, Freund, antwortete Zarathustra, das giebt es Alles nicht, wovon du sprichst: es giebt keinen Teufel und keine Hölle. Deine Seele wird noch schneller todt sein als dein Leib: fürchte nun Nichts mehr!"
"On mine honour, friend," answered Zarathustra, "there is nothing of which you speak: there is no Devil and no Hell. Your soul will be dead faster than your body: fear now nothing more!"
Der Mann blickte misstrauisch auf. "Wenn du die Wahrheit sprichst, sagte er dann, so verliere ich Nichts, wenn ich das Leben verliere. Ich bin nicht viel mehr als ein Thier, das man tanzen gelehrt hat, durch Schläge und schmale Bißen." The man looked distrustfully up. "If you speak the truth," he said, "then I leave nothing when I leave life. I am not much more than a beast, that has learnt to dance, through force and scanty bites."
"Nicht doch, sprach Zarathustra; du hast aus der Gefahr deinen Beruf gemacht, daran ist Nichts zu verachten. Nun gehst du an deinem Beruf zu Grunde: dafür will ich dich mit meinen Händen begraben."
"Not so fast," said Zarathustra; "you've made your calling out of danger, and in that there's nothing to despise. Now you sink down by your calling: for that I will bury you with my own hands."
Als Zarathustra diess gesagt hatte, antwortete der Sterbende nicht mehr; aber er bewegte die Hand, wie als ob er die Hand Zarathustra's zum Danke suche. — When Zarathustra had said this, the dying man answered no more; but he motioned his hand as if he sought Zarathustra's hand in thanks.

 

7.

7.

Inzwischen kam der Abend, und der Markt barg sich in Dunkelheit: da verlief sich das Volk, denn selbst Neugierde und Schrekken werde müde. Zarathustra aber sass neben dem Todten auf der Erde und war in Gedanken versunken: so vergass er die Zeit. Endlich aber wurde es Nacht, und ein kalter Wind blies über den Einsamen. Da erhob sich Zarathustra und sagte zu seinem Herzen: Meanwhile, the evening came, and the market-place was covered in darkness: the people left because even curiosity and terror become tired. But Zarathustra sat on the earth near the dead man, and was sunken in thought: so he forgot the time. Finally, however, the night came, and a cold wind blew over the Solitary. Zarathustra rose, and said to his heart:
Wahrlich, einen schönen Fischfang that heute Zarathustra! Keinen Menschen fieng er, wohl aber einen Leichnam.
Truly, today Zarathustra made a lovely fishing! No men caught he, but merely dead remains.
Unheimlich ist das menschliche Dasein und immer noch ohne Sinn: ein Possenreißer kann ihm zum Verhängniss werden.
Homeless is the existence of man and always without sense: a jester can be a death sentence to him.
Ich will die Menschen den Sinn ihres Seins lehren: welcher ist der Übermensch, der Blitz aus der dunklen Wolke Mensch.
I want to teach mankind the sense of their being: which is the Super-Man, the lightning out of the dark cloud of Man.
Aber noch bin ich ihnen ferne, und mein Sinn redet nicht zu ihren Sinnen. Eine Mitte bin ich noch den Menschen zwischen einem Narren und einem Leichnam.
But still I am far from them, and my sense is not conveyed to theirs. A mixture am I still, for mankind, between a lunatic and the remains of a dead man.
Dunkel ist die Nacht, dunkel sind die Wege Zarathustra's. Komm, du kalter und steifer Gefährte! Ich trage dich dorthin, wo ich dich mit meinen Händen begrabe.
Dark is the night, dark are Zarathustra's ways. Come, you cold and stiff fellow! I'll drag you to a place where I shall bury you with my own hands.

 

8.

8.

Als Zarathustra diess zu seinem Herzen gesagt hatte, lud er den Leichnam auf seinem Rücken und machte sich auf den Weg. Und noch nicht war er hundert Schritte gegangen, da schlich ein Mensch an ihn heran und flüsterte ihm in's Ohr — und siehe! Der, welcher redete, war der Possenreißer vom Thurme. "Geh weg von dieser Stadt, oh Zarathustra, sprach er; es hassen dich hier zu Viele. Es hassen dich die Guten und Gerechten und sie nennen dich ihren Feind und Verächter; es hassen dich die Gläubigen des rechten Glaubens, und sie nennen dich die Gefahr der Menge. Dein Glück war es, dass man über dich lachte: und wahrlich, du redetest gleich einem Possenreißer. Dein Glück war es, dass du dich dem todten Hunde geselltest; als du dich so erniedrigtest, hast du dich selber für heute errettet. Geh aber fort aus dieser Stadt — oder morgen springe ich über dich hinweg, ein Lebendiger über einen Todten." Und als er diess gesagt hatte, verschwand der Mensch; Zarathustra aber gieng weiter durch die dunklen Gassen. When Zarathustra had said this to his heart, he loaded the dead man onto his back and set off on the way. But before he went a hundred steps, a man slunk up to him and whispered into his ear — and behold! He who spoke was the jester of the tower. "Go away from this town, oh Zarathustra," he spoke; "you are hated here too much. The good and the righteous hate you and they name you their enemy and scorner; the believers of the right beliefs hate you and they name you the danger of the many. It was your luck that they laughed at you: and truly, you spoke like a jester. It was your luck that you associated yourself with the dead dog; when you belittled yourself, you rescued yourself today. But go away immediately from this town — or tomorrow I'll spring over you, a living one over a dead." And when he had said this, the man disappeared; but Zarathustra went further through the dark streets.
Am Thore der Stadt begegneten ihm die Todtengräber: sie leuchteten ihm mit der Fackel in's Gesicht, erkannten Zarathustra und spotteten sehr über ihn. "Zarathustra trägt den todten Hund davon: brav, dass Zarathustra zum Todtengräber wurde! Denn unsere Hände sind zu reinlich für diesen Braten. Will Zarathustra wohl dem Teufel seinen Bissen stehlen? Nun wohlan! Und gut Glück zur Mahlzeit! Wenn nur nicht der Teufel ein besserer Dieb ist, als Zarathustra! — er stiehlt die Beide, er frisst sie Beide!" Und sie lachten mit einander und steckten die Köpfe zusammen. At the gateway of the city the gravediggers met him: they shone their torch onto his face, recognised Zarathustra and greatly mocked him. "Zarathustra drags the dead dog away: bravo, that Zarathustra becomes a gravedigger! Because our hands are too pure for this fry-up. Will Zarathustra steal from the Devil his nibbles? Well then! And good luck at your meal! Now if the devil were not a better thief, than Zarathustra! — he'll steal both, he'll gorge himself on both!" And they laughed with each other and stuck their heads together.
Zarathustra sagte dazu kein Wort und gieng seines Weges. Als er zwei Stunden gegangen war, an Wäldern und Sümpfen vorbei, da hatte er zu viel das hungrige Geheul der Wölfe gehört, und ihm selber kam der Hunger. So blieb er an einem einsamen Hause stehn, in dem ein Licht brannte. Zarathustra said no word to that and went on his way. When he had walked for two hours, past the forests and swamps, there he had too much heard the hungry howl of a wolf, and to him also came hunger. So he stopped at a lonely house in which a light burnt.
Der Hunger überfällt mich, sagte Zarathustra, wie ein Räuber. In Wäldern und Sümpfen äberfällt mich mein Hunger und in tiefer Nacht.
Hunger overcomes me, said Zarathustra, like a robber. In forests and swamps my hunger overcomes me and in the deep of night.
Wunderliche Launen hat mein Hunger. Oft kommt er mir erst nach der Mahlzeit, und heute kam er den ganzen Tag nicht: wo weilte er doch?
Wonderful humours has my hunger. Often it comes to me first after mealtime, and today it didn't come for the whole day: yet where was it?
Und damit schlug Zarathustra an das Thor des Hauses. Ein alter Mann erschien; er trug das Licht und fragte: "Wer kommt zu mir und zu meinem schlimmen Schlafe?"And for that reason Zarathustra knocked on the door of the house. An old man appeared; he carried a light and asked: "Who comes to me and to my troubled sleep?"
"Ein Lebendiger und ein Todter, sagte Zarathustra. Gebt mir zu essen und zu trinken, ich vergaß es am Tage. Der, welcher den Hungrigen speiset, erquickt seine eigene Seele: so spricht die Weisheit."
"A living and a dead man," said Zarathustra. "Give me something to eat and drink, I forgot it during the day. He who gives the hungry man food, revives his own soul: so speaks wisdom.
Der Alte gieng fort, kam aber gleich zurück und bot Zarathustra Brod und Wein. "Eine böse Gegend ist's für Hungernde, sagte er; darum wohne ich hier. Thier und Mensch kommen zu mir, dem Einsiedler. Aber heiße auch deinen Gefährten essen und trinken, er ist müder als du." Zarathustra antwortete: "Todt ist mein Gefährte, ich werde ihn schwerlich dazu überreden." "Das geht mich Nichts an, sagte der Alte mürrisch; wer an meinem Hause anklopft, muss auch nehmen, was ich ihm biete. Esst und gehabt euch wohl!" —
The old man went immediately, but came back even so and bade Zarathustra take bread and wine. "An evil region it is for the hungry," he said; "that's why I live here. Animals and men come to me, the recluse. But call your travelling companion also to eat and drink, he is as tired as you." Zarathustra answered: "Dead is my travelling companion, I carried him here with difficulty." "That is not my concern," said the old man morosely; "whoever knocks at my house must also take what I bid him. Eat and fare you both well!" —
Darauf gieng Zarathustra wieder zwei Stunden und vertraute dem Wege und dem Lichte der Sterne: denn er war ein gewohnter Nachtgänger und liebte es, allem Schlafenden in's Gesicht zu sehn. Als aber der Morgen graute, fand sich Zarathustra in einem tiefen Walde, und kein Weg zeigte sich ihm mehr. Da legte er den Todten in einen hohlen Baum sich zu Häupten — denn er wollte ihn vor den Wölfen schützen — und sich selber auf den Boden und das Moos. Und alsbald schlief er ein, müden Leibes, aber mit einer unbewegten Seele. From there Zarathustra went again two hours and trusted the way and the light of the stars: because he was a habitual night-walker and loved to look at the face of all the sleepers. But as the morning-rose came, Zarathustra found himself in a deep forest, and the way did not show itself to him any more. There he lay the dead man in a hollow tree at his head — because he would defend him from the wolves — and lay himself on the ground and the moss. And soon he fell asleep, tired in body, but with an undisturbed soul.

 

9.

9.

Lange schlief Zarathustra, und nicht nur die Morgenröthe gieng über sein Antlitz, sondern auch der Vormittag. Endlich aber that sein Auge sich auf: verwundert sah Zarathustra in den Wald und die Stille, verwundert sah er in sich hinein. Dann erhob er sich schnell, wie ein Seefahrer, der mit Einem Male Land sieht, und jauchzte: denn er sah eine neue Wahrheit. Und also redete er dann zu seinem Herzen: Long slept Zarathustra, and not only the rosy dawning of day went past his face, but also the whole morning. Finally his eyes opened: wonderingly Zarathustra saw the forest and the stillness, wonderingly he saw into himself. Then he rose quickly, like a seefarer that sees land on the instant and shouts with joy: because he saw a new truth. And thus he spoke to his heart:
Ein Licht gieng mir auf: Gefährten brauche ich und lebendige, — nicht todte Gefährten und Leichname, die ich mit mir trage, wohin ich will.
A light travels onto me: I need travelling companions and alive ones, — not dead travelling companions and mortal remains, that I can drag with me where I will.
Sondern lebendige Gefährten brauche ich, die mir folgen, weil sie sich selber folgen wollen — und dorthin, wo ich will.
On the contrary I need living travelling companions, that follow me, because they wish to follow their own selves — and go there, where I will.
Ein Licht gieng mir auf: nicht zum Volke rede Zarathustra, sondern zu Gefährten! Nicht soll Zarathustra einer Hërde Hirt und Hund werden!
A light travels onto me: not to the people will Zarathustra speak, but only to accompanying travellers! Zarathustra shall not be to the herd a herdsman and a dog!
Viele wegzulocken von der Hërde — dazu kam ich. Zürnen soll mir Volk und Hërde: Räuber will Zarathustra den Hirten heißen.
To entice many away from the herd — for that I came. People and herd shall be angry with me: robber will the herd call Zarathustra.
Hirten sage ich, aber sie nennen sich die Guten und Gerechten. Hirten sage ich: aber sie nennen sich die Gläubigen des rechten Glaubens.
Herdsmen I say, but they call themselves the good and the righteous. Herdsmen I say: but they call themselves the believers of righteous beliefs.
Siehe die Guten und Gerechten! Wen haßen sie am meisten? Den, der zerbricht ihre Tafeln der Werthe, den Brecher, den Verbrecher: — das aber ist der Schaffende.
Behold the good and the righteous! Whom do they hate most? Him who breaks their tables of values into pieces, the breaker, the law-breaker: — but that man is creative.
Siehe die Glüubigen aller Glauben! Wen haßen sie am meisten? Den, der zerbricht ihre Tafeln der Werthe, den Brecher, den Verbrecher: — das aber ist der Schaffende.
See the believers of all beliefs! Whom do they hate the most? Him that breaks their tables of values, the breaker, the law-breaker: — but he is the creative one.
Gefährten sucht der Schaffende und nicht Leichname, und auch nicht Hërden und Gläubige. Die Mitschaffenden sucht der Schaffende, Die, welche neue Werthe auf neue Tafeln schreiben.
Companions, the creative one seeks, and not dead men, and also not herdsmen and believers. Co-creators, the creative one seeks, those who inscribe new values on new tables.
Gefährten sucht der Schaffende, und Miterntende: denn Alles steht bei ihm reif zur Ernte. Aber ihm fehlen die hundert Sicheln: so rauft er Ähren aus und ist ärgerlich.
Companions, the creative one seeks, and co-harvesters: since everything with him is ripe for the harvest. But he needs a hundred sickles: so he plucks ears off the corn and is irritable.
Gefährten sucht der Schaffende, und solche, die ihre Sicheln zu wetzen wissen. Vernichter wird man sie heißen und Verächter des Guten und Bösen. Aber die Erntenden sind es und die Feiernden.
Companions, the creative one seeks, and such that know how to whet their sickles. Destroyers will one call them and despisers of good and evil. But they are harvesters and celebrators.
Mitschaffende sucht Zarathustra, Miterntende und Mitfeiernde sucht Zarathustra: was hat er mit Hërden und Hirten und Leichnamen zu schaffen!
Co-creators, seeks Zarathustra; co-harvestors and co-celebrators seeks Zarathustra: what creation had he to make of herds and herdsmen and mortal remains!
Und du, mein erster Gefährte, gehab dich wohl! Gut begrub ich dich in deinem hohlen Baume, gut barg ich dich vor den Wölfen.
And you, my first companion, go well! It's well how I buried you in your hollow tree, well how I embargo'd you from the wolves.
Aber ich scheide von dir, die Zeit ist um. Zwischen Morgenröthe und Morgenröthe kam mir eine neue Wahrheit.
But I depart from you, the time has come. Between morning-rose and morning-rose came a new truth to me.
Nicht Hirt soll ich sein, nicht Todtengräber. Nicht reden einmal will ich wieder mit dem Volke; zum letzten Male sprach ich zu einem Todten.
Not herdsman shall I be, not grave-maker for the dead. Not once more will I speak with the people; for the last time I have spoken to a dead man.
Den Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich zugesellen: den Regenbogen will ich ihnen zeigen und alle die Treppen des Übermenschen.
The creative ones, the harvesters, the celebrators, will I associate with: the rainbow I will show them and all the steps of the Super-man.
Den Einsiedlern werde ich mein Lied singen und den Zweisiedlern; und wer noch Ohren hat für Unerhörtes, dem will ich sein Herz schwer machen mit meinem Glücke.
To the single recluses will I sing my song and to the double recluses; and whomever still has ears for the unheard, I will make his heart heavy with my happiness.
Zu meinem Ziele will ich, ich gehe meinen Gang; über die Zögernden und Saumseligen werde ich hinwegspringen. Also sei mein Gang ihr Untergang!
To my goal I will, I go my going; over the dithering and slack will I spring. Thus may my going be their down-going!

 

10.

10.

Diess hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne im Mittag stand: da blickte er fragend in die Höhe — denn er hörte über sich den scharfen Ruf eines Vogels. Und siehe! Ein Adler zog in weiten Kreisen durch die Luft, und an ihm hieng eine Schlange, nicht einer Beute gleich, sondern einer Freundin: denn sie hielt sich um seinen Hals geringelt. Zarathustra had spoken this to his heart as the sun reached noon: he looked questioning into the heights — because he heard over himself the sharp cry of a bird. And see! An eagle flew in wide circles through the air, and on him hung a serpent but not like prey, on the contrary it hung there as a friend: because it held itself coiled to the eagle's throat.
"Es sind meine Thiere!" sagte Zarathustra und freute sich von Herzen.
"It's my animals!" said Zarathustra and his heart gladdened.
"Das stolzeste Thier unter der Sonne und das klügste Thier unter der Sonne — sie sind ausgezogen auf Kundschaft.
"The most splendid animal under the sun and the the most subtle animal under the sun — they are out gathering intelligence.
Erkunden wollen sie, ob Zarathustra noch lebe. Wahrlich, lebe ich noch?
They wish to know if Zarathustra still lives. Truly, do I still live?
Gefährlicher fand ich's unter Menschen als unter Thieren, gefährlicher Wege geht Zarathustra. Mögen mich meine Thiere führen!"
Ill-faring I found it among men as among beasts, Zarathustra takes ill-faring ways. May my animals lead me!"
Als Zarathustra diess gesagt hatte, gedachte er der Worte des Heiligen im Walde, seufzte und sprach also zu seinem Herzen: When Zarathustra had said this, he thought of the word of the holy man in the forest, sighed, and spoke thus to his heart:
Möchte ich klüger sein! Möchte ich klug von Grund aus sein, gleich meiner Schlange!
May I be clear-sighted! May I be subtle in understanding from the very core of existence, like my snake!
Aber Unmögliches bitte ich da: so bitte ich denn meinen Stolz, dass er immer mit meiner Klugheit gehe!
But I plead for improbabilities there: thus, then I plead for my high pride always to go with my subtle intelligence.
Und wenn mich einst meine Klugheit verläßt: — ach, sie liebt es, davonzufliegen! — möge mein Stolz dann noch mit meiner Thorheit fliegen!
And if ever my intelligence leaves me: — ah, it loves to fly forth! — may my sense of dignity then still fly with my folly!
— Also begann Zarathustra's Untergang.
Thus began Zarathustra's down-going.

 

 

 

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